Ansiedlung von Flüchtlingen und Vertriebenen in Wertheim

Blick in den Nähmaschinensaal der Wäschefabrik Geyer in der Flüchtlingssiedlung Wertheim-Reinhardshof,1947. Quelle LABW (StAW S S 11)
Blick in den Nähmaschinensaal der Wäschefabrik Geyer in der Flüchtlingssiedlung Wertheim-Reinhardshof,1947. Quelle LABW (StAW S S 11)

Mit der Zuweisung erster Flüchtlinge im Februar 1946 begann nicht nur für die Heimatvertriebenen, sondern auch für die Stadt Wertheim eine neue Zeit.

Der hoch über dem Taubertal gelegene ehemalige Fliegerhorst Reinhardshof sollte sich für einige Jahre zu einer eigenen Flüchtlingsstadt entwickeln. Genutzt wurden die 1936/37 erbauten Wohngebäude, Werkstatt- und Flugzeughallen, welche kurz vor Kriegsende durch deutsche Truppen gesprengt worden waren. Etwa die Hälfte der Bausubstanz wurde dabei zerstört. Auch die Einquartierung ehemaliger russischer und polnischer Zwangsarbeiter bis Ende 1945 hatte Spuren hinterlassen. Die dem Landratsamt unterstehende Flüchtlingssiedlungsverwaltung musste die beschädigten Gebäude zunächst notdürftig herrichten. Der größte Teil der bis Ende 1946 in Wertheim angekommenen rund 2200 aus Ungarn und der Tschechoslowakei Vertriebenen konnte auf dem Reinhardshof untergebracht werden. Neben Wohnraum galt es vor allem, den Neuankömmlingen Arbeit zu verschaffen. Die bereits in Wertheim ansässigen Gewerbebetriebe konnten dies allein nicht leisten. So waren Landkreis und Stadt bemüht, neue Industrie- und Handelsbetriebe anzusiedeln. Meist aus dem Kreis der Flüchtlinge heraus wurden Geschäfte für den täglichen Bedarf eröffnet – eine Bäckerei, ein Lebensmittelgeschäft, ein Metzger, ein Friseur. Die Instandsetzung der Räume in den ruinösen Gebäuden des Reinhardshofs – Einbau von Türen, Fenstern und Wänden etc. – mussten die Geschäftsleute selbst organisieren. Keine leichte Aufgabe in Zeiten der Baustoffkontingentierung, wie man in den Akten des Kreisarchivs im Archivverbund Main-Tauber nachlesen kann.

Mit der Wäschefabrik Geyer konnte ein großer Arbeitgeber gefunden werden. Die Firma hatte zunächst direkt in Wertheim den Betrieb aufgenommen und siedelte im Juli 1947 auf den Reinhardshof um. Sie beschäftigte hauptsächlich in der Näherei über 100 Arbeiterinnen. Einer der ersten Industriebetriebe auf dem Areal war die Strowen KG, eine Fabrik für Glasverformung. Mit starker finanzieller Unterstützung des Landkreises wurden aus den zerstörten Flugzeughallen Räume zur Produktion von medizinisch-pharmazeutischen Glasartikeln geschaffen. Nach dem plötzlichen Tod des in Ulm ansässigen Inhabers übernahm der ehemalige Landrat Hermann Götz, von Beruf Kaufmann und Reeder, den Betrieb. Da dieser nicht prosperierte, nutzten weitere Firmen aus der Glasbranche die Gewerberäume, die Thermometer- und Glasinstrumentenfabriken Schneider, Amarell, Graf und Brand. Rudolf Brand übernahm schließlich die ehemalige Strowen KG.Mit der Ansiedlung dieser aus der Sowjetzone geflüchteten Thüringer Unternehmen begann der Aufstieg Wertheims zum größten Industriestandort im Main-Tauber-Kreis. Die Nachkriegszeit auf dem Reinhardshof ging 1952 mit der Umnutzung des Areals zur US-amerikanischen Kaserne zu Ende. Die Bewohner und Betriebe wurden größtenteils in die neu erbauten Siedlungen Wertheim-Bestenheid bzw. Wertheim-Hofgarten umgesiedelt.

Claudia Wieland

Quelle: Archivnachrichten 36 (2008), S. 24.

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