Maueranschläge als Kommunikationsmittel im Ersten Weltkrieg

Kriegsfinanzierung durch die Heimatfront, Grafik von Julius Diez. Vorlage : Landesarchiv HStAS J 151 Nr. 2165
Kriegsfinanzierung durch die Heimatfront, Grafik von Julius Diez. Vorlage : Landesarchiv HStAS J 151 Nr. 2165

Stellen Sie sich vor, es gab eine Zeit, in der Kommunikation ohne große technische Hilfsmittel erfolgen musste. Weder Internet, noch Fernsehen, noch Rundfunk konnten zur Verbreitung von Informationen an eine breite Öffentlichkeit genutzt werden. Wenn man im Ersten Weltkrieg der Bevölkerung etwas mitteilen wollte, war man gezwungen, auf den Daten- und Informationsträger Papier zurückzugreifen. Nachrichten, Aufrufe, Verlautbarungen und Befehle mussten in großer Anzahl gefertigt werden, um sie der Öffentlichkeit zugänglich und bekannt zu machen.

Das Hauptstaatsarchiv Stuttgart verwahrt im Bestand J 151 Maueranschläge tausende dieser Plakate. Die Bezeichnung Maueranschläge verweist auf das einfache Anbringen der Befehle, Bekanntmachungen, Verbote, Verordnungen, Mahnungen und Warnungen an Mauerwänden, an denen sie für jeden sichtbar und lesbar befestigt wurden. Nicht nur die Form der Verbreitung war schlicht, auch die Plakate selbst waren in der Regel anspruchslos gestaltet. Aufgrund der Kriegssituation stand nur einfaches, oft zeitungsdünnes und qualitativ schlechtes Papier zur Verfügung. In weit überwiegender Zahl kamen die Textplakate ohne aufwendige grafische Gestaltung aus. Um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu gewinnen, wurde allenfalls die Überschrift in großen Lettern gedruckt und häufig das Papier in Signalfarben (gelb, rot, blau) eingefärbt. Die Militärbehörden nutzten die Maueranschläge im Ersten Weltkrieg vor allem in den besetzten Gebieten Belgiens und Frankreichs als Kommunikationsmittel und Propagandainstrument gegenüber der ansässigen Bevölkerung. In der Regel waren sie in Frankreich zweisprachig (deutsch – französisch), in Belgien dreisprachig (deutsch – französisch – flämisch) abgefasst. Inhaltlich dienten sie unter anderem zur Bekanntmachung kriegswirtschaftlicher Maßnahmen wie der Festsetzung von Höchstpreisen, dem Erfassen und Requirieren von militärisch verwertbaren Vorräten und Rohstoffen, zur Meldung der Bestrafung Einheimischer – zum Teil auch ganzer Gemeinden – oder zum Einschärfen erwünschter Verhaltensweisen. Die Bevölkerung der besetzten Gebiete wurde von der Besatzungsmacht angewiesen, die Einhaltung der Sperrstunden, Verdunklungsmaß- nahmen oder das Versammlungs- und Streikverbot zu beachten. Je länger der Krieg dauerte, umso mehr schwanden die kriegswichtigen Ressourcen; und umso rigoroser und schärfer wurde auch die Ausbeutung der Erzeugnisse und Rohstoffe in den besetzten Gebieten vorangetrieben, was sich ebenfalls an den Maueranschlägen ablesen lässt. Auch wenn die deutsche Besatzungspolitik des Zweiten Weltkriegs in ihrer Härte und Unmenschlichkeit nicht mit der des Ersten Weltkriegs vergleichbar ist, empfanden die meisten Belgier und Franzosen in den besetzten Gebieten die deutsche Militärverwaltung als repressive und a gressive feindliche Macht, die ihr Leben und ihren Alltag bestimmte.

Neben den in den besetzten Gebieten angebrachten Maueranschlägen gibt es auch eine Vielzahl von Plakaten, die in Deutschland selbst verbreitet wurden. Sie dienten zum einen als Werbung für die Zeichnung der Kriegsanleihen, mit denen das Deutsche Reich die Kosten des Kriegs finanzierte, zum anderen wurde die Unterstützung der kämpfenden Truppen an der Heimatfront propagiert.

  • Info: Das Hauptstaatsarchiv Stuttgart präsentiert in Erinnerung an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs annähernd 3.000 Maueranschläge des Bestands J 151 mit Bildern im Internet, um der Öffentlichkeit einen unmittelbaren Zugriff auf diese beeindruckende und historisch bedeutsame Sammlung zu ermöglichen. Das Findbuch mit den Abbildungen findet sich hier.

Peter Bohl

Quelle: Archivnachrichten 48 (2014), S. 10-11.

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