Die Wertheimer Glasindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg

Werbeblatt der Wertheimer Glasindustrie vom März 1950 - Quelle LABW StAWt
Werbeblatt der Wertheimer Glasindustrie vom März 1950 - Quelle LABW StAWt

Wenn's eines gibt gewaltiger als das Schicksal, dann ist's der Mut, der's unerschüttert trägt. - Der zitierte Sinnspruch von Emanuel Geibel steht einem Werbeblatt zehn Wertheimer Glasbetriebe vom März 1950 voran. Diese, ein Kreis von thüringischen Glasfachleuten sowie eine Anzahl selbständiger glasverarbeitender und flachglasveredelnder Betriebe, bewerben damit ganz selbstbewusst ihr jeweiliges im In- und Auslande anerkannte Produktionsprogramm, anknüpfend an die altbewährten Traditionen dreier Ilmenauer Firmen und den alten Freunden sowie den neuen Interessenten zur Information. Doch wie kam es zu dieser räumlichen Konzentration der Glasindustrie, die bis heute für Wertheim wesentlich ist?

So unglaublich es klingt, es war vor allem Zufall, dass die vor den Repressalien in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. DDR geflohenen oder andernorts ausgebombten Unternehmer sich in Wertheim zusammenfanden: durch zufällige Bekanntschaften, durch illegales Abhören des Westrundfunks oder durch verwandtschaftliche Beziehungen erfuhr man von leer stehenden Industriehallen, von ersten Ansiedlungen der Glasindustrie, von vorhandenen Arbeitskräften, vom beginnenden Aufschwung. Sofort strebte man die Errichtung einer Glashütte als notwendiger Voraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit an, den beim technischen Hohlglas lag in Thüringen das Monopol, wovon man nun abgeschnitten war. Mit finanzieller Unterstützung des Landes Baden wurde sie 1950 errichtet, bald beschäftigte sie über 500 Mitarbeiter. Für die Versorgung mit Wohnraum wurde in unmittelbarer Nähe die Glashüttensiedlung errichtet, weitere Wohnbauprogramme folgten. Die Glasindustrie florierte. Die Gründung mehrerer verwandter Institutionen unterstützte diese Entwicklung: 1951 Interessengemeinschaft der Wertheimer Glasindustrie e.V. (anfangs 23 Betriebe mit rund 700 Arbeitskräften, Vorläufer 1950: Glasbüro Dr. Klein zur Beratung und Gesamtplanung der Glasindustrie); 1951 Forschungsgemeinschaft für technisches Glas e.V. zur Unterstützung der Laborglasindustrie (seit 1995 in Kooperation mit dem Fraunhofer Institut für Silikatforschung ISC, Außenstelle Bronnbach); 1952 Eichamt für Glasmessgeräte Wertheim (heute Außenstelle des Eichamts Heilbronn); 1956 Bundesfachschule für Glasinstrumententechnik mit Schülern aus dem In- und Ausland (heute Berufsfachschule für Glastechnik, Glasapparatebauer, Leuchtröhrenglasbläser, Thermometermacher u.a.). In der Folgezeit erreichten die Wertheimer Glasindustrie und die mit ihr verbundenen Betriebe trotz konjunktureller Schwankungen hohe Wachstumsraten. Auch heute ist sie mit etwa 100 Glas erzeugenden und verarbeitenden Betrieben, darunter Weltmarktführern, und rund 3.000 Arbeitsplätzen der bedeutendste Wirtschaftszweig in Wertheim. Unterlagen zu dieser Entwicklung befinden sich in der Überlieferung der Stadtund Kreisverwaltung – doch von besonderer Bedeutung sind hier die Archive einzelner Firmen sowie der Vereine und Institutionen. Ein Firmenarchiv sowie das Archiv der Forschungsgemeinschaft Technisches Glas liegen bereits im Stadtarchiv. Weitere Kontakte sind geknüpft.

Monika Schaupp

Quelle: Archivnachrichten 44 (2012), S.10-11.

s. auch: Claudia Wieland: Ansiedlung von Flüchtlingen und Vertriebenen in Wertheim. Archivnachrichten 36 (2008), S. 24.

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