Strahlende Milch: Die baden-württembergische Landesregierung und die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl

Konzentration von Jod 131 in Molkereimilch in Baden-Württemberg, Mai/Juni 1986. Vorlage: Landesarchiv BW, HStAS EA 8/604 Bü 7/19, Heft 2
Konzentration von Jod 131 in Molkereimilch in Baden-Württemberg, Mai/Juni 1986. Vorlage: Landesarchiv BW, HStAS EA 8/604 Bü 7/19, Heft 2

Die Milchwerte waren nach wie vor kritisch. Als Ministerialrat Dr. Paul Jägerhuber am 4. Mai 1986 gegen 18 Uhr die neuesten Messergebnisse der Landesanstalt für Umweltschutz in Händen hielt, bestätigten die Zahlen, dass Vorsicht geboten war. Die Konzentration von Jod 131 in der Molkereimilch lag zwar an fast allen Kontrollstellen in Baden-Württemberg deutlich unter dem Richtwert von 500 Becquerel pro Liter, der von der Strahlenschutzkommission des Bundesinnenministeriums festgelegt worden war. Doch gab es Ausreißer nach oben: So wurden in einer am 3. Mai gezogenen Pfullendorfer Probe 809 Becquerel pro Liter gemessen. Die Kühe, von denen die dort untersuchte Milch stammte, hatten Grünfutter erhalten.

Paul Jägerhuber stand seit Tagen im Brennpunkt des Geschehens. Als Leiter des Referats Lebensmittel-, Arzneimittel- und Apothekenwesen im Sozialministerium Baden-Württemberg war er für die Lebensmittelsicherheit im Land verantwortlich. Seitdem am 28. April 1986 die ersten Nachrichten über eine Reaktorkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl die Bundesrepublik Deutschland erreicht hatten, überschlugen sich die Ereignisse: Das Telefon stand nicht mehr still, ein Termin jagte den nächsten, Besprechungen folgten in raschem Rhythmus aufeinander. Auch heute, am Sonntag, war Jägerhuber selbstverständlich im Dienst.

Die von Politik und Medien mit teilweise widersprüchlichen Informationen versorgte Bevölkerung war verunsichert. Welche Lebensmittel konnte man noch ohne Bedenken verzehren? Reichte es aus, Blattgemüse vor dem Essen zu waschen? War das Trinkwasser verseucht? Zeigte sich eine erhöhte Radioaktivität im Wurzelgemüse, im Fleisch – in der Frischmilch? Baden-Württemberg war nach Bayern die am meisten von der Reaktorkatastrophe betroffene Region in Deutschland. Vor allem in Oberschwaben war es am 30. April infolge von Niederschlägen zur Ablagerung von radioaktiven Stoffen am Boden gekommen. Wenige Stunden nachdem Paul Jägerhuber über die aktuelle Strahlenbelastung der Milch in Baden-Württemberg informiert worden war, erhielt das Landwirtschaftsministerium neueste Auswertungen von Gras-Bewuchsproben. Die Analysen zeigten, dass im Land die Aktivität von Jod 131 über dem Grenzwert von 250 Becquerel pro Kilogramm lag, den die Strahlenschutzkommission am selben Tag übermittelt hatte. Landwirtschaftsminister Gerhard Weiser, dessen Behörde nach Bekanntwerden des Atomunglücks in der Sowjetunion das Krisenmanagement der Landesregierung koordinierte, informierte daraufhin noch in der Nacht zum 5. Mai 1986 die Öffentlichkeit. Der Minister bekräftigte die bereits am 1. Mai an die Landwirte ergangene Aufforderung, bis auf Weiteres auf Grünfütterung und Beweidung zu verzichten. Vor einer Direktabholung von Milch bei den Höfen wurde dringend gewarnt. Erstmals empfahl Weiser, den Verzehr von Blattgemüse aus Freiland einzustellen; der Vertrieb der entsprechenden Waren auf den Märkten Baden-Württembergs wurde untersagt.

Die Empfehlungen der Landesregierung vom 5. Mai 1986 blieben zehn Tage in Kraft. Spätere Messungen über die radioaktive Belastung der Lebensmittel erbrachten Werte, die eine gesundheitliche Gefährdung der Bevölkerung ausschlossen.

Die Katastrophe von Tschernobyl blieb auch nach dem Abklingen der akuten Gefahren ein wichtiges Thema der Politik in der Bundesrepublik Deutschland. Ab Dezember 1986 wurde eine bundesweite Überwachung der Umweltradioaktivität eingeleitet. Die Umweltpolitik erfuhr im Gefolge des Unglücks eine organisatorische Aufwertung: Im Juni 1986 wurde ein Bundesumweltministerium gegründet, im Juli 1987 erhielt Baden-Württemberg ein Umweltressort. Trotz dieser und anderer Maßnahmen geriet die Stromerzeugung durch Kernkraft nach Tschernobyl immer stärker in die Kritik.

 Wolfgang Mährle

Quelle: Archivnachrichten 53 (2016), S.30-31.

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