Von Martin Luther und Papisten. Der letzte evangelische Pfarrer in Reicholzheim bei Wertheim

Die auf einer Karte von 1817 dargestellte Kirche entspricht nicht dem Bau, in dem Valentin Purmann wirkte. Der Neubau wurde unter Abt Joseph Hartmann (1699–1724) begonnen und 1713 vollendet. Vorlage: Landesarchiv BW StAWt-R K Nr. 396
Die auf einer Karte von 1817 dargestellte Kirche entspricht nicht dem Bau, in dem Valentin Purmann wirkte. Vorlage: Landesarchiv BW StAWt-R K Nr. 396

Die Grafschaft Wertheim gehörte zu den Territorien, die sich gleich beim Aufkommen der neuen Lehre zuwandten. Rund 150 Jahre später lagen das Kloster Bronnbach und die evangelische Grafschaft im Streit um drei Ortschaften, die ursprünglich zum Kloster gehört hatten. Eine davon war Reicholzheim. Nach längeren Auseinandersetzungen wurde es in einem Urteil des Reichskammergerichts von 1672 der katholischen Seite zugesprochen. Neben den großen Konflikten, die auf Reichsebene ausgefochten wurden, gab es aber auch die kleinen Alltagsgeschichten, die ein Bild von den Umwälzungen jener Zeit wieder geben.

Als sich Valentin Purmann, evangelischer Pfarrer in Nassig in der Grafschaft Wertheim, im Jahr 1658 bei den evangelischen Grafen auf die vakante Pfarrei Reicholzheim bewirbt, ahnt er vermutlich nicht, was auf ihn zukommt. Im Jahr 1660 tritt er sein Amt an. Am Anfang scheint das Zusammenleben der Gemeinde, die bei wechselnden Herrschaften auch jedes Mal die Konfession ändern muss, mit dem neuen Pfarrer noch zu funktionieren. Der Schultheiß berichtet jedenfalls, dass der Geistliche regelmäßig mit Brennholz aus den Gemeindewaldungen versorgt wird.

An den zunehmenden Händeln in den folgenden Jahren ist der Abt von Bronnbach, der in seinem ehemaligen Klosterdorf auf keinen Fall an Einfluss verlieren will, nicht ganz unschuldig. Im Oktober 1662 bringt Purmann bei den Grafen von Wertheim folgende Umtriebe zur Anzeige: Als drei Reicholzheimer Jungen bei der Weinlese in den Klosterweinbergen helfen, werden sie von Bronnbacher Mönchen Glaubensproben unterworfen und beleidigt, unter anderem mit der Frage, warum die Prädikanten so kurze Röcke trügen. Die Antwort laute, Luther sei nach seinem Verlassen des Klosters in eine Kloake gefallen und habe sich seinen Rock entsprechend kurz abschneiden lassen müssen. Außerdem berichtet der Pfarrer, wie liederlich sich die Mönche gegenüber den Jungs über Brot und Wein in der Kirche geäußert hätten.

Zudem habe ein Bronnbacher Mönch etliche Jungs auf dem Feld angesprochen und versucht, sie durch Drohungen zum wahren  Glauben zu bekehren, denn die Lutherischen werden (S.V.) dem Teufel in Hintern fahren müssen. Der Streitigkeiten wohl müde, versucht Purmann bereits im Mai 1663 auf die Pfarrstelle nach Kreuzwertheim zu wechseln, was ihm aber nicht gelingt.

Brisant wird für Purmann die Lage im Jahr 1674. Er berichtet nach Wertheim von Eingriffen des Bronnbacher Abtes in sein Amt. Außerdem fühlt er sich verleumdet. So soll er die Ältesten des Dorfgerichts als Alte Mamelucken  tituliert haben. Dafür wird ihm vom Abt eine Strafe von 15 Gulden auferlegt. Purmann schildert sich aber als notleidenden Prediger und außerstande, so viel zu bezahlen. Das Gehalt des Pfarrers wird offensichtlich nicht regelmäßig ausgezahlt, sodass er Schulden machen muss. Erneut sucht Purmann Unterstützung bei den Grafen und bittet um Schutz vor den Proceduren  des Prälaten. Für den Fall den Ort räumen zu müssen, ersucht er um Anstellung als Hilfsgeistlicher in Waldenhausen oder anderwärts.

Kurz darauf meldet sich Pfarrer Purmann wieder zu Wort: Der Katholizismus sei kaum noch aufzuhalten und die Bevölkerung inzwischen gegen ihn eingestellt. Er könne sein Dasein nicht länger in Reicholzheim fristen, fühle sich verfolgt und Lebensmittel sowie ordentliche Besoldung würden ihm entzogen. Er bittet für sich und seine Familie um Hilfe aus dem Spital oder dem Kirchenalmosen. Der Abt lässt Purmann wissen, er solle sich seine Besoldung bei denen holen, denen er diene.

Das Elend findet erst ein Ende, als Valentin Purmann im Dezember 1674 die Pfarrei Reicholzheim verlässt und nach Oberndorf bei Schweinfurt geht. Von dort aus versucht er noch jahrelang, seinen Besoldungsrückstand einzufordern. Aber erst 1682 wird der Chorverwalter angewiesen, Purmann mit der Auszahlung von 50 Gulden zufriedenzustellen.

Martina Heine

Quelle: Archivnachrichten 54 (2017), S.24-25.

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