Der Sebastianspfeil aus Kloster Bebenhausen - Eine Reliquie übersteht die Reformation

Der Sebastianspfeil aus Kloster Bebenhausen, um 1400. Vorlage: Diözesanmuseum Rottenburg
Der Sebastianspfeil aus Kloster Bebenhausen, um 1400. Vorlage: Diözesanmuseum Rottenburg

Ein außergewöhnliches Objekt mit einer wechselvollen Geschichte wird heute von der katholischen Kirchengemeinde Hirrlingen bei Rottenburg verwahrt. Der etwa 37 cm lange, aus einer Eisenspitze und einem Holzschaft bestehende Pfeil ist aus dem Kloster Bebenhausen dorthin gelangt. Eine ebenfalls in Hirrlingen verwahrte Urkunde bringt Licht in einen Teil seiner Geschichte: Im Jahr 1606 entdeckte der evangelische Bebenhäuser Abt Johannes Stecher auf dem Klosterge lände einen Pfeil, den er zunächst säuberte und vom Rost befreite. Mit Hilfe eines kleinen Zettels, der sich dabei befunden haben soll, identifizierte der Abt ihn als Reliquie des Hl. Sebastian und Schenkung von Papst Pius II. (1405–1464) an das Kloster Bebenhausen.

In den Schriftquellen haben sich zwar kaum Mitteilungen über Reliquienverehrungen in Bebenhausen erhalten, dennoch muss es in Anbetracht der ehemals zahlreichen Altäre der Klosterkirche einen umfangreichen Bestand an Reliquien gegeben haben. Der Hl. Sebastian galt als Schutzpatron gegen die Pest und wurde in Notzeiten vermehrt um Hilfe angerufen. In Bebenhausen nahm seine Verehrung besonders mit der Tübinger Pestepedemie von 1482/83 zu. Dies unterstreichen auch die Darstellungen seiner Person auf einem Fresko im Chor der Kirche sowie auf einem Schlussstein des Kreuzgangs, dessen Abschnitt gerade in dieser Zeit errichtet wurde.

Die zweite Regierungszeit Herzog Ulrichs (ab 1534) bedeutete einen Bruch mit diesen Glaubenstraditionen und bisheriger liturgischer Praxis. Aus dem Exil zurückgekehrt, führte Ulrich die Reformation in Württemberg ein und war bestrebt, die Klöster aufzulösen. Der Bebenhäuser Konvent verlor noch im selben Jahr seinen für den alten Glauben kämpfenden Abt Johann von Fridingen und die Mönche waren in zwei Lager gespalten. Während einige die angebotene Abfindung annahmen, teilweise in den evangelischen Kirchendienst traten oder an die Universität wechselten, mussten die altgläubig gebliebenen Mönche ihr Kloster verlassen. Den Sebastianspfeil mit auf diesen ungewissen Weg zu nehmen, scheint dem verbliebenen Konvent zu riskant gewesen zu sein. Stattdessen wurde er auf dem Klostergelände versteckt und blieb es offenbar etwa siebzig Jahre lang.

Für den evangelischen Abt Johannes Stecher besaß der Pfeil bei seiner Wiederauffindung keinerlei liturgische Funktion mehr, er erkannte aber dessen historischen Wert und entschied sich, die Umstände dieses Fundes in einem Schriftstück festzuhalten. Mit diesem Attest der Echtheit veräußerte er den Pfeil an den altgläubig gebliebenen Adligen Adam von Ow, dessen Familie dem Kloster Bebenhausen immer eng verbunden gewesen war. In Hirrlingen erfuhr der Pfeil dann in den folgenden Jahrhunderten weitere repräsentative Wertschätzung: Das zu seiner Präsentation gefertigte Armreliquiar, eine eigens für ihn errichtete Kapelle sowie eine ihm zu Ehren gegründete Bruderschaft zeugen davon. Ein württembergischer Beamter, der 1725 die Urkunde Stechers kopierte, urteilte mit harscher Notiz: Es ist nicht zu glauben, dass der tapfere Abbt Joh. Stecher […] denen Papisten diesen Pfeil um 500 fl. Verkaufft und noch dazu dieses attestum zu vermehrung der mit diesem Pfeil treibend Abgötterey sollte ertheilt haben. Aus heutiger Sicht muss das Vorgehen des Abts Johannes Stecher als Glücksfall betrachtet werden, der das Überleben des Pfeils über die Reformation hinaus sicherte. So lässt sich durch diese Reliquie noch ein kleiner Eindruck vom ehemals reichen liturgischen Leben des Klosters gewinnen.

Alma-Mara Brandenburg

Quelle: Archivnachrichten 54 (2017), S.22-23.

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