Der Reutlinger Grabchristus (Um 1460/1470)

Bild: Reutlinger Grabchristus
Reutlinger Grabchristus, Quelle: Heimatmuseum Reutlingen

Der qualitätvoll gefertigte Grabchristus wurde 1890 im damaligen Archivraum im südlichen Chorflankenturm der Reutlinger Marienkirche zusammen mit anderen Objekten in einer Truhe gefunden. Aus der Körperbildung, der Form und Faltengebung des Lendentuchs und der Art der Fassung lassen sich als Entstehungszeit die Jahre um 1460/1470 erschließen. Zwar ist die Skulptur den Zerstörungen des Bildersturms im Jahr 1531 entgangen, doch inzwischen hat ihr der »Holzwurm« stark zugesetzt.

Leicht transportable hölzerne Christusfiguren dieser Art waren dafür bestimmt, das zentrale Geschehen des christlichen Glaubens um den Tod und die Auferstehung Christi nachzuspielen und den Gläubigen zu vergegenwärtigen. In der Karfreitagsliturgie wurde der Grabchristus in feierlicher Prozession zum Ostergrab geleitet, das ganz verschiedenartig beschaffen sein konnte, beispielsweise in Form einer mobilen, vorübergehend in der Kirche aufgestellten Heiliggrabtruhe. Nach der Beisetzung im Ostergrab hielten dort viele Gläubige die Totenwache bis zur Auferstehung am Ostermorgen.

In der Reutlinger Marienkirche blieb ein äußerst aufwendig ausgestaltetes, figurenreiches steinernes »Heiliges Grab« erhalten, das sich von allen anderen monumentalen Denkmälern seiner Gattung dadurch unterscheidet, dass es keinen fest auf dem Sarkophag installierten Christusleichnam besitzt, sondern dass sein Sarkophag offen und ausgehöhlt ist. Diese Abweichung von der Regel ist ein Indiz dafür, dass das Heilige Grab der Marienkirche auch als liturgisches Ostergrab genutzt wurde. Denn es besteht die Möglichkeit, darin eine Skulptur des toten Christus beizusetzen und anschließend den Sarkophag mit einem hölzernen Deckel zu verschließen. Dagegen sind die Heiligen Gräber mit dem ständig sichtbaren Leichnam Christi als reine Andachtsbilder zu verstehen.

Zwar ist das Heilige Grab in der Reutlinger Marienkirche erst um 1500/1505 geschaffen worden und somit einige Jahrzehnte jünger als die Christusfigur, doch es war nicht ungewöhnlich, althergebrachte und hochgeschätzte Bildwerke in einen neuen Zusammenhang zu übernehmen und weiter zu verwenden.

Mehr Informationen zur Ausstellung finden Sie hier: www.reformation-in-wuerttemberg.de