Vom Umgang mit Partikelemissionen im Verkehr
des 19. Jahrhunderts

Moderne Technik im Einsatz gegen die Staubplage: Sprengautomobil Nr. 1 der Königlich Württembergischen Straßenbahnverwaltung. Quelle LABW (StAL EL 20/4 IIIa Nr. 337)
Moderne Technik im Einsatz gegen die Staubplage: Sprengautomobil Nr. 1 der Königlich Württembergischen Straßenbahnverwaltung. Quelle LABW (StAL EL 20/4 IIIa Nr. 337)

Die Feinstaubbelastung in Stuttgart ist kein ganz neues Thema, wie ein Blick in die Findmittelsysteme des Landesarchivs zeigt. Die Stadt war im 19. Jahrhundert zwar spärlich industrialisiert, aber als Regierungssitz sehr verkehrsreich. Straßen bestanden aus einer Mischung von Schotter und Erde, die im Regen weich wurde und in der Sonne unter Hufen und Rädern zu Staub zerfiel. Damals wie heute war besonders die Neckarstraße für ihre Staubfracht berüchtigt. Es ist nicht aktenkundig, ob man beim Bau des Museums der bildenden Künste, der heutigen Staatsgalerie, an solche Einflüsse gedacht hat. Bezeugt ist jedoch, dass das Gebäude und seine Kunstschätze nur fünf Tage nach der feierlichen Eröffnung am 1. Mai 1843 so von Straßenstaub besudelt waren, dass die Stadtdirektion mit dem Vermerk pressant um tägliche Besprengung der Fahrbahn mit Wasser ersuchte. Nicht überall hielt man die Sache für so dringlich. Das Schreiben ging einen langen Instanzenweg, ehe am 5. Juli 1843 das Königliche Ministerium des Innern bewilligte, dass einmal wöchentlich der angesammelte Staub weggeschaufelt werde – ein schwacher Trost, da allgemein das Besprengen der Straße als einzig wirksames Mittel galt. Den Anwohnern blieb nichts anderes übrig, als sich zu arrangieren. Wer reisen wollte und es sich leisten konnte, stieg von der Kutsche auf die Eisenbahn um, deren Rauchwolke, verglichen mit dem Straßenstaub, nicht weiter störte. An der Wende zum 20. Jahrhundert kamen dann die Automobile, die den Besitzern schnelleres Reisen, den Straßen aber neue Staubrekorde bescherten. Viele Ballungszentren behandelten damals die Fahrbahnen bei Staubwetterlage mit Antistaubit, einem Bindemittel aus Magnesiumchlorid und Wasser, deren reinlicher Chlorgeruch in Werbebroschüren gerühmt wurde. Andere verwendeten Sulfitzellulose, die bei der Papierherstellung anfiel. Erst nach und nach wurden Verfahren markttauglich, bei denen Teer und Asphalt den Abrieb dauerhaft verringerten. Der Einsatz von Staubklebemitteln kommt übrigens wieder in Mode. Verwendet wird inzwischen Magnesiumazetat. Das riecht nicht mehr nach Chlor, sondern nach Essig.

Die Bestände zum Straßenbau sind im Staatsarchiv Ludwigsburg weitgehend online verfügbar: Bestand E 166 ff. und Bestand F 221 ff

Kai Naumann

Quelle: Archivnachrichten 42 (2011), S. 23.

Suche
Durchschnitt (0 Stimmen)
Zum Kommentieren bitte anmelden