Der Wurzacher Altar – ein außergewöhnlicher Verkauf

von Nikolas Maisch

Altarflügel eines deutschen Meisters

Eines der wenigen Werke aus der Sammlung des Grafen Joseph, das heute eindeutig als Original nachgewiesen werden kann, sind acht Tafelmalereien des sogenannten Wurzacher Altars. Sie wurden um 1436 von Hans Multscher (ca. 1400 – 1467) für das Franziskanerinnenkloster in Wurzach angefertigt. Die Tafeln bestehen aus bemaltem Tannenholz auf Goldgrund und sind jeweils etwa 1,5 Meter hoch. Sie bildeten die Innen- und Außenseite zweier Altarflügel. Dargestellt sind Szenen aus der Passion Christi und dem Leben Mariens. Diese Werke zählen zu den bedeutendsten Beispielen deutscher Tafelmalerei des 15. Jahrhunderts und befinden sich heute in der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin. Kunsthistorisch bedeutsam macht die acht Szenen unter anderem, dass sie von Multscher unterhalb des Marientodes (rechts unten) signiert wurden: Dies war in der deutschen Tafelmalerei des frühen 15. Jahrhunderts ein Novum. Gleichzeitig lassen sich niederländische Einflüsse in Lichteinfall und Schattenwurf nachweisen, die den Wurzacher Altar zu einem bedeutenden Zeugnis nordalpiner Tafelmalerei machten. In der Mitte zwischen beiden Flügeln wird eine geschnitzte Figurengruppe samt Kreuzigungsdarstellung vermutet, der Mittelteil des Altars ist allerdings nicht erhalten.

Nicht nur für die Geschichte deutscher Kunst hat der Multscher-Altar einen besonderen Stellenwert. Auch für den heutigen Blick auf die Truchsessian Gallery sind die Tafeln wichtig, da sie zu den wenigen eindeutig belegbaren Originalen der Sammlung gehören. Verkauft wurden die Tafeln bereits am 14. Mai 1804 in den Ausstellungsräumen in London – also noch vor der großen Auktion im Jahr 1806. Ein handschriftlicher Verkaufskatalog dokumentiert die Veräußerung an einen anonymen englischen Sammler. Obwohl der ursprünglich angesetzte Preis bei 120 Pfund Sterling lag, wechselten die Tafeln schließlich für nur 30 Pfund den Besitzer. Das zeigt die schwierige finanzielle Lage und den enormen Zeitdruck des Grafen. Dennoch ist der Verkauf bedeutsam: Verglichen mit den Bedingungen auf den europäischen Kunstmärkten waren ein schneller Verkauf und die erzielten 30 Pfund durchaus bemerkenswert. Denn im 17. und 18. Jahrhundert machten deutsche Meister in London nur einen sehr kleinen Teil des Marktvolumens aus und waren auf dem englischen Kunstmarkt kaum gefragt. Somit ermöglicht der Multscher-Altar aus der Sicht heutiger Forschungsbemühungen einen wertvollen Einblick in das weitgehend noch unbekannte Schicksal der Truchsessian Gallery.

Zitierhinweis: Nikolas Maisch, Der Wurzacher Altar – ein außergewöhnlicher Verkauf, in: art&market. Die Truchsessen-Galerie in London und der englische Kunstmarkt um 1800, URL: […], Stand: 02. Juni 2025.

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