Albert Heims Grafiken aus dem Ersten Weltkrieg

Ankunft des Schriftstellers Max Halbe (1865–1944), eines führenden Vertreters des deutschen Naturalismus, bei Theodor von Wundt in Klein-Miraumont. Tinte und Gouache, 1916. Vorlage: Landesarchiv HStAS M 660/260 Nr. 8
Ankunft des Schriftstellers Max Halbe (1865–1944), eines führenden Vertreters des deutschen Naturalismus, bei Theodor von Wundt in Klein-Miraumont. Tinte und Gouache, 1916. Vorlage: Landesarchiv HStAS M 660/260 Nr. 8.

Am 19. Januar 2013 widmete die britische Tageszeitung The Times dem württembergischen Künstler Albert Heim (1890–1960) eine fast ganzseitige Reportage. Konkret ging es in dem Beitrag um 62 Aquarelle und Gouachen, die der gebürtige Esslinger zwischen 1915 und 1917 als deutscher Soldat in Nordfrankreich und Flandern gemalt hatte und die nun von der Londoner Galerie Abott and Holder öffentlich ausgestellt und zum Verkauf angeboten wurden. Die Bilder werfen einen ganz und gar ungewohnten Blick auf das Kriegsgeschehen. Sie brechen mit den stereotypen Mustern militärischer Selbstinszenierung und überraschen mit einer unbeschwert-persönlichen, ja geradezu schelmischen Note.

Der gelernte Lithograf Albert Heim war, bevor er 1914 zum Militärdienst einberufen wurde, als Retuscheur im Buchdruck tätig gewesen. Nach Kriegsende besuchte er die Stuttgarter Kunstgewerbeschule und machte sich schon bald als selbständiger Gebrauchsgrafiker einen Namen. Den Anstoß zur Entstehung der bemerkenswerten Kriegsbilder hatte Heims Kommandeur, der württembergische Generalleutnant Theodor von Wundt (1858–1929), gegeben. Der ranghohe Offizier befehligte die aus rund 6.500 Mann bestehende 51. Reserve-Infanterie-Brigade, die seit Herbst 1914 zu Stellungskämpfen im Artois und in der Picardie eingesetzt war. Wundt war nicht nur ein tatkräftiger Soldat, sondern ein Pionier des Alpinismus, der seine Begeisterung für das Bergsteigen und die Hochgebirgsphotographie in einer Reihe von Sachbüchern und Romanen verbreitete. Das autobiographische Werk Ich und die Berge, das er während des Krieges im Gefechtsunterstand schrieb, brachte er 1917 – illustriert mit Zeichnungen Albert Heims – zum Druck.

Durch seine heitere, urwüchsige und kraftvolle Art war Wundt in der Truppe überaus beliebt. Unter der preußischen Generalität erregte seine offenherzige Sprache jedoch Aufsehen. Auf Weisung Kaiser Wilhelms II. musste das schwäbische Original im August 1917 seinen Dienst quittieren (Zitate aus Wundts Nachruf und Todesanzeige, 1929). Mit feinem Sinn für Ironie und Groteske vermitteln Heims Aquarelle einen spannenden Eindruck vom täglichen Leben in Wundts Quartieren in Courcelette und Miraumont. Sie zeichnen eine fast ländliche Idylle, dokumentieren humorvoll das kameradschaftliche Miteinander und karikieren den General ebenso wie seinen Stab: beim Kartenspiel, bei Höhlenfesten, beim Kontakt mit Literaten. Es ist die trügerische Ruhe vor dem Sturm, der im Juli 1916 mit der Somme-Schlacht furchtbare Ausmaße annahm und schließlich mehr als eine Million Menschenleben forderte. Als Wundts Sohn Rolf, ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Funktechnologie, 1947 in die Vereinigten Staaten geholt wurde, befanden sich auch Heims unkonventionelle Kriegsbilder in seinem Gepäck. Mehr als 60 Jahre später kehrten sie nun nach Europa zurück und lösten in Großbritannien ein lebhaftes Interesse aus.

Albrecht Ernst

Quelle: Archivnachrichten 48 (2014), S. 44. 

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