Die Anfänge des Warenhauses Hermann Tietz (HERTIE) in Stuttgart

Ansicht zum Neubau Warenhaus Hermann Tietz, Königstraße 27, März 1904 – Quelle LABW (HStAS Q 3/41 Bü 1120)
Ansicht zum Neubau Warenhaus Hermann Tietz, Königstraße 27, März 1904 – Quelle LABW

Drei Jahrzehnte nach der Eröffnung des Warenhauses Hermann Tietz in der Stuttgarter Königstraße 27 war dem Management nicht mehr bewusst, wann genau dies gewesen war. Man ging davon aus, dass die Eröffnung im Jahr 1906 erfolgt sei. Doch das erste Warenhaus in Stuttgart wurde bereits am 4. Oktober
1905 feierlich eingeweiht und für den Publikumsverkehr freigegeben. Der erfolgreiche deutsch-jüdische Kaufmann Oscar Tietz (1858–1923) hatte sein erstes Warenhaus 1882 in Gera gebaut und eröffnete 1884 in München sein erstes süddeutsches Geschäftshaus. Seit 1891 besaß Oskar Tietz, der seinen Warenhäusern aus Dankbarkeit gegenüber seinem Onkel und Geldgeber Hermann Tietz den Namen Hermann Tietz gab, eine Filiale in der Friedrichstraße in Stuttgart, die als Posamentier-, Kurz- und Wollwarengeschäft firmierte. Ab Mitte der 1890er Jahre kam noch ein Gebäude in der Marktstraße hinzu.

Im Jahr 1904 reifte bei Oscar Tietz und der Geschäftsleitung der Plan, ein Warenhaus als Vollsortimenter in zentraler Lage in Stuttgart zu errichten. Die Stadt entwickelte sich in jener Zeit von einer eher behäbigen Residenz zu einer modernen Großstadt mit einer rasch steigenden Zahl an Einwohnern, die ihr Kaufverhalten änderten und denen der Einzelhandel durch den Bau von Warenhäusern Rechnung trug. Das angesehene und für seine Industriebauten bekannte Stuttgarter Architekturbüro Bihl und Woltz, dessen Archiv im Hauptstaatsarchiv Stuttgart verwahrt wird, erhielt den Auftrag, das neue Haus in der Königstraße zu planen und zu bauen. Das Architekturbüro konnte aber nicht nach eigenem Belieben die Pläne entwickeln, sondern musste die von der Unternehmensleitung vorgegebenen Richtlinien und gestalterischen Vorgaben in ein Gesamtkonzept umsetzen.

Der große, ausschließlich in Stein und Eisenbeton ausgeführte Bau war wohl der erste in dieser Technik in Stuttgart erstellte Geschäftsbau und erzielte damals durch Form und Farbe seiner zeittypischen neobarocken Fassaden eine eindrucksvolle Wirkung. Den Turm auf dem Dach zierte eine Weltkugel, die die
Bedeutung des Geschäftshauses symbolisieren sollte. Das Gebäude bestand aus neun Stockwerken. Der unter dem Niveau der Schmalen Straße liegende Keller diente als Magazin, das Erdgeschoss an der Schmalen Straße beherbergte den Lebensmittelverkaufsraum, die Kantine und die Garderoben. Über der Königstraße erhoben sich vier Verkaufsstockwerke, darüber ein niedrigeres Fries-Stockwerk mit dem Fotoatelier, den Räumen der Geschäftsführung und Magazinräumen, darüber der erste und zweite Dachstock mit weiteren Vorratslagern. Das Gebäude umfasste somit fünf Verkaufs- und vier Magazinstockwerke. Die einzelnen Stockwerke konnten über drei Aufzüge und drei feuer- und rauchsicher abschließbare Treppenhäuser – von denen zwei in den Gebäudeecken an der Schmalen Straße lagen, während die doppelarmige Haupttreppe die Mitte der Königstraßenfront einnahm – erreicht werden. Mit der Errichtung dieses Warenhauses begann der Um- und Ausbau der Königstraße zu einer modernen Geschäftsstraße.

Das Architekturbüro Bihl und Woltz, das 1889 von Georg Friedrich Bihl in Stuttgart gegründet worden war, blieb bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem Warenhaus durch Aufträge für Planung und Bauleitung eng verbunden, auch in der Zeit der NS-Diktatur, als aufgrund der jüdischen Herkunft
der Eigentümer der Name von Hermann Tietz getilgt werden musste und das Warenhaus in Kaufhaus Union umbenannt wurde. Erst 1963 kehrte der Name Hermann Tietz mit der Kaufhausbezeichnung HERTIE wieder nach Stuttgart zurück.

 Peter Bohl

Quelle: Archivnachrichten 45 (2012), S.22-23.
 

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