Fastnacht in Neuhausen auf den Fildern

Das Franziskanerinnenkloster in Neuhausen auf den Fildern um 1750; am Schmotzigen Donnerstag feierten die Terziarinnen mit den verheirateten Frauen bei einer "ehrlichen Gasterey". Copyright: LABW
Das Franziskanerinnenkloster in Neuhausen auf den Fildern um 1750; am Schmotzigen Donnerstag feierten die Terziarinnen mit den verheirateten Frauen bei einer ehrlichen Gasterey. Copyright: LABW

Neuhausens Fastnachtstradition reicht bis ins Mittelalter zurück. In der konfessionellen Kontinuität zeigt sich die Rolle der Religion als gestaltende Kraft für die Volkskultur. Der Verbleib der Ortsherrschaft wie der Geistlichkeit beim katholischen Glauben und den tradierten herrschaftlichen Strukturen waren hierfür maßgeblich.

Laut Stiftungsurkunde der St. Lorenz-Kaplanei (1330) erhielt der Kaplan dieser Frühmesspfründe an Fastnacht aus dem Kirchen- wie aus dem Haslachgut je eine Fastnachtshenne. Weitere Zeugnisse aus dem Spätmittelalter wie aus der Frühen Neuzeit (1447, 1509, 1512 und 1528) belegen die Bedeutung der Fastnacht als wichtigen Zinstermin im Wirtschafts- und Kirchenjahr. Gleichwohl hatte die geistliche Herrschaft den Bediensteten des Patronatsherrn ein Fastnachtsmahl zu reichen, eine intersubjektive Anerkennungsleistung auf dem mittelalterlichen do-ut-des-Prinzip. Von diesem Brauch profitierten auch die Schulkinder in Form von Fastnachtsküchlein wie auch die verheirateten Frauen am Schmotzigen Donnerstag bei einer ehrlichen Gasterey im ehemaligen Tertiarinnen-Konvent.

Volkstümliche Bräuche wie die Fastnacht galten im Zeitalter der Aufklärung als Verschwendung von Zeit und Arbeitskraft. Die wilde Straßenfastnacht in den Dorfgassen stand wegen ihres öffentlichen Charakters und ihren rituellen Schimpf- und Kritikformen in Verruf. Vermummungen im öffentlichen Raum wurden verboten, die Fastnacht geriet in einen Auflösungs- und Umwandlungsprozess.

Traditionale Festelemente wie die Straßenfastnacht der Kinder am Rosenmontag mit ihren Heischebräuchen, Straßenfastnacht der Erwachsenen in Clown- und Schlampe-Kostümen, Umtrunk und Tanz in den Wirtschaften wie der Finalbrauch der Geldbeutelwäsche am Fastnachtsdienstag existierten weiter. Mobilität, Außenkontakte und neue Geselligkeitsbedürfnisse einer vorindustriellen Gesellschaft führten seit der Mitte des 19. Jh. zu einer Neuinszenierung fastnachtlicher Kultur. Karnevalistische Kulturkomplexe wurden in den neu gegründeten Vereinen verortet und einem Prozess der Kultivierung unterzogen. Neuschöpfungen des ländlichen Bürgertums waren karnevalistische Saalredouten, organisierte Straßenumzüge und öffentliche Theateraufführungen wie die Welfensage.

Die sozioökonomischen und soziokulturellen Bedingungen der Nachkriegszeit setzten seit den 1960er Jahren eine neuartige Brauchfreudigkeit frei und unterzogen die Fastnacht einer erneuten Umformung, die die karnevalistischen Elemente fortführte, verstärkte und wilde Formen der Straßenfastnacht zivilisierte. Zahlreiche Masken- und freie Motivgruppen, wie Musik- und Wagenbaugruppen wurden gegründet. Initialbräuche wie das Häsabstauben, das Wecken der Narren, Rathaussturm, Hexentanz und das Narrenbaumsetzen am Schmotzigen Donnerstag, der große Umzug am Fastnachtssonntag sowie der Kinderumzug und der Finalbrauch des Fastnachtsbegrabens am Fastnachtsdienstag wurden sukzessive in das aktuelle Brauchgeschehen integriert .

In der aktuellen Fastnachtskultur bewegen sich Narrheit und Narrenfreiheit im Spannungsfeld zwischen Spontaneität und Organisation, zwischen Kreativität und gestalterischer Konformität in fastnachtlicher Uniformität, zwischen Reglementierung und Disziplinierung, Freizeitvergnügen und Leistungssport. Tendenzen einer Historisierung wie zunehmenden Kommerzialisierung und Professionalisierung sowie Wettkampfverhalten, Show und Unterhaltung, hin zu einer Eventisierung sind unübersehbar.

Markus Dewald

Veröffentlicht in: Der Landkreis Esslingen. Hg. v. der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Landkreis Esslingen (Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg). Ostfildern 2009, Bd. 2, S. 256. 

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