Die Freilichtspiele Schwäbisch Hall

Neben der Treppe von St. Michael gehört seit 2000 das Globe Theater am Ufer des Kocher zu den Spielstätten. Copyright: LABW
Neben der Treppe von St. Michael gehört seit 2000 das Globe Theater am Ufer des Kocher zu den Spielstätten. Copyright: LABW

Die 56 Stufen der 1507 errichteten Freitreppe zur Stadtkirche St. Michael bilden die Bühne und die romanisch-gotische Westfassade den Hintergrund des Theaters im Freien. Als Zuschauerraum dient der nach hinten, zum barocken Rathaus hin leicht abfallende Marktplatz. Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Freilichtbühne hatte Robert Braun (1884–1926), Direktor des Haller Kurtheaters. Gegen die Bedenken von Kirche und Stadt gelang ihm 1925, Hugo von Hofmannsthals 1911 erschienenen Jedermann dreimal mit jeweils bis zu 250 Darstellern vor 6 000 Zuschauern aufzuführen. Die Presse war voll des Lobes. Im Jahr darauf sahen 11 000 Menschen sechs Vorstellungen des Mysterienspiels. Dennoch entstand ein finanzielles Defizit. Als im selben Jahr Braun verstarb, schienen die Haller Jedermann-Spiele ein Ende gefunden zu haben. 1927 kam keine Aufführung zustande.

Aus dem Ausschuss für die Pfingstfestspiele bildete sich 1928 der Verein Alt Hall, dem die Organisation der Jedermann-Spiele oblag. Zur künstlerischen Leiterin wurde Else Rassow (1884–1973) berufen. Neben Jedermann ließ sie an anderen Orten Halls Alois Johannes Lippls Totentanz und Shakespeares Was ihr wollt aufführen. Unter der NS-Diktatur wurde Hofmannsthals Jedermann abgesetzt. Man griff eine 1539 entstandene Version des Stücks auf, und ab 1936 stand eine Neufassung von Paul Wanner auf dem Spielplan. Weitere Dramen des Haller Autors folgten. 1939 wurden die Freilichtspiele eingestellt. Rassow war zwar NSDAP-Mitglied gewesen, doch ist unter ihrer Leitung die Treppe nicht zur Propagandabühne verkommen.

1949 wurde der Verein Alt Hall, bis 1968 Träger der Freilichtspiele, wieder gegründet, und Wilhelm Speidel (1910–68) wurde zum Intendanten ernannt. Dieser hatte schon unter Rassow mehrere Stücke inszeniert. Er arbeitete eng mit dem späteren Kultusminister von Baden-Württemberg Gerhard Storz, dem Vorsitzenden des Freilichtspielkuratoriums, zusammen. Unter Speidel wurde der pathetische Stil seiner Vorgänger zugunsten einer strengen, großlinigen Inszenierung aufgegeben. Der Intendant erweiterte das Programm, wobei er, wie seine Vorgänger, nur ernste Werke auf der Treppe aufführte. Stücke von Schiller und Shakespeare bildeten sich zu Schwerpunkten heraus.

Nach Speidels Tod wurde Achim Plato (* 1936) mit der Leitung betraut. Mit Die Weibervolksversammlung (Aristophanes) brachte er 1974 erstmals eine Komödie auf die Treppe. Der Intendant öffnete die Freilichtbühne auch für das Musiktheater und rief 1985 das Kindertheater auf der Kleinen Treppe ins Leben. Im Jahr 2000, zum 75-jährigen Jubiläum der Freilichtspiele, ließ die Stadt das Haller Globe Theater, einen hölzernen Rundbau in der Art des Shakespearschen Globe Theaters, errichten.

2003 wurde Christoph Biermeier (* 1963) zum Intendanten berufen. Die 78. Spielzeit, 2003, wurde von ihm gemeinsam mit Plato bestritten. Insgesamt 46 382 Besucher sahen 47 Aufführungen auf der Großen Treppe und 12 783 die 45 Vorstellungen im Globe Theater. Das Kindertheater auf der Kleinen Treppe erreichte 4 594 Zuschauer. Der Beginn der Spielzeit 2004 wurde in den Medien durchweg positiv besprochen.

Armin Panter

Veröffentlicht in: Der Landkreis Schwäbisch Hall. Hg. v. der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Landkreis Schwäbisch Hall (Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg). Ostfildern 2005, Bd. 2, S. 387. 
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