Evangelische Jugendstilkirche Gaggstatt

Innenraumgestaltung der Evangelischen Jugenstilkirche in Kirchberg an der Jagst-Gaggstatt. Copyright: LMZ BW
Innenraumgestaltung der Evangelischen Jugenstilkirche in Kirchberg an der Jagst-Gaggstatt. Copyright: LMZ BW
Die evangelische Kirche in Gaggstatt hat den Charakter einer Wehrkirche. Die Kirche wird von einer hohen Mauer umgeben, die sie aber bei weitem überragt. Das hoch aufragende Kirchenschiff wird von einer Doppelturmgruppe oberhalb des Chors beherrscht. Die beiden zylindrischen Türme, die je auf einem sechseckigen gebrochenen Unterbau aufsitzen, sind durch eine brückenartige Galerie (Glockenstube) miteinander verbunden. Die flachgedeckte Saalkirche hat dreiseitig eine auf Pfeilern ruhende Empore. An den Chor schließen die Sakristei und weitere Nebenräume an. Ein mächtiger Chorbogen trennt das Kirchenschiff vom Chor, in dem sich hintereinander Altar, Kanzel und Orgel staffeln. Die Reliefs im Bogenfeld über der Orgelempore symbolisieren – von links – Weihnachten, Pfingsten und Ostern.

Die Kirche, die hier unter Verwendung heimischer Baumaterialien und in traditioneller Bearbeitung der Kalk- und Sandsteine lediglich mit Hammer und Zweispitz zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand, ist schon allein wegen ihrer eindrucksvollen Größe und Form für eine Dorfkirche ungewöhnlich. Ihr Architekt war Professor Theodor Fischer (1862–1938). Zunächst ganz dem historischen Baustil seiner Lehrer verhaftet, lernte er – seit 1893 als Leiter des Münchner Stadterweiterungsbüros – avantgardistische Architekturstile kennen. Er entwickelte einen eigenständigen Stil, der später unter den Begriff Jugendstil subsumiert wurde. Fischer selbst lehnte das Etikett Jugendstil ab.

1901 erhielt Fischer einen Ruf auf den Lehrstuhl für Bauentwürfe an die TH Stuttgart. Während seiner Stuttgarter Zeit (bis 1908) baute er unter anderem in Stuttgart das Kunstgebäude, das Gustav-Siegle-Haus und die Fagelsbach-Realschule sowie die Siedlung Gmindersdorf bei Reutlingen, die Pfullinger Hallen, den Schönbergturm bei Pfullingen – und die Gaggstatter Kirche. 1899 wollte man in Gaggstatt die aus dem 15. Jahrhundert stammende Pfarrkirche zum Hl. Kreuz durch einen Neubau ersetzen; man dachte dabei an einen zeittypischen neugotischen Kirchenbau. Als man in Stuttgart Fischer, der bereits die Erlöserkirche in München-Schwabing erbaut hatte, mit dem Kirchenbau in Gaggstatt beauftragte, wollte man in Württemberg wohl erst einmal auf dem Land sein Können prüfen. Später wurde Fischer nämlich mit dem Bau der Stuttgarter Erlöserkirche (1906–08) beauftragt. Im Übrigen verzichtete man in Gaggstatt auf die sonst übliche Ausschreibung.

Die Grundsteinlegung erfolgte am 13. Mai 1904; am 29. Oktober 1905 wurde die Kirche eingeweiht. Nach dem Abbruch der alten Kirche wurde der Gottesdienst in der Pfarrscheuer gefeiert, die eigens nach Plänen Fischers umgebaut worden war. Bei der Innenausstattung arbeitete Fischer mit dem Maler und Bildhauer Melchior von Hugo zusammen. Der Blaufelder Maler Sauter führte die innere Ausmalung nach Plänen von Hugos durch. Von Hugo selbst schuf in und an der Kirche die Bildhauerarbeiten; allerdings hatte Fischer das Skulpturenprogramm selbst ausgearbeitet.

Die Farbigkeit des Innenraums entspricht dem Jugendstil. Zahlreiche Teile, darunter die Kirchenbänke und die Kassettendecke, sind in wasserblauer Farbe gestrichen, der Farbe der Hohenloher Bauernschränke. Christlich-mystische Natursymbolik, aber auch Zahlenmystik spielten bei der Ausgestaltung eine Rolle. So ergibt die Einteilung der Kassettendecke dreimal die heilige Zahl 77. Bei den Flachreliefs an den Pfeilern und bei den Bemalungen der Kassettenfelder an der Emporenbrüstung finden sich häufig frühchristliche Motive (u.a. Alpha und Omega, Fisch, Lamm mit Kreuz). Der hölzerne Radleuchter ist gespickt mit altorientalischer und jüdischer Zahlenmystik, in der Mitte befindet sich ein Christusmonogramm. Die nach Plänen Fischers geschaffenen Türgriffe, aber auch der Stuhl des Pfarrers in der Sakristei belegen: Bei dieser Kirche handelt es sich um ein Gesamtkunstwerk im Geiste des Jugendstils (Harald Siebenmorgen). Die Kirche blieb bis heute fast unverändert. Konnten sich die Gaggstatter anfangs mit dem modernen Kirchenbau nur schwer anfreunden, so gilt diese Dorfkirche heute als ein Kleinod in Hohenlohe.

Sabine Holtz

Veröffentlicht in: Der Landkreis Schwäbisch Hall. Hg. v. der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Landkreis Schwäbisch Hall (Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg). Ostfildern 2005, Bd. 2, S. 9. 
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