Der konstruierte Held: Wilhelm Model

Wilhelm Model im Hof der Feuerseekaserne in Ludwigsburg, April 1918.Quelle: LABW (HStAS M 660/030 Bü 85)
Wilhelm Model im Hof der Feuerseekaserne in Ludwigsburg, April 1918. Quelle: LABW (HStAS M 660/030 Bü 85)

Und wenn ihr heute marschiert und trommelt und die Hitlerfahnen schwingt, – so marschiert er im Geist in euren Reihen mit. Kamerad Wilhelm Model, – h i e r!

Ludwig Finckh machte ihn zum Blutzeugen der Bewegung. Nicht nur als leuchtendes Vorbild soldatischer Pflichterfüllung sollte er gelten. Nicht nur als deutscher Held. Vielmehr beschwor der bekannte Dichter und NS-Propagandist Finckh die angebliche Bedeutung, die der Opfertod des Kriegsfreiwilligen Wilhelm Model im Jahr 1918 für den Aufbau des Dritten Reiches gehabt habe: so in einer Rede vor Hitlerjungen 1937. Indem Ludwig Finckh das Leben und den Tod Models in den 1930er Jahren bei verschiedenen Gelegenheiten öffentlich verklärte, trug er eine Dankesschuld ab. Die Bekanntschaft des Schriftstellers mit der Familie Model hatte tiefe Wurzeln. Der Vater Wilhelms, Karl Model, Inhaber einer Fabrik für Hotel- und Haushaltungsmaschinen in (Stuttgart-)Feuerbach, hatte Finckh nicht zuletzt aufgrund gemeinsamer politischer Überzeugungen immer wieder unterstützt.

In seiner Rede von 1937 nannte Finckh die wichtigsten Stationen im kurzen Leben Wilhelm Models. Am 19. Februar 1897 geboren, hatte der Unternehmersohn eine Ausbildung zum Techniker absolviert. Unmittelbar nach Kriegsausbruch 1914 meldete sich Model als Freiwilliger. Er kämpfte im Ersten Weltkrieg als Artillerist, zuletzt im Dienstrang eines Unteroffiziers, an verschiedenen Abschnitten der Westfront, aber auch an der Ostfront und auf dem Balkan. Im Sommer 1918 ereilte ihn ein tragisches Ende: Am 20. Juli durch einen britischen Gasangriff verwundet, weigerte sich Model, zur Genesung in die Heimat zu reisen. Stattdessen kehrte er an die Front zurück, wo er bereits am zweiten Tag nach seinem Wiedereintreffen, am 22. August 1918, fiel.

Finckhs Erinnern an Wilhelm Model in den 1930er Jahren stellt die Fortsetzung einer gezielten Heldenkonstruktion dar, die bereits den Kriegseinsatz des Feuerbachers begleitet hatte. Vor allem der Vater Karl Model unternahm alles, um seinen – militärisch eher unauffälligen – Sohn in der schwäbischen Öffentlichkeit zum völkischen Kriegshelden zu stilisieren. Hierbei kamen ihm die literarischen Interessen Wilhelms zugute. Auf Betreiben Karl Models erschienen regelmäßig Gedichte, Erinnerungen und Feldpostbriefe des jungen Kriegsfreiwilligen in Tageszeitungen und anderen Publikationsorganen. Der Unternehmer sorgte auch für die Zukunft vor: Der späteren Befestigung von Wilhelms Heldenrolle sollten eine fotografische Dokumentation seiner Taten sowie von der Familie in Auftrag gegebene Porträtgemälde dienen. Die öffentliche Inszenierung von Models Kriegsdienst kulminierte nach seinem Tod
im August 1918. Karl Model erhob die Entscheidung seines Sohnes, nach der erlittenen Gasvergiftung an der Front auszuharren, zum dramatischen Höhepunkt eines Heldenlebens. Sieg oder Tod  habe die Losung Wilhelms gelautet. Im Tod erst habe sich das Leben dieses wahrhaft germanischen Siegfriedsohns erfüllt. Ludwig Finckh ergänzte diese markigen Worte von 1918 fast zwanzig Jahre später: Lächelnd starb er, und lächelnd lag er im Sarge.

 Wolfgang Mährle

Quelle: Archivnachrichten 50 (2015), S.8-9.
 

Suche

Weiterer Beitrag zum Thema

Durchschnitt (0 Stimmen)
Zum Kommentieren bitte anmelden