»wo Mode und der gute Ton die Seele der Stadt ausmachen«

Eine markgräfliche Familienreise nach Paris im Jahr 1771

Pierre Philippe Maelrondt (?). Kostümstudie einer Dame in Reifrock, um 1760. Vorlage: Landesarchiv BW, GLAK Hfk Hs. 434 V, 1 (Eigentum des Hauses Baden). Zur Vergrößerung bitte klicken.
Pierre Philippe Maelrondt (?). Kostümstudie einer Dame in Reifrock, um 1760. Vorlage: Landesarchiv BW, GLAK Hfk Hs. 434 V, 1 (Eigentum des Hauses Baden). Zur Vergrößerung bitte klicken.

Paris – die Metropole an der Seine wurde in Reisehandbüchern des 18. Jahrhunderts als eine mit von den angenehmsten, galantesten und vollkommensten Städten in Europa gefeiert. Neue Trends in den Wissenschaften, der Philosophie oder der Kunst wurden hier diskutiert, die Art und Weise, wie man sich in Paris kleidete, sowie der Lifestyle der Aristokraten und Intellektuellen prägten ganz Europa. Versailles war der Inbegriff absolutistischer Herrschaft und Repräsentation. Der Besuch von Paris war für jugendliche Adelige auf ihren Kavalierstouren ein Muss - so auch für die Prinzen aus dem Hause Baden- Durlach. Markgraf Karl Friedrich (1728–1811) und seine Gattin Karoline Luise (1723–1783) verwandelten jedoch die geplante Reise ihrer beiden ältesten Söhne Karl Ludwig (geb. 1755) und Friedrich (geb. 1756) kurzerhand in einen mehrmonatigen Bildungsaufenthalt der ganzen Familie, an dem auch der dritte und jüngste Sohn Ludwig (geb. 1763) teilnahm. Erbprinz Karl Ludwig führte – natürlich auf Französisch - ein ausführliches Tagebuch (Journal d’un voyage fait à Paris en 1771), in dem sich eigene Schilderungen mit nur wenig veränderten Exzerpten aus den gängigen Reiseführern vermischten.

Brief von Pierre Philippe Maelrondt, Agent der Markgräfin in Paris, an Karoline Luise von Baden über die aktuellen Modetrends an der Seine mit beigefügten Stoffmustern, Paris 18. August 1754. Vorlage: Landesarchiv BW, GLAK FA 5 A Corr. Bd. 43, 48 (Eigentum des Hauses Baden). Zur Vergrößerung bitte klicken.
Brief von Pierre Philippe Maelrondt, Agent der Markgräfin in Paris, an Karoline Luise von Baden über die aktuellen Modetrends an der Seine mit beigefügten Stoffmustern, Paris 18. August 1754. Vorlage: Landesarchiv BW, GLAK FA 5 A Corr. Bd. 43, 48 (Eigentum des Hauses Baden). Zur Vergrößerung bitte klicken.

Markgraf Karl Friedrich führte seinen ältesten Sohn in dessen künftige Aufgaben als badischer Regent ein. Es galt höfisches Leben einzuüben und Kontakte zu knüpfen. Die beiden Empfänge durch Ludwig XV. in Versailles bildeten dabei den Höhepunkt, auch wenn der Erbprinz enttäuscht in seinem Tagebuch vermerkte, dass der König nur mit seinem Vater gesprochen und ihn gar nicht beachtet habe. Den diplomatischen Codes der Zeit entsprechend trat man in einem spielerischen Inkognito als Grafen von Eberstein auf, nicht, um unerkannt zu bleiben, sondern um die starren Regeln des höfischen Zeremoniells zu umgehen.

Die umfassend gebildete Markgräfin Karoline Luise besuchte mit Prinz Friedrich, der die Vorliebe für die schönen Künste mit seiner Mutter teilte, die öffentlichen und privaten Kunstsammlungen der Stadt. Langjährige Korrespondenzpartner wie etwa Johann Georg Wille (1715–1808) oder Jean-Henri Eberts (1726–1803) öffneten der Markgräfin die Türen zu den Ateliers der Künstler. Kultureller Höhepunkt der Parisreise war die Teilnahme der badischen Gäste an einer Sitzung der Akademie der Wissenschaften sowie der Königlichen Akademie für Malerei und Bildhauerei.

Die beiden ältesten Söhne erhielten jeden Vormittag Unterricht durch die führenden Wissenschaftler der Stadt, den Chemiker Jacques- Antoine Cousin (1739–1800), den Physiker Balthazar-Georges Sage (1740–1824) und die beiden Nationalökonomen Pierre Samuel Dupont de Nemours (1739–1817) und Marquis de Mirabeau (1715–1789). Ganz im Sinn des aufgeklärten Absolutismus sollten die Prinzen in den Natur- und Staatswissenschaften ausgebildet werden, um deren Erkenntnisse später in Regierungshandeln umzusetzen.

Der Tagesablauf der Prinzen war eng getaktet und bot nur wenig Erholung. Karl Ludwig durfte sich zumindest an einem Abend beim diner entschuldigen, denn schließlich waren ihm vormittags sechs Zähne gezogen worden (je me suis fait separer les 6 premières dents d’en haut).

Sehen und gesehen werden war das Motto bei den Spaziergängen auf den Pariser Boulevards. Auch dafür war Markgräfin Karoline Luise von ihren Korrespondenzpartnern gut vorbereitet worden: Man wusste, was in war und wie man sich zu kleiden hatte. Denn – so hatte ihr 1762 Baron Carl Ludwig August von Palm geschrieben - Paris war die Metropole, in der Mode und der gute Ton die Seele der Stadt ausmachten; wenn auch manche Dame zu extravagant auftrat, wie ein englischer Beobachter dem Baron zuraunte: these beauties are too artificial for my taste.

Im September 1771 fand die Reise der markgräflichen Familie ein abruptes Ende: Es war zu befürchten, dass in Rastatt Markgraf August Georg Simpert von Baden-Baden sterben könnte. Die Vereinigung der seit 1535 geteilten Markgrafschaft war greifbar nahe. Jetzt musste der Regent in Karlsruhe präsent sein. Pferde und Kutschen wurden auf dem Heimweg nicht geschont: Vier Achsenbrüche hielt Karl Ludwig in seinem Tagebuch fest.

Wolfgang Zimmermann

Quelle: Archivnachrichten 61 (2020), S. 22-23.
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