Die Wurzel aller Künste. Musikleben im deutschen Südwesten

Bild: Die Liederhalle in Stuttgart, Aquarell von Christian von Martens
Die Liederhalle in Stuttgart, Aquarell von Christian von Martens, 26. August 1868 (Landesarchiv HStAS J 56/10 Nr. 34)

Musik sei die Wurzel aller übrigen Künste, notierte Heinrich von Kleist 1811. Sie gehört auch zu den Vielfältigsten: Die Anlässe, zu denen Musik erklingen sollte, waren in den vorausgehenden Jahrhunderten – nicht anders als heute – so vielgestaltig wie das Musikleben selbst, das sich daraus entwickelt hat. Musik erklang im Gottesdienst und bei Trauerfeiern, wurde zu Repräsentationszwecken eingesetzt, bei Hof gespielt, im Verein gepflegt und natürlich in Konzert und Theater zur Aufführung gebracht.

Im deutschen Südwesten fehlte ein starkes Zentrum, das alle regionalen Bemühungen in sich gebündelt hätte. Es gab an mehreren Orten, vorzugsweise in den Residenzstädten, ein eigengeprägtes Musikleben, in dem immer einmal wieder große Namen glänzten, das aber ansonsten den höfischen und bürgerlichen Ansprüchen vollkommen genügte.

Charakteristisch für das Musikleben am spätmittelalterlichen Hof waren die ritterlichen Feldtrompeter und Heerpauker, die zu Repräsentationszwecken des Regenten bei höfischen Festen, bei Ausritt, Jagd und Krieg Verwendung fanden. Daneben wirkten im Gottesdienst die Sänger. In einer capella zusammengefasst, musizierten sie zunächst zur Ehre Gottes, später auch zum Ruhm des irdischen Herrn. Zu Reichstagen und Staatsbesuchen führten die Fürsten ihre Sängerkapellen mit und ließen sie untereinander zum Wettstreit antreten. Am Ende des Mittelalters und in der Renaissance entwickelte sich zwischen diesen beiden Gruppen eine neue Kategorie von Musikern: die Instrumentalisten. Ihr Raum war die fürstliche camera, das Privatgemach des Herrschers, wo sie ihre Kunst präsentieren konnten. Ihre Musik, die Kammermusik, diente zunächst vor allem als Tafelmusik der Unterhaltung, später dann auch als Tanzmusik und schließlich als Konzertmusik.

Damit wird im ausgehenden 16. Jahrhundert ein langsamer Wandlungs- und Säkularisierungsprozess erkennbar, der sich im 17. Jahrhundert verfestigte. Die Sänger und die gottesdienstliche Musik traten zurück. Das fürstliche Repräsentationsbedürfnis verlagerte sich allmählich von der Kirche in die fürstliche Wohnung, und statt mit ihren Sängerkapellen glänzten die Fürsten mit ihren Instrumentalisten. Choral und Motette wurden zunehmend durch weltliche Musik abgelöst, durch Lied und Madrigal. Ein großer Festsaal gehörte nun zum Bauprogramm der fürstlichen Residenz wie das berühmte Lusthaus, das Herzog Ludwig von Württemberg ab 1584 in Stuttgart erbauen ließ. Dieser Prozess, der überall an den deutschen Höfen zu beobachten ist, führte zur Ausbildung eigener Orchester. In Stuttgart ist erstmals für das Jahr 1607 nachgewiesen, dass die Instrumentalisten als eine geschlossene Gruppe auftraten; die Hofkapelle der Markgrafen von Baden-Durlach ist ab 1662 belegt.

Unter Herzog Friedrich I. von Württemberg (1557–1608) wirkte am Stuttgarter Hof mit Leonhard Lechner der letzte in der Reihe der Kapellmeister, für welche die musica sacra noch im Vordergrund stand. Darüber hinaus zog Herzog Friedrich aber auch englische und französische Künstler, Musiker und Schauspieler an den Hof, die seinem Bedürfnis nach Repräsentation, Weltläufigkeit und Bereicherung der Festkultur entsprachen. Prachtvolle Inszenierungen und großartige Feste steigerten sich noch unter seinem Sohn, Herzog Johann Friedrich (1582–1628). Seine Hochzeit mit Barbara Sophie von Brandenburg 1609 sowie das Tauffest seines Sohns Friedrich im Jahr 1616 waren willkommene Gelegenheiten zu grandiosen Aufzügen, Chören, Singspielen, Balletten, Konzerten, Feuerwerken und musikalischen Maskeraden, die er vor dem hohen Adel aufführen ließ.

Einen Einbruch brachte der Dreißigjährige Krieg. Unter den Nachfolgern Johann Friedrichs wurde die Hofkapelle in Stuttgart zunächst verkleinert, dann ganz aufgelöst. Nach dem Ende des Kriegs wurde sie zwar wieder begründet, kam aber immer nur für wenige Jahre über ein provinzielles Niveau hinaus.

Im 18. Jahrhundert begann die Zeit der Italiener am Stuttgarter Hof. Die eigentliche Glanzzeit der Stuttgarter Musik war die Regierungszeit Herzog Carl Eugens von Württemberg (1728–1793), der nicht nur ein feinsinniger musikalischer Kenner war, sondern auch für Orchestermusik und Opernkunst riesenhafte Summen ausgab. Mit Niccolò Jommelli, der von 1753 bis 1769 in Stuttgart wirkte, gelang es ihm, seinen Hof an die Spitze der Entwicklung zu setzen, bevor Mannheim auf den ersten Platz vorrückte. Nach dem Weggang Jommellis war der Höhepunkt der höfischen Musikkultur in Stuttgart überschritten, aber noch für ein Vierteljahrhundert sollte die italienische Musik am Hof in Blüte stehen.

In der Zeit des Königreichs war es Peter von Lindpaintner, der das Musikleben des 19. Jahrhunderts prägte; unter König Wilhelm I. von Württemberg (1781– 1864) leitete er fast 37 Jahre lang das Stuttgarter Hoforchester. In dieser Zeit konnte sich das Orchester auch vom ausschließlichen Dienst für den Fürsten emanzipieren und in die Öffentlichkeit wirken. Die Abonnementkonzerte, für das Bürgertum eingeführt, waren gesellschaftliche Höhepunkte. König Wilhelm II. (1848–1921) gelang es noch einmal, durch Berufung hervorragender Kapellmeister wie Joachim Gans Edler von Putlitz und Max von Schillings sowie durch eine besondere Liberalität bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus Stuttgart ein musikalisches Zentrum ersten Rangs zu machen.

Aber nicht nur am Stuttgarter Hof wurde ein – mehr oder weniger – reges Musikleben gepflegt. Auch an fast allen anderen Höfen spielte insbesondere im 18. Jahrhundert die Musik eine besondere Rolle. Am Hof der Markgrafen von Baden-Durlach, die 1717 ihre Residenz in das neu gegründete Karlsruhe verlegten, waren aber italienische Musiker von weit geringerer Bedeutung als in Stuttgart, da man sie nicht bezahlen konnte. Eine Blütezeit der Karlsruher Hofkapelle war die Zeit unter Johann Melchior Molter (Kapellmeister 1722–1733), der auch eine rege Kompositionstätigkeit entfaltete. Einen unerwarteten Aufschwung nahm das Musikleben am Karlsruher Hof durch das Aussterben der Baden-Badener Linie im Jahr 1771. Die Hofhaltung in Rastatt wurde aufgelöst und die dortige Hofkapelle mit dem Hofkapellmeister Joseph Aloys Schmittbaur (1718– 1809) zum großen Teil in die Karlsruher Hofkapelle übernommen. Schmittbaur war der erste Musiker von überregionaler Bedeutung in Karlsruhe. Nach der Erhebung der Markgrafschaft zum Großherzogtum wurde das Orchester 1808 unter der Bezeichnung Großherzoglich Badische Hofkapelle dem neu gegründeten Großherzoglichen Staatstheater angegliedert. Hofkapellmeister wurde 1812 Franz Danzi (1763–1826), der auch als vielseitiger Komponist hervortrat. Zahlreiche künstlerische Höhepunkte erlebte die Hofkapelle unter seinem Nachfolger Joseph Strauß (1793–1866), der fast 40 Jahre im Amt blieb. Ein begeisterter Anhänger Richard Wagners war Felix Mottl (1856–1911), der 1880 nach Karlsruhe kam und dem Hoftheater den Ruf des Klein-Bayreuth einbrachte. Mit seinem Weggang 1904 endete die Glanzzeit der Karlsruher Hofoper.

War das Musikleben bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert fast ausschließlich von den Höfen geprägt, entwickelte sich seit dem frühen 19. Jahrhundert eine rege Musikpflege des aufstrebenden Bürgertums. Liederkränze, Liedertafeln, Sing- und Orchestervereine wurden ins Leben gerufen, und auch im häuslichen Kreis wurde im gehobenen Bürgertum gerne musiziert. Einen wichtigen Beitrag zum Musikrepertoire der Chorbewegung lieferte Friedrich Silcher (1789–1860), der als Tübinger Universitäts-Musikdirektor ein württembergisches Choralbuch herausgab. Die bürgerliche Musikkultur weckte auch einen Bedarf an musikalischer Bildung. Als Vorläufer der heutigen Musikhochschulen gilt die noch in kurpfälzischer Zeit 1776 institutionalisierte Mannheimer Tonschule, die der professionellen Ausbildung von Musikern diente. In Karlsruhe wurde 1837 eine Musikbildungsanstalt gegründet, die 1910 aufgelöst und mit dem Großherzoglichen Konservatorium vereinigt wurde. Aus den Oberklassen des Konservatoriums wurde 1929 die erste staatlich anerkannte Musikhochschule in Baden gebildet.1955 wurden Konservatorium und Musikhochschule getrennt, und Letztere wurde 1971 als Staatliche Hochschule für Musik vom Land Baden-Württemberg übernommen, ebenso wie die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim.

Auch in Stuttgart ging die Gründung der Musikschule 1857 auf das private Engagement Stuttgarter Bürger zurück. Die Musikschule, ab 1865 Konservatorium, umfasste eine Künstlerschule und eine Dilettantenschule. Deren Trennung erfolgte 1921 mit der Ernennung zur Württembergischen Hochschule für Musik; 1938 wurde sie in die Verwaltung des Landes Württemberg übernommen. Seit 1963 trägt sie die Bezeichnung Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Nachkriegsgründungen sind die Musikhochschulen in Freiburg im Breisgau und Trossingen.

Baden-Württemberg weist auch heute ein reiches, vielfältiges Musikleben auf, mit Sängern und Instrumentalisten, Komponisten, Chören und Orchestern; ein besonderes Merkmal ist eine Vielzahl von Festspielen, die Musik nicht nur in den Zentren des Landes, sondern auch in der Fläche erklingen lassen.

Nicole Bickhoff  

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