Die Studienreisen des Ferdinand Geizkofler an die europäischen Höfe seiner Zeit im Spiegel seiner mehrsprachigen Korrespondenz

Ferdinand Geizkofler über seinen Aufenthalt in Holland und die bevorstehende Überfahrt nach England im Juli 1611, Quelle Landesarchiv BW, StAL B 90 Bü 3552
Ferdinand Geizkofler über seinen Aufenthalt in Holland und die bevorstehende Überfahrt nach England im Juli 1611, Vorlage: Landesarchiv BW, StAL B 90 Bü 3552

Der große Wert des Geizkoflerschen Archivs im Staatsarchiv Ludwigsburg (StAL B 90) für die allgemeine Reichs- bzw. Reichsfinanzgeschichte der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ist gemeinhin bekannt. Über die europäische Vernetzung der Familie des Zacharias Geizkofler geben jedoch nicht nur seine Geschäftsbücher und Schriftwechsel mit Handelsfirmen, geistlichen und weltlichen Herrschaften von Warschau bis Venedig beredt Auskunft, sondern auch ein Konvolut von 47 Briefen. Diese sandte sein einziger Sohn von seinen Studienreisen an den Vater in Haunsheim.

Ferdinand Geizkofler (1592–1653), der spätere Hofkanzleidirektor und Statthalter des württembergischen Herzogs in Stuttgart, wurde im Alter von 18 Jahren auf Reisen geschickt, um an den europäischen Höfen seiner Zeit Kontakte zu knüpfen und diplomatische Umgangsformen und sprachliche Gewandtheit zu erlernen. Um letztere unter Beweis zu stellen, schrieb er seinem Vater vom 19. April 1611 bis zum 14. April 1612 wöchentlich Briefe, die er abwechselnd in verschiedenen Sprachen abfassen musste. Überliefert sind von ihm 24 lateinische, neun französische, acht italienische und sechs spanische Briefe. Hingegen bediente sich sein Hofmeister und Lehrer Dominikus Orth nur der deutschen Sprache.

Die Briefe beleuchten die Erziehung des jungen Mannes, der auf den Staatsdienst vorbereitet werden sollte. Zu seinen täglichen Studien gehörten neben den Sprachen Unterweisungen in Geschichte, Jura und Festungsbau sowie Übungen im Fechten. Vor allem aber gibt die Korrespondenz Einblicke in das Leben an den verschiedenen europäischen Höfen aus der Perspektive des jungen Reisenden. Sein Reiseweg führte ihn von April bis Oktober 1611 über Stuttgart, Heidelberg, Frankfurt und Köln an den Düsseldorfer Hof. Nach Abstechern nach Westfalen erreichte er am 19. Juni Amsterdam und bereiste zwei Wochen lang die Niederlande. Anschließend trat er nach wetterbedingten Verzögerungen von Calais aus die sieben Stunden dauernde Überfahrt nach England an. Nach einem einmonatigen Aufenthalt in London und Umgebung durfte er weiter nach Schottland reisen, wo er sich eines Dolmetschers bediente. Mitte Oktober war er zurück in Brüssel, um ein halbes Jahr lang seine Studien fortzusetzen.

Ausgestattet mit Empfehlungsschreiben nicht nur des Vaters, der mit zahlreichen Herrschern, wie z. B. Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg, Finanzgeschäfte getätigt hatte, sprach Ferdinand an den jeweiligen Höfen, etwa bei König Jakob von England, vor und wurde direkt oder nach längeren Wartezeiten vorgelassen. Er berichtet nicht nur über die Unterschiede im Zeremoniell und in der Gastfreundschaft – Austerität am Stuttgarter, Überfluss am Heidelberger Hof oder die Jagdleidenschaft des Sohnes der Maria Stuart – sondern auch über aktuelle Ereignisse. So beschreibt er die Folgen des Kalmarkrieges für den dänischen König oder die Landung von sechs Indienfahrern mit unermesslichen Reichtümern in den Niederlanden. Unterkunft boten in der Regel die Geschäftspartner des Vaters, Handelsfirmen oder Bankhäuser, bei denen auch die benötigten Reisemittel hinterlegt wurden. Die nicht nur in kulturgeschichtlicher Hinsicht interessanten Briefe des Ferdinand Geizkofler (StAL B 90 Bü 3552–3553) zeigen auf eindrückliche Weise, wie die Netzwerke des ehemaligen Reichspfennigmeisters über ganz Europa funktionierten.

 Maria Magdalena Rückert

Quelle: Archivnachrichten 52 (2016), S.18-19.

 

Literatur: Karl Otto Müller: Ferdinand Geizkoflers Studienreise nach den Niederlanden und England in den Jahren 1611/12. In: Besondere Beilage des Staats-Anzeigers für Württemberg 1 (1922) S. 1–14.

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