Pulverfabrik Rottweil

Gebäude der ehemaligen Pulverfabrik bei Rottweil im Neckartal, heute Gewerbepark. Copyright: LMZ BW
Gebäude der ehemaligen Pulverfabrik bei Rottweil im Neckartal, heute Gewerbepark. Copyright: LMZ BW
Die 1817 durch Kauf an Franz Xaver Flaiz aus Gruol und Sebastian Burkard aus Rottweil gelangte Pulvermühle war 1839 und 1847/48 von schweren Explosionsunglücken betroffen. 1839 errichteten die von Staat und Stadt finanziell unterstützten Franz Xaver Flaiz jun. und Sebastian Linsenmann mit der Unteren Pulvermühle ein zweite, moderne Produktionsstätte. Nach dem Tod Linsenmanns 1853 trat der wohlhabende protestantische Rottweiler Apotheker Wilhelm Heinrich Duttenhofer in diesen Betrieb ein, starb jedoch schon ein Jahr später. Schließlich übernahm 1863 sein Sohn, der eben 20jährige Max Duttenhofer (1843–1903), die Firmenleitung; er baute die Firma zum Großbetrieb von Weltgeltung aus und wurde zur dominierenden Persönlichkeit Rottweils im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Vor allem der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 führte zu einem starken Aufschwung des Rottweiler Betriebs, zu Firmenübernahmen und Erweiterungen. Aus der bisherigen Firma wurde nach dem Willen Duttenhofers 1872 die Aktiengesellschaft Pulverfabrik Rottweil, deren Vorstand und Direktor er wurde.

Da der Rottweiler Betrieb verkehrsungünstig lag und an seine Kapazitätsgrenze gelangt war, pachtete Duttenhofer 1877 von Reichskanzler Otto von Bismarck ein Gelände in Geesthacht bei Hamburg und erbaute dort an der Elbe die für Marine- und Exportzwecke günstig gelegene Pulverfabrik Düneberg, die bald größer als das Rottweiler Werk wurde (Leiter wurde sein jüngerer Bruder Carl). Der Name des Gesamtunternehmens wurde in Pulverfabrik Rottweil-Hamburg geändert. In den folgenden Jahren wurde eine Reihe von Pulverfabriken vor allem in Württemberg und Bayern, aber auch in England, Holland, Russland und Serbien erworben oder erbaut. 1884 konnte Duttenhofer sein neues Pulver R.C.P. (Rottweiler Chemisches Pulver) präsentieren; es war das erste rauchlose bzw. rauchschwache Pulver, das für militärische Zwecke brauchbar war. Ein weiterer gewaltiger Aufstieg der Firma mit großen Neubauten auch in Rottweil war die Folge. 1890 führten Kartellverträge (1882, 1884) der Pulverfabrik Rottweil-Hamburg mit den mächtigen Vereinigten Rheinisch-Westfälischen Pulverfabriken zur völligen Fusion in der Firma Vereinigte Köln-Rottweiler Pulverfabriken AG mit einem Aktienkapital von 16,5 Mio. Mark und Hauptsitz in Köln (Konzernzentrale 1903 nach Berlin verlegt). Duttenhofer zog sich aus der Geschäftsleitung zurück, war aber als Aufsichtsratsvorsitzender nach wie vor mächtig. Die Produktion im Rottweiler Betrieb schnellte von 2,4Mio. kg 1888 auf 5,9Mio. kg 1890, die Bilanzsumme von 15 Mio. Mark 1889 auf 31 Mio. Mark nach der Fusion empor. Damit war jedoch ein vorläufiger Höhepunkt erreicht (1882: rd. 120, 1890: 854 Beschäftigte), auch wegen teilweiser Produktionsverlagerung in andere Betriebsstätten des Konzerns. Zeitweise drohte sogar die Schließung des Rottweiler Zweigbetriebs, lediglich die im Kriegsfall günstige Lage im schwer zugänglichen Neckartal verhinderte dies.

Bis 1913 wurden jährlich zwischen 4–5 Mio. kg Pulver in Rottweil hergestellt. Die Zahl der Beschäftigten erholte sich nach einem Tiefpunkt 1893 (264 Arbeiter) wieder auf 510 im Jahre 1899, pendelte in den folgenden Jahren um diese Zahl und stieg erst ab 1909 rüstungsbedingt auf rd. 800 im Jahre 1912 an. Die Ansiedlung weiterer Industriebetriebe in Rottweil lag nicht im Interesse des kommunalpolitisch einflussreichen, an einem möglichst flexiblen Arbeitsmarkt interessierten Duttenhofer. Er war der mit Abstand reichste Mann Rottweils, über 25 Jahre lang Vorsitzender der Handels- und Gewerbekammer Rottweils, als Verehrer Bismarcks einer der Hauptführer der Deutschnationalen in Württemberg und des weiteren ein führendes Mitglied in der reaktionären Colonialgesellschaft. Er wurde mit glänzenden Ehrungen, vom König u.a. mit dem Titel Geheimer Kommerzienrat (1888) und der Verleihung des persönlichen Adels (1888), bedacht. Zeitweise bekleidete der politisch und sozial sehr konservativ eingestellte Duttenhofer 22 Aufsichtsratsposten bei bedeutenden Firmen im In- und Ausland. In Rottweil unterstützte er verschiedene Vereine, betrieb u.a. eine bekannte Fleckviehzucht, baute eine Getreideverkaufsgenossenschaft sowie Obst-, Beeren- und auch Fischzuchtanlagen auf und gründete 1899 die Sektkellerei Rottweil, die nach seinem Tod jedoch 1905 an ein Esslinger Unternehmen verkauft wurde.

Duttenhofer, dessen Pulverfabrik 1884/85 11,5%, 1912/13 jedoch stolze 40,5% des in Rottweil zu versteuernden Gewerbekapitals aufbrachte, besaß seit 1891 ein in der damaligen württembergischen Kommunalordnung verankertes Einwendungsrecht hinsichtlich des städtischen Haushalts. Seine dominierende Stellung führte jedoch schließlich zu Konflikten mit der Stadtverwaltung und Teilen der Bürgerschaft, die Gefahr liefen, von ihm und seinem Industrieimperium abhängig zu werden. Die zu billige Abgabe von Holz an die Pulverfabrik, eine städtische Abnahmegarantie (1885) für Duttenhofers Gaswerk für die lange Zeit von 25 Jahren bei recht hohen Preisen, die kostenlose Überlassung der Monopolkonzession sowie die Verpachtung der Jagd an Duttenhofer für einen nur symbolischen Betrag führten 1897 zu Diskussionen, auf die er mit der Kündigung seiner Jagd und sogar mit der Drohung einer Verlegung der Rottweiler Fabrik nach Düneberg reagierte. Geradezu erschrocken sandten die bürgerlichen Kollegien eine Ergebenheitsadresse an Duttenhofer und gewährten u.a. eine Reduzierung des Gewerbesteuerkapitals, den Verzicht auf eine Steuernachzahlung, die günstige Abgabe von Brennholz und die kostenlose Abtretung eines städtischen Areals zur Erweiterung der Pulverfabrik. Duttenhofer sah schließlich von einer Betriebsverlegung ab. Er starb 1903 und hinterließ das Firmenimperium seinem Bruder Carl und seinem Sohn Max, die bis zur Übernahme der Vereinigten Köln-Rottweiler Pulverfabriken durch die I.G. Farbenindustrie AG 1926 als Generaldirektoren dem Konzern vorstanden.

Die Pulverfabrik wuchs im Ersten Weltkrieg von 878 (1914) auf 2226 (1917) Beschäftigte an, wurde durch zahlreiche markante Neubauten erweitert und lieferte zwischen 80 und 100% des deutschen Bedarfs an Infanterie-Pulver. Nach Kriegsende sank die Zahl der Beschäftigten durch Demontage stark ab. Es wurde nun neben kleinen Mengen von Jagd- und Sportpulver sowie Jagdpatronen vor allem Viskose-Reyon (Kunstseide) hergestellt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs (über 2000 Arbeiter) wurden die der Pulver- und Sprengstoffproduktion dienenden Anlagen demontiert und zerstört, die Jagdpatronenproduktion nach Düren/Rheinland verlegt. Die Produktion von Textil-, Kunstseide und Reifencord-Gewebe wurde ab 1948 von der Firma Rottweiler Kunstseidefabrik AG weitergeführt (1950: ca. 1900 Betriebsangehörige). 1963 wurde die Deutsche Rhodiaceta AG neuer Mehrheitsaktionär, die zum französischen Konzern Rhône-Poulenc gehörte (1967 Eingliederung in die Rhodia AG als Werk Rottweil). Die Produktion von Viskose-Reyon wurde eingestellt und 1964 ein großes Werk zu Herstellung von Nylon erstellt. Mit rd. 1400 Beschäftigten und einer monatlichen Produktion von 1000 t war es 1970 noch der größte Industriebetrieb der Stadt. 1994 wurde der Betrieb angesichts der weltweiten Rezession auf dem Chemiefaser-Markt stillgelegt, das Gelände als Gewerbepark Neckartal erschlossen.

Alfred Lutz

Veröffentlicht in: Der Landkreis Rottweil. Hg. v. der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Landkreis Rottweil (Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg). Ostfildern 2004, Bd. 2, S. 138f. 
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