Lesen, denken, artig sein

Ein hohenlohisches Schulbuch am Beginn des 19. Jahrhunderts

Statt Katechismus: Ein hohenlohisches Schulbuch von 1806 setzte auf Praxisnähe und ein breites Bildungsspektrum. Auch die Erziehung zu Moral und Sittlichkeit kam nicht zu kurz. Quelle: Landesarchiv BW, HZAN GA 93 Bd. 5f und 5a
Statt Katechismus: Ein hohenlohisches Schulbuch von 1806 setzte auf Praxisnähe und ein breites Bildungsspektrum. Auch die Erziehung zu Moral und Sittlichkeit kam nicht zu kurz. Quelle: Landesarchiv BW, HZAN GA 93 Bd. 5f und 5a

Uebungen im Lesen und Denken für die Hohenlohe-Neuensteinischen Stadt- und Landschulen nennen sich die beiden, an verschiedene Altersstufen angepassten Schulbücher, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts in hohenlohischen Schulen zum Einsatz kamen. Leider lässt sich ihr Entstehungsprozess kaum noch nachvollziehen und selbst der Verfasser bleibt anonym. Möglicherweise zeichnete der pädagogisch ambitionierte Öhringer Stadtpfarrer Karl Friedrich Eichhorn (1757–1829) als Förderer der Arbeit oder gar als Verfasser verantwortlich. Mit Sicherheit ist hingegen festzustellen, dass die Erste Abtheylung 1804 und die Zweyte Abtheilung 1806 bei den Buchdruckern Holl und Möß in Öhringen produziert wurde.

Die Schulbücher, insbesondere die fast 500 Seiten starke Zweyte Abtheilung, erlauben einen Einblick in die Veränderungen des Menschenbilds und des Bildungsideals im napoleonischen Zeitalter. Während der Katechismus den Schulalltag der vorangegangenen Generationen dominiert hatte, verzichtete das neue Schulbuch weitgehend auf religiöse Inhalte. Immerhin hält der namenlose Autor in seinen Vorbemerkungen fest, dass er sein Werk als Ergänzung zum Katechismus verstehe und sein Buch die Bibel keineswegs aus der Schule verdrängt, sondern vielmehr ihr Verstehen und zweckmäßiger Gebrauch vorbereitet und erleichtert werden soll. Ganz in diesem Sinne ist ein kleines Wörterbuch im Anhang zu verstehen, das sich der Erklärung dunkler, veralteter, oder aus den Grundsprachen beybehaltenen Wörter und Redensarten in der deutschen Bibelübersetzung widmet.

Statt die Glaubensinhalte im Zentrum des Bildungsspektrums zu belassen, setzen die Uebungen im Lesen und Denken zu einem beachtlichen Rundumschlag an, der ganz unterschiedliche Wissensgebiete zwischen zwei Buchdeckeln zu vereinen trachtet: Übungen im Zählen und Kopfrechnen finden darin genauso ihren Platz, wie ein Kapitel über das Wesen der menschlichen Gesellschaft und Beiträge zu Flora, Fauna und Geografie. Besonders praxisorientiert wirken die Tabellen zu Maßen, Münzen und Gewichten, aber auch Brief- und Kontraktvorlagen.

Trotz dem bewussten Abstand zu traditionellen Formen der religiösen Bildung, zieht sich die Bemühung um Moralerziehung und Sittlichkeit wie ein roter Faden durch das Schulbuch. 20 kurze, für Leseübungen gedachte Erzählungen handeln samt und sonders von guten und bösen Kindern, die den Lohn der Tugend oder die Strafe für den Ungehorsam erfahren: Den ehrlichen Stefan haben alle lieb und Johann verdankt sein gutes Leben seinem Fleiß, während sein schulschwänzender Klassenkamerad Peter ungeschickt und arm bleibt und zuletzt ein sehr böser Mensch wird. Zum Teil erinnern die bitteren Pointen fast an den Struwwelpeter, wenn etwa der Tierquäler nach einem Hornissenstich in Ohnmacht fällt oder das unvorsichtige Hannchen sich mit einer Gabel das Auge aussticht. Noch konkreter wird die Erziehung zum moralischen Lebenswandel in beigefügten Sittenregeln, die mit dem Merksprüchlein Was gut und schön ist, such‘ und ehre; das ist die ganze Sittenlehre zusammengefasst werden.

Den Eindruck, den die Uebungen im Lesen und Denken auf fachkundige Zeitgenossen machte, spiegelt die Bewertung des langenburgischen Superintendenten Gottlob Gebhard Mehring (1750–1822) wider, der 1806 eine Ausgabe der Zweyten Abtheilung begutachtete. Er hielt fest: Wenn also auch hier u. da etwas darinnen enthalten ist, was dem Landmann zu wissen eben nicht nöthig wäre, so wird doch nichts darinnen vorkommen, das ihm ganz unnütz seyn sollte. An anderer Stelle lobte er das Buch als ein kleines Magazin des Wissenswürdigsten für Jedermann. Nach Rücksprache mit anderen Geistlichen bestellte er 300 Exemplare der ersten und 200 Exemplare der zweiten Abteilung für den Gebrauch in und um Langenburg.

Jan Wiechert

Quelle: Archivnachrichten 55 (2017), S. 15.

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