Sigmaringen auf dem Weg zur Dolchstoßlegende

Kriegsostern 1916, Kunstdruck der Berliner Illustrationsgesellschaft (Landesarchiv StAS FAS Sa Nr. 376)
Kriegsostern 1916, Kunstdruck der Berliner Illustrationsgesellschaft (Landesarchiv StAS FAS Sa Nr. 376)

Die Soldaten, die schon 4 ½ Jahr draußen sind, haben genug gekämpft und geblutet für die großen Geldbeutel und Bluthunde. Mit bissigen Worten macht ein Soldat in einem nie abgedruckten Leserbrief seinem Ärger über einen Leitartikel in der Hohenzollerischen Volkszeitung Luft (M 1). Der Zorn des Anonymus richtet sich gegen Oberst a.D. Richard Gädke, der die Truppe am 21. Oktober 1918 mit markigen Worten zum Durchhalten angefeuert hatte. Ein Oberst im Ruhestand? Er hat jedenfall (sic!) nur Angst um seine Pension, und für diese sehe (sic!) er lieber nochmal Millionen bluten, so der scharfe Kommentar des Soldaten (M 2). Nach über vier Jahren Krieg war auch in Sigmaringen Ernüchterung und Kriegsmüdigkeit mit den Händen zu greifen. Verflogen war jener Enthusiasmus, dessen sich die Journalisten der Hohenzollerischen Volkszeitung noch zu Kriegsbeginn befleißigt hatten. Russland muss badisch werden!, hatten die Schreiberlinge einen der Sprüche an den Waggons der unzähligen Militärtransporte zitiert, die im August 1914 durch den örtlichen Bahnhof gerollt waren. Was freudig geschieht, das gelingt, so der Kommentar eines Journalisten.

Man darf bezweifeln, dass die humorvollen Parolen auch nur annähernd die Gemütsverfassung der Soldaten wiedergaben, die in den Eisenbahnwaggons Sigmaringen passierten. Die These der allgemeinen Kriegsbegeisterung im August 1914 ist längst widerlegt. Spätestens mit der Ankunft der ersten Verwundetentransporte verbreitete sich auch in Sigmaringen Ernüchterung. Hatte man den ersten Truppentransporten gen Westen noch einen großen Empfang bereitet, wurde der Bahnhof bereits wenige Tage später, bei der Ankunft der ersten Verwundeten, komplett gesperrt. Weinerliche Ausrufe sind zu unterlassen, so der Appell in der Hohenzollerischen Volkszeitung.

Die Kriegsbilanz fiel mehr als ernüchternd aus. Franz Keller (1875–1950), Lehrer an der Sigmaringer katholischen Volksschule, beschreibt die drückenden Entbehrungen an der Heimatfront im Rahmen der Mangel- und Zwangsbewirtschaftung der Jahre 1914 bis 1918 bis ins Detail. Schlimmer wog allerdings der Tod von fast 20 Prozent der Soldaten, die aus Hohenzollern in den Krieg ausgerückt waren. Angesichts der weit verbreiteten Kriegsmüdigkeit machten die revolutionären Wirren des Novembers 1918 auch vor den Hohenzollerischen Landen nicht Halt. Soldaten- und Arbeiterräte trugen die Revolution nach Hechingen und Sigmaringen; aus einem Fenster des Prinzenbaus in Sigmaringen wehte die rote Flagge des Umsturzes. Im Februar 1919 kommt es in Sigmaringen zu einer Demonstration von Kriegsteilnehmern und Kriegsbeschädigten vor dem Sigmaringer Schloss; die Redaktionsräume der konservativen Hohenzollerischen Volkszeitung werden besetzt und demoliert. Fürst Wilhelm von Hohenzollern erklärte sogar, um einen Ansturm von Arbeitern und Bauern auf sein Schloss abzuwenden, den Verzicht auf Vorrechte und finanzielle Vorteile.

Trotz dieser Ereignisse verlief die Revolution in Sigmaringen auffallend gemäßigt. Der angeblich bevorstehende Sturm auf das Schloss durch eine ultralinke Spartakusgruppe blieb schon allein deshalb aus, weil diese in Sigmaringen nie existierte. Der revolutionär gesinnten Sicherheitswache auf dem Schloss, die sich aus 35 Soldaten vom Heuberg rekrutierte, standen als konservativer Gegenpol das Fürstenhaus und die Hohenzollerische Volkszeitung gegenüber. Zentrum und Demokraten (DDP) nahmen eine Vermittlerrolle ein.

Die revolutionären Ereignisse sollten also nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Sigmaringen wie anderswo der Umsturz die alten, konservativen Kräfte nicht hinwegfegte. Am Ende des Krieges standen sich reaktionäre bzw. konservative und progressive Kräfte unversöhnlich gegenüber. Und in Gädkes flammenden Durchhalteparolen lassen sich bereits jene Argumentationslinien erkennen, die der Dolchstoßlegende in der Weimarer Republik als Nährboden dienten. Gädke selbst war freilich nicht dem konservativen Lager zuzurechnen: Im Liechtensteinischen Volksblatt wird er 1915 als Militärkritiker des Vorwärts bezeichnet.

Markus Fiederer

 

M1: Leitartikel in der Hohenzollerischen Volkszeitung vom 21. Oktober 1918

Wir sind nicht besiegt! Lasst uns fechten!

Von Richard Gädke, Oberst a.D.

Die Note Wilsons zeigt uns, wohin die Reise geht. Mit der Rücksichtslosigkeit des Tones, mit der Miene des siegreichen Herrn sucht er uns einzuschüchtern und uns willfährig für die härtesten Bedingungen zu machen. (...) So wie Wilson mit uns zu sprechen wagt, kann man nur mit einem rettungslos Besiegten sprechen. Wir sind aber noch nicht besiegt (...). Geben wir es unumwunden zu, dass die Überlegenheit der strategischen Lage augenblicklich beim Gegner ist. (...) Die feindlichen Feldherrn handeln vollkommen richtig, mit mitleidslosem, stahlharten Willen ihre erschöpften Truppen immer wieder vorzureißen und ihre Übermacht an den ganzen, an den großen, den entscheidenden Sieg zu setzen. Darum eben werden wir gegenwärtig überhaupt keinen Waffenstillstand erhalten, solange die Gegner noch hoffen können, ihr Werk auf dem Schlachtfeld zu vollenden. So oder so müssen wir den Kampf durchfechten. (...) Der Verzagte verliert sicher, wo der Mutige den rettenden Steg findet, der ihn vom Abgrund weg zur Höhe seines Erfolges führt. Der Angriff ist noch immer das Mittel gewesen, durch das allein die Minderzahl zum Siege gelangte. (...) Wollen wir uns von den Franzosen und Engländern beschämen lassen? Dann verdienen wir besiegt und zur Ohnmacht verdammt, zerstückelt zu werden (...). Denken wir nicht an das nächste Frühjahr, denken wir nur an die Gefahren der Gegenwart und wie wir sie durch Mannhaftigkeit beschwören können. (Wir haben der Bitte um Aufnahme vorstehenden Artikels gerne Aufnahme gewährt, wenngleich wir überzeugt sind, dass viele unserer Leser mit diesen Ausführungen nicht einverstanden sind. Wir sagen uns aber, dass es gut ist, wenn die beiderseitigen Ansichten zu Wort kommen. Ob der Verfasser nähere Fühlung mit der Obersten Heeresleitung hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Die Schriftleitung) Hohenzollerische Volkszeitung, 21. Oktober 1918

Vorlage: Landesarchiv StAS FAS Sa Nr. 376

M 2: Anonymer Leserbrief an die Hohenzollerische Volkszeitung, Oktober 1918

An die Redaktion der H. Volkszeitung Sigmaringen

 Sagen Sie bitte dem Artickelschreiber Oberst Gädke, wenn er so siegesgewiss sei, so soll er mal draußen mithelfen seinen großen Kopf hinhalten, die Soldaten, die schon 4 ½ Jahr draußen sind, haben genug gekämpft und geblutet für die großen Geldbeutel und Bluthunde. Er hatt jeden Fall nur Angst um seine Pension und für diese sehe er lieber nochmal Millionen bluten. Ein Soldat vom Feld zur Zeit im Urlaub.

Vorlage: Landesarchiv StAS FAS Sa Nr. 376

M 3: „Der Krieg als Geschenk an die Jugend"

Ansprache des Sigmaringer Volksschullehrers Franz Keller (1875– 1950) anlässlich der Kaiserfeier vor der versammelten Lehrer- und Schülerschaft der katholischen Volksschule, 29. Januar 1916

 Der Wille zum Sieg ist der Sieg; darum siegen unsere Heere, weil sie vom unerschütterlichen Willen beseelt sind: Wir wollen siegen! (...) Der Führer weiß, jeder Soldat tut seine Pflicht, er kann sich darauf verlassen; ein Befehl wird unter allen Umständen ausgeführt; ein Ziel, etwa ein Waldrand, ein Ort, eine Straßenkreuzung ist zu erreichen, zu besetzen, zu stürmen, dann geschieht das auch. Seht, dieser Gehorsam ist dem deutschen Soldaten anerzogen; beginnend in der Schule mit der Zucht, dann in der Lehrzeit, bei der Jugendwehr, immer steht der Gehorsam oben an. Habt ihr gesehen, wie stramm die Zöglinge der Unteroffiziersschule stehen am Kirchberg, wenn der Herr Landrat befiehlt: Stillgestanden! Diesen Gehorsam, der Siege bringt, macht uns keine Armee nach. (...) Was hat der Krieg Euch noch mehr geschenkt? (...) Tapfere Führer und ein tapferes Heer, ein Volksheer hinter der Front, in der Heimat. (...) Ihr wisst, es geht in diesem Kampfe ums Ganze, um Sein oder Nichtsein. Es muss darum das ganze Volk ein Heldenvolk sein und werden. (...) Seht Kinder, jetzt lernt Ihr erst recht erkennen, wie festgefügt und stark unser Staat und wie notwendig eine starke Regierung für uns alle ist. (...) Das ist ein großes Kriegsgeschenk. Für wen besonders? Ja für die Armen und für die Arbeiter, unter denen es vor dem Kriege so viele gab, denen es die Regierung, ja der Kaiser trotz aller Fürsorge nicht recht machen konnte – sie waren unzufrieden, wie manche Buben, denen es der Lehrer nie recht machen kann. Der Krieg hat's hart angepackt und die Unzufriedenheit verstummen gemacht; jetzt erkennen sie, wie notwendig die Vorsorge und Einschränkung, wie schwach und hinfällig der Einzelne, wie stark aber jeder im Anschluss an das Vaterland. (...)

Vorlage: Landesarchiv StAS, Nachlass Franz Keller, Dep. 1 T 6-7 Nr. 44

Quelle: Quellenbeilage Nr.47 zu Archivnachrichten 48 (2014)

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