Das Charlottenkreuz: Ein Orden für Verdienste um die Pflege Verwundeter und Erkrankter

Charlottenkreuz von Dr. Eduard Ostermayer. Quelle: Landesarchiv BW HStAS P 45 Bü 523
Charlottenkreuz von Dr. Eduard Ostermayer. Quelle: Landesarchiv BW, HStAS P 45 Bü 523

Sehr oft verwahren Nachlässe Dokumente über Ehrungen, die der Nachlasser erhalten hat. Im Familienarchiv Aldinger-Ostermayer (Bestand P 45 im Hauptstaatsarchiv Stuttgart) findet sich ein Orden: ein silbernes Kleeblattkreuz mit Medaillon, das auf der Vorderseite die Buchstaben C und W und auf der Rückseite die Zahl 1916 zeigt. Befestigt ist er an einem gelben Band mit zwei unterschiedlich breiten schwarzen Seitenstreifen. Es ist ein Charlottenkreuz, ein Orden, den König Wilhelm II. von Württemberg zu Ehren seiner Frau Charlotte stiftete. Die Buchstaben sind die Initialen beider, 1916 das Stiftungsjahr.

Bemerkenswert ist der Zweck dieses Ordens. Nicht Pflichterfüllung, Heldentum oder staatstragendes Engagement sollten mit ihm honoriert werden, sondern die Pflege der Verwundeten und Erkrankten […] im Feld oder in der Heimat, wie es in der Ausführungsverordnung vom 5. Januar 1916 heißt. Gefördert werden sollte das Engagement in Organisationen, die sich die Fürsorge für Personen, die – namentlich durch den Krieg – in Not geraten sind oder zu geraten Gefahr laufen zum Ziel setzten. Als Beispiele werden das Rote Kreuz, der Nationale Frauendienst, Lazarette und Spitäler, Krippen, Kinderasyle, Mädchenheime, Kinderküchen und Volksspeiseanstalten genannt. Auch die Einstellung von Arbeitslosen und die Arbeitsvermittlung konnten ausgezeichnet werden.

Das im Familienarchiv Aldinger-Ostermayer erhaltene Exemplar hatte der Arzt Dr. Eduard Ostermayer (1867–1954) erhalten. Eine offizielle Begründung für seine Ehrung fehlt, andere Dokumente lassen aber die Gründe erahnen. Ostermayer leitete während des Ersten Weltkrieges über vier Jahre hinweg als Oberstabsarzt ein Feldlazarett an der Westfront. 1916 schrieb ihm sein Regimentskommandeur Freiherr von Varnbühler: … ich weiß, mit welch unentwegter, selbstloser Hingabe Sie immer Ihren Dienst als Regiments- und Landwehrarzt versehen haben. Ich weiß ja auch aus eigener Anschauung, wie Sie in Rancourt in der allerschwierigsten Lage unentwegt und ohne Rücksicht auf persönliche Gefahr im schwersten Artilleriefeuer für die Verwundeten des Regiments gesorgt haben. Bei seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst im Dezember 1918 dankte das Kriegsministerium ihm ausdrücklich für die ausgezeichneten Dienste, die Sie dem Vaterland in der Verwundetenfürsorge geleistet haben. Ostermayer muss das Charlottenkreuz zwischen 1916 und 1918 erhalten haben. Danach wurde der Orden nicht mehr verliehen.

Nach dem Krieg wandte Ostermayer sich wieder seiner Stuttgarter Arztpraxis zu. Als Armenarzt half er (bis 1924) vielen armen Kranken ohne Entgelt. Den Arztberuf übte er noch in hohem Alter aus. Ein Zeitungsartikel zu seinem 85. Geburtstag titelte Mit 85 Jahren praktizierender Arzt.

Das im Familienarchiv verwahrte Charlottenkreuz dokumentiert als Sachquelle anschaulich das herausragende, im weitesten Sinne heldenhafte Engagement des Stuttgarter Arztes Dr. Eduard Ostermayer.

 Peter Schiffer

Quelle: Archivnachrichten  50 (2015), S.11.
 

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