Die St. Michaelskirche in Schwäbisch Hall

Die evangelische Pfarrkirche St. Michael in Schwäbisch Hall. Copyright: LABW

Die evangelische Pfarrkirche St. Michael in Schwäbisch Hall. Copyright: LABW

Um die Mitte des 12. Jh. wurde in Hall – im Zuge der staufischen Stadterweiterung nach Osten – die dem Erzengel Michael geweihte romanische Basilika auf Grund und Boden des Benediktinerklosters Comburg erbaut, wahrscheinlich in Verbindung mit einer kleinen Propstei (monasterium). Am 10. Februar 1156 vollzog der zuständige Diözesanbischof Gebhard von Würzburg die Weihe der Kirche. Sie wurde neben den beiden wohl älteren Kirchen, der zum Kl. Murrhardt gehörigen Katharinenkirche, einer Filiale von Westheim, und der heute nicht mehr bestehenden St. Jakobikirche am Markt, zur Haupt- und Pfarrkirche der aufstrebenden Salzsiederstadt.

Die flachgedeckte Basilika besaß einen innen halbrunden Rechteck-Chor, einen Südostturm und einen größeren, durch eine Art Westwerk vom Schiff getrennten Westturm, der heute noch erhalten ist. Er ist seit 1573 erhöht durch einen zweistöckigen Achteckaufsatz (mit der ehemaligen Türmerwohnung; Turmumgang aus dem 18. Jh.). Im romanischen Teil des Turms steht im dritten und vierten Stockwerk über der Magdalenenkapelle der Glockenstuhl mit fünf historischen Glocken (1299–1538; die Schlagglocke in der Laterne von 1509).

In den Jahren 1427–56 wurde das romanische Schiff durch ein fast quadratisches gotisches ersetzt (Baumeister: Konrad von Nürnberg, Nikolaus Eseler d. Ä. von Alzey und ein Meister Heinrich der Parlierer). Nach einer nicht sicher zu erklärenden und offensichtlich die Planungen störenden Baupause wurde seit 1495 die doppelstöckige Sakristei und der hohe, mit einem prächtigen Kreuzrippengewölbe und einem Umgang mit neun Chorkapellen versehene Chorbau angefügt (Bauleiter: Hans Scheyb von Urach und Konrad Schaller). Diese nach dem Vorbild des Gmünder Heilig-Kreuz-Münsters erbaute fränkische Hallenkirche mit ihren schlanken Rundsäulen stand kurz vor der Fertigstellung, als die Reformation in Hall eingeführt wurde.

Die Kirche, bis 1508 Filial der comburgischen Pfarrei Steinbach, war mit dieser im Jahr 1287 durch den Bischof von Würzburg dem Kloster Comburg inkorporiert worden. Seit 1508 hatte die Stadt Hall das Patronat und verfügte zudem über eine von ihr errichtete und mit einem akademisch gebildeten Theologen zu besetzende Predigerstelle (1502/03), was die Einführung der Reformation bedeutend erleichterte. Die Mehrzahl der 18 (so 1520) spätmittelalterlichen Altarpfründen von St. Michael wurde weiterhin und bis in die evangelische Zeit vom Kloster (seit 1488 Chorherrenstift) Comburg vergeben.

Der 1522 von Stättmeister und Rat berufene Prediger Johannes Brenz und sein Pfarrerkollege Johann Isenmann (seit 1524) reformierten den Gottesdienst in der Kirche zugunsten der bis zum Ende der Reichsstadtzeit in Hall gefeierten lutherischen Deutschen Messe. Am Christfest 1526 wurde erstmalig das Abendmahl unter beiderlei Gestalt, also mit Brot und Wein, nach einer von Brenz entworfenen Liturgie gefeiert. Katholische Gottesdienste konnten noch bis in die 30er Jahre des 16. Jh. in der Johanniter- und der Schuppachkirche stattfinden. Die reichen spätmittelalterlichen Kirchenausstattungen, überwiegend fromme Stiftungen der Haller Bürgerschaft, wurden von Brenz aus theologischen und kirchenrechtlichen Gründen nicht, wie es anderwärts geschah, aus den Kirchen entfernt. So ist in St. Michael ein Gutteil der vorreformatorischen Altäre und Bilder bis heute erhalten geblieben. Dazu gehören im Chor der aus Brabant (Niederlande) importierte Hochaltar mit Darstellung der Passion und Auferstehung Jesu (um 1460), das überlebensgroße Kruzifix des Ulmer Meisters Michel Erhart (datiert 1494), die filigrane Steinmetzarbeit des 15 m hohen Sakramentshauses aus der Bauzeit des Chors, der Annen- oder Sippenaltar (1509), der an Riemenschneider erinnernde Apostel- oder Zwölfbotenaltar (um 1520), der Wolfgangsaltar (Ende 15. Jh.) und der Dreikönigsaltar von 1520/21, der ebenso wie ein noch erhaltener wertvoller Messkelch (1516) von dem Würzburger Kleriker Kilian Kempffennagel gestiftet wurde. Kunstgeschichtlich bedeutsam sind ferner der goldstrahlende Michaelsaltar des Hans Beuscher in der Sak¬ristei (um 1520) und im Langhaus die eindrucksvolle Darstellung des Hl. Grabes (1455/56, Flügel um 1510). Von den insgesamt 14 Michaelsdarstellungen in und an der Kirche sind die bedeutendsten die frühgotische Drachentöter-Figur in der Turmvorhalle (Ende 13. Jh.) und der Michael als ›Seelenwäger‹ von Beuscher (1515/20) an einem Außenpfeiler der Chor-Südostseite.

Aus evangelischer Zeit stammen das Chorgestühl (Ratsgestühl) von 1534 und die Mehrzahl der vielen Personendenkmale: Porträts, Grabmäler und Epitaphe aus allen Epochen der Stadtgeschichte, darunter der Grabstein und die bewegende fußgeschriebene Gedenkschrift des armlosen Kunstschreibers Thomas Schweicker (1540–1602), Epitaphe aus den Werkstätten der Hohenloher Bildhauerfamilien Schlör (16. Jh.), Kern (17. Jh.) und Sommer (18. Jh.) und mehrere Monumente für die Goldschmiede- und Theologenfamilie Bonhoeffer.

Mit den Bronze-Kunstwerken Lesepult, Altarkreuz und Leuchter für Altar und Osterkerze, alle von dem aus Hall stammenden Ulrich Henn (* 1925), ist auch die Kunst der neuesten Zeit in St. Michael vertreten. Ebenso ist die qualitätvolle Orgel mit ihren 64 Registern und 4769 Pfeifen ein Werk der Neuzeit: Eberhard Friedrich Walcker (1837), R. Tzschöckel (1980) und Michael Kreisz (2003) sind ihre Baumeister. Wichtige Renovierungen haben ihre Spuren an St. Michael hinterlassen, so vor allem die Innenrenovierung von 1900/01 durch Heinrich Dolmetsch, der neue Turmaufsatz 1971/72, die umfassende Außenrenovierung 1988–2002 und die Restaurierung der rund 140 Kunstwerke in den Jahren 1994–2000.

Die beherrschend den Marktplatz überragende Kirche, deren geplanter gotischer Westturm ungebaut blieb (vgl. die Kragsteine), wird durch die berühmte große Freitreppe mit ihren 53 Stufen geprägt. Sie ersetzt seit 1507/11 eine hohe Bastion des Kirchhofs, auf deren Fläche vor der Turmvorhalle die Gerichtslinde stand. Seit 1925 bildet diese Treppe die Bühne für die allsommerlichen Freilichtspiele.

Christoph Weismann

Veröffentlicht in: Der Landkreis Schwäbisch Hall. Hg. v. der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Landkreis Schwäbisch Hall (Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg). Ostfildern 2005, Bd. 2, S. 353f.