Die Stadtkirche St. Dionys in Esslingen

Die Altstadt von Esslingen mit der Stadtkirche St. Dionys. Copyright: LABW
Die Altstadt von Esslingen mit der Stadtkirche St. Dionys. Copyright: LABW
Schon um 700 entstand an der Stelle der heutigen Stadtkirche eine 18 m lange Saalkirche (Vitalis I), die der alemannische Adelige Hafti an Abt Fulrad von St. Denis übergab. Dieser gründete bei der Kirche um 750 ein kleines Kloster (cella) und stattete es mit Reliquien des Hl. Vitalis aus, die im Chor beigesetzt wurden. Eine der 17 im Schiff gefundenen Grabplatten trug die Inschrift IN NOMINE DOMINI NORDMAN (im Namen des Herrn Nordman) – die älteste nachrömische Inschrift auf Stein rechts des Rheins. Eine Wallfahrt und ein Markt im Bereich der cella ließen eine neue, 40 m lange Saalkirche (Vitalis II) mit Ostkrypta entstehen. Die Reste dieser Kirchen wurden 1960–63 ergraben und zugänglich gemacht.

1213 übergab König Friedrich II. die Esslinger Pfarrkirche samt ihren Einkünften dem Domkapitel Speyer, um dort das liturgische Totengedenken für seine Vorfahren zu sichern. Ungefähr zeitgleich mit dieser Inkorporation begann der völlige Neubau der heutigen Kirche, der um 1320 einen vorläufigen Abschluss fand. Die wichtigsten Bauabschnitte waren die Errichtung der beiden Chorseitentürme bis 1240/50 und deren Erhöhung zwischen 1297 und 1320, der Bau des basilikalen Langhauses 1250–63 und des spätgotischen Polygonchors 1297. Der Baugrund erzwang immer wieder Sicherungsmaßnahmen an den Türmen, wie 1360/70 die weitgehende Schließung der Untergeschosse sowie Vormauerungen und Strebepfeiler am Nordturm ab 1437 und am Südturm 1723. Seit 1643/50 verbanden zwei Holzbrücken mit eingezogenen Ketten die Türme miteinander, von denen eine 1859 beseitigt wurde. Im Inneren gestaltete die Renovierung von 1898 bis 1904 die einst bunten Wände und Pfeiler steinsichtig und gab den Flachdecken ihr heutiges Aussehen.

1532 wurde die Kirche evangelisch. Von der mittelalterlichen Ausstattung ließ der Bildersturm nur wenig übrig. Zum ältesten plastischen Schmuck gehören die Kapitelle der Langhauspfeiler. Die um 1300 zusammen mit dem Chor entstandene Buntverglasung der fünf vierbahnigen Fenster umfasst heute 280 Scheiben und bildet einen der besterhaltenen und umfangreichsten Zyklen mittelalterlicher Glasmalerei in Süddeutschland. Den spätgotischen Hallenlettner und das kunstvolle Sakramentshaus schufen 1486/89 der Heidelberger Bildhauer Lorenz Lechler, das eichene Chorgestühl von 1518 die Esslinger Schreiner Anton Buol und Hans Wech.

Der Hochaltar von 1604, der von den Malern David Mieser und Peter Riedlinger nach zeitgenössischen Stichvorlagen gestaltet wurde, gehört zu den wenigen evangelischen Altären Süddeutschlands, die aus der Zeit vor dem 30-jährigen Krieg erhalten sind. Die Kanzel von 1609, ursprünglich am dritten Langhauspfeiler stehend, und die ehemalige Nordempore waren einander gegenüber angeordnet, sodass das Schiff von St. Dionys vom 17. bis zum 20. Jh. einer evangelischen Predigtkirche glich. Der prächtige Orgelprospekt im Rokokostil (1754) stammt von Carl Sigismund Haußdörfer. Seit 1904 besitzt die Kirche eine spätromantische Walcker-Konzertorgel mit Fernwerk und 6550 Pfeifen – nach Ulm die zweitgrößte in Württemberg. Weitere Kunstwerke entstanden im 20. Jh.: 1965 das Taufbecken, 1968 die Bronzetüre des Hauptportals von Ulrich Henn (*1925) sowie das Lesepult von Ulrich Nuss (*1943).

St. Dionys, die älteste der reichsstädtischen Pfarrkirchen im Südwesten, bildet bis heute den geistlichen Mittelpunkt Esslingens.

Rainer Jooß (†)

Veröffentlicht in: Der Landkreis Esslingen. Hg. v. der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Landkreis Esslingen (Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg). Ostfildern 2009, Bd. 1, S. 188. 
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