Die Zisterzienser – Die Erfindung des Ordens
von Jürgen Dendorfer
Ebenfalls aus diesem monastischen Aufbruch der Zeit um 1100 ging eine weitere Reformbewegung hervor, die sich zum Ziel setzte, strikt und sozusagen buchstäblich nach der Benediktsregel zu leben: die Zisterzienser.[1] Sie erprobten eine einzelne Klöster übergreifende Organisationsform, die zukunftsweisend und beispielgebend werden sollte: den Orden.
Die Anfänge der Zisterzienser gehen auf das Jahr 1098 zurück, als Robert von Molesme sein Kloster verließ, nach Cîteaux, südlich von Dijon, zog und mit seinen Gefährten ein neues Kloster errichtete.[2] Hauptforderungen waren, in Abgrenzung von Cluny und seinen Prioraten, die strenge Befolgung der Benediktsregel ohne Anpassungen und ergänzende Kommentare, sowie eine rigide Forderung nach Armut. Ihnen entsprachen die Schlichtheit des Kirchenbaus (ohne Türme und figuralen Schmuck), der Liturgie und des persönlichen Lebensstils der Mönche bis hin zum grauweißen Habit. Ziel der Verfassung des Zisterzienserordens, wie sie sich ausgehend von der carta caritatis (1115) ausbildete, war es, die rasch zunehmende Zahl von Klöstern in einer stabilen, institutionell gefestigten Form miteinander zu verbinden. Das gelang durch einen Kompromiss zwischen der Autonomie der Einzelklöster und einer kollegialen Beschlussfassung der Äbte für den gesamten Orden. Die jährliche Versammlung der Äbte aller Klöster in Cîteaux traf Entscheidungen sowohl für den ganzen Orden als auch für einzelne Klöster. Grundsätzlich waren alle Äbte gleichberechtigt, im Unterschied zur Cluniacensis ecclesia gab es kein Hauptkloster, dem die anderen unterstanden. Verbunden waren die Klöster aber in einem System, das die Beziehungen aus der Gründungszeit speicherte. Jedes Kloster, dessen erster Abt und Konvent aus bereits bestehenden Klöstern hervorgingen, stand in einer Filiation zu einer der vier Primarabteien: la Ferté, Pontigny, Clairvaux und Morimond, letztere sollte für den deutschsprachigen Raum der Ausgangspunkt für 28 Tochterklöster werden. Über jährliche Visitationen innerhalb der Filiationen wurde eine ständige Kontrolle, eine Art inhärente Reform, sowie eine dauerhafte Verbindung der Klöster untereinander gesichert. Eine Einheit, die sich auch in der Standardisierung der Bauformen, der Liturgie und der für sie notwendigen Bücher oder des Lebens im Kloster, etwa im Tagesablauf, niederschlug.
Für die Außenwirkung war wichtig, dass die »Freiheit« dieser Klöster gegenüber der Welt radikal war. Der Einfluss adeliger oder bischöflicher Gründer wurde konsequent beschnitten, es sollte nur noch ein restringiertes Stiftergedenken geben und keine adelige Vogtei. Auch in rechtlicher Hinsicht wurden die Klöster von der Diözesangewalt ausgenommen und unterstanden nur dem Orden. Wirtschaftlich verzichteten die Zisterzienser auf die Vergabe von Land an Andere und den Bezug von Abgaben und Zehnten, sondern setzten auf die Eigenwirtschaft durch Laienbrüder. Eine Folge des Armutsgebotes, die paradoxerweise dazu führte, dass effizient organisierte, große Wirtschaftseinheiten entstanden. Die von Konversen betriebene Eigenwirtschaft in eigenen Klosterhöfen, den sogenannten Grangien, schuf landschaftsprägende Herrschafts- und Wirtschaftskomplexe. Die Produkte zisterziensischer Eigenwirtschaft wurden in einem Netz von Stadthöfen vertrieben.
Innerhalb weniger Jahrzehnte breiteten sich die Zisterzienserklöster ausgehend von den burgundischen Primarabteien explosionsartig aus. Beim Tode Abt Bernhards von Clairvaux († 1153) bestanden bereits 340 Männerklöster, ein Jahrhundert später war es die doppelte Anzahl. Zisterziensische Frauengemeinschaften dagegen gab es in unserem Raum in der Regel erst im 13. Jahrhundert. Im Südwesten des Reiches standen die Zisterzen in der Filiation der Primarabtei Morimond, die über Bellevaux (in der Franche-Comté) – vor allem – von dem 1123/24 gegründeten Lützel/Lucelle aus besiedelt wurden.[3] Das Großkloster Lützel war die Mutterabtei fast aller oberrheinischen Zisterzen.[4] Von seiner Tochter, dem elsässischen Neuburg (1131) aus erhielten Maulbronn (1139) und Herrenalb (1147) ihre Gründungskonvente. Direkt von Lützel aus wurde die sicher bedeutendste Zisterze im Untersuchungsraum Salem (1134) besiedelt sowie Pairis (1139) und – über Frienisberg – Tennenbach (1158). Über sein Mutterkloster Maulbronn stand auch das im Taubertal gelegene Bronnbach (1153) in der Filiation von Lützel. Schönau (1145) im Odenwald hingegen lässt sich – über Eberbach im Rheingau – auf die Primarabtei Clairvaux zurückverfolgen. Vor Ort erfolgte die Gründung jeweils durch bischöfliche oder adelige Initiatoren, die mit dem Orden Kontakt aufnahmen, der dann den Ort der Klostergründung prüfte und gegebenenfalls den Gründungskonvent entsandte. Bei Schönau ging der Anstoß auf Bischof Burchard II. von Worms (1115/16–1149) zurück, der mit dieser Gründung im Steinachtal wohl Expansionsbestrebungen der Abtei Lorsch entgegenwirken wollte. Auch bei Bronnbach ist, trotz seiner edelfreien Gründergruppe, zu erkennen, dass es der Erzbischof von Mainz war, der in exponierter Lage, am Rande seines Einflussgebiets ein Kloster errichten wollte. Am Anfang von Tennenbach und Salem standen adelige Gründer, die im Fall von Tennenbach nicht eindeutig zu bestimmen sind, Salem aber sei auf eine Stiftung des Adeligen Guntram von Adelsreute zurückgegangen. In beiden Fällen, in Salem wie Tennenbach, überstieg der mittels eigener Arbeit geschaffene Besitz rasch alle anfänglichen Stiftungen, so dass die Tennenbacher Mönche später sogar behaupten konnten: fundatores non habemus – »wir haben keine Stifter«.[5]
Dieser faszinierende zisterziensische Aufbruch ist im Wesentlichen ein Phänomen des 12. Jahrhunderts, am Beginn des 13. Jahrhunderts sollte das zisterziensische Modell der Ordensorganisation auch für weitere Gründungen als vorbildlich gelten, so hielt das Vierte Laterankonzil 1215 fest.
Anmerkungen
[1] Elm/Joerißen/Roth 1980; Eberl 2002; Felten/Rösener 2009; Oberste 2014; Mölich/Nußbaum/ Knesenbeck 2017; Werz 2020.
[2] Elm/Joerißen/Roth 1980; Eberl 2002; Felten/Rösener 2009; Oberste 2014; Mölich/Nußbaum/ Knesenbeck 2017; Werz 2020.
[3] Melville 2012, S. 123–141.
[4] Dendorfer/Krieb 2023.
[5] Krieg 2014.
Die vollständigen Literaturangaben sowie die Auflösung der Abkürzungen finden Sie hier.
Zitierhinweis: Jürgen Dendorfer, Die Zisterzienser – Die Erfindung des Ordens, URL: […], Stand: 10.06.2025.

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