Regularkanoniker – Augustinerchorherren und Prämonstratenser

von Jürgen Dendorfer

Stiftskirche Unserer Lieben Frau, Lahr, Blick nach Nordwesten, Aufnahme 2024. [Foto: Ellen Schumacher]
Stiftskirche Unserer Lieben Frau, Lahr, Blick nach Nordwesten, Aufnahme 2024. [Foto: Ellen Schumacher]

Auf der Zeitschiene der Hirsauer und Sanblasianer Reform (von ca. 1070 bis 1150) verdient zuvor aber noch eine weitere Bewegung Erwähnung, die ebenfalls Teil der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts war. Das übliche Leben in den Kanonikerstiften nach der Aachener Regel von 816 genügte den Erwartungen der Zeit nicht mehr. Über die Aachener Vorgaben hinweg wurde nun ein reguliertes Gemeinschaftsleben der Kanoniker gefordert, die persönliche Armut und Gehorsam zu geloben hatten und deren Tagesablauf wie bei Mönchen geregelt war.[1] Die Kanoniker sollten in ihren Gemeinschaften nach einer Regel, also »reguliert« leben, als Regularkanoniker (canonici regulares) wie diese in Abgrenzung von den bisherigen Kanonikern, nun als Säkularkanoniker (canonici saeculares) bezeichnet, genannt wurden. Gegen Ende des 11. Jahrhunderts wird durch Papst Urban II. (1088–1099) in einem wichtigen Privileg für Rottenbuch von 1092 die Lebensform dieser Kanoniker, die vita canonica, auch konzeptionell der vita monastica, gegenübergestellt.[2] Das Leben in den Stiften sollte sich dabei an dem Hl. Augustinus zugeschriebenen Regeln ausrichten, unterschieden wurden eine kürzere Regel, das praeceptum, und eine längere (und strengere), der ordo monasterii. Die früheren Gemeinschaften, die sich am praeceptum orientierten, wurden als nach dem ordo antiquus lebende Gemeinschaften bezeichnet. Frühe Zentren der Regularkanoniker oder Augustinerchorherren lagen außerhalb des Untersuchungsraumes, im elsässischen Stift Marbach, im bayerischen Rottenbuch und in der Erzdiözese Salzburg, in einem von Erzbischof Konrad I. (1106–1147) vom Domstift ausgehend organisierten Reformkreis.[3]

Den ordo novus bildeten vor allem die Prämonstratenser, ein weit ausgreifender Orden europäischen Rangs, der in diesem Klosterbuch jedoch nur marginal vertreten ist. Im Kernraum allein mit dem von der Witwe Herzog Welfs VI. († 1191), Uta von Schauenburg, 1192/1196 in der Ortenau gegründeten Stift Allerheiligen. Im Taubertal lag das Stift der Prämonstratenserinnen Gerlachsheim, das dem Männerstift Oberzell vor den Toren Würzburgs zugeordnet war. Ganz im Süden entstand, allerdings erst später um 1303/4, mit Wyhlen ebenfalls eine Frauengemeinschaft. Ansonsten aber gab es am Oberrhein weder links- noch rechtsrheinisch in größerem Umfang Prämonstratenserstifte, das ist ein Gegensatz zur durchaus ansehnlichen Zahl weiter im Osten, in Oberschwaben und in Bayern oder nördlich im Rheinland.

Klassische Augustinerchorherrenstifte, die dem ordo antiquus folgten, sind dagegen verbreiteter. Im Donautal entstand das erste mit Beuron, ursprünglich eine Klerikergemeinschaft an einer Pfarrkirche, die 1097 von Papst Urban II. ein Privileg erhielt, das einer Papsturkunde für Marbach, dem Reformstift der Augustinerchorherren im Elsass (südlich von Colmar) folgte.[4] Das Stift wurde dem Hl. Stuhl übertragen und unter päpstlichen Schutz gestellt. Die Kanoniker sollten kein Eigentum haben, ortsgebunden sein und nach einer Regel leben. Sie durften ihren Propst frei wählen, der vom Bischof von Konstanz investiert und mit der Seelsorge beauftragt werden sollte. Beuron ist damit in der großen Diözese Konstanz das erste nach dem ordo antiquus lebende Augustinerchorherrenstift in der Tradition von Rottenbuch (1073) und Marbach (1089).

Näher an Marbach lag am Schwarzwaldrand, an der Wagensteigstraße, das Stift St. Märgen, dessen Anfänge auf 1115/1118 gesetzt werden. Im Gründungsgeschehen zeigen sich hochrangige, überregionale Beziehungen. Der Gründer Bruno, Sohn einer regionalen Adelsfamilie, war Dompropst in Straßburg und Kanzler des letzten Salierkaisers Heinrichs V. (1106–1125). Als das Vorhaben in den Anfangsjahren zu scheitern drohte, intervenierte Bischof Ulrich I. von Konstanz (1111–1127), selbst wohl Kanoniker aus Marbach und bedeutender Förderer der Regularkanoniker in seinem Bistum.

Weitere Augustinerchorherrenstifte im Klosterbuch gehören einer anderen Zeitstellung an. Viel diskutiert und hoch umstritten sind etwa die Anfänge des Stiftes Öhningen; sicher dürfte sein, dass dort in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts Kanoniker nach der Augustinusregel lebten. Auch in Detzeln bei Waldshut sind 1152 Augustinerchorherren belegt, die – möglicherweise – später nach Riedern am Wald übersiedelten. Dort gab es seit dem 13. Jahrhundert einen Doppelkonvent von Augustinerchorfrauen und Augustinerchorherren. Erst im Jahr 1300 entstand in der Stadt Freiburg das Stift Allerheiligen. Eine Besonderheit bildete das 1259 von Walter von Geroldseck eingerichtete Stift der Augustinerchorherren in Lahr, das vom lothringischen Obersteigen (bei Saverne) besiedelt wurde, und somit zum kleinen Verband der sogenannte »Steigerherren« gehörte. Dagegen noch im 12. Jahrhundert entstand 1139 Lobenfeld (bei Heidelberg), das durch das Wormser Stift Frankenthal besetzt wurde.

Anmerkungen

[1] Melville 2012, S. 114 f.
[2] Fuhrmann 1984; Laudage 1992.
[3] Weinfurter 1975.
[4] Brackmann 1923, Nr. 1 S. 224.

Die vollständigen Literaturangaben sowie die Auflösung der Abkürzungen finden Sie hier.

Zitierhinweis: Jürgen Dendorfer, Regularkanoniker – Augustinerchorherren und Prämonstratenser, URL: […], Stand: 10.06.2025.

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