Elemente barocker Konfessionskultur

von Wolfgang Zimmermann

Das Christuskind reicht dem Hl. Augustinus den Gürtel der Gottesmutter Maria, Deckenfresko in der Augustinerkirche in Konstanz (Detail), Franz Joseph Spiegler, 1740. [Quelle: Erzbischöfliches Ordinariat Freiburg, Foto: Michael Eckmann]
Das Christuskind reicht dem Hl. Augustinus den Gürtel der Gottesmutter Maria, Deckenfresko in der Augustinerkirche in Konstanz (Detail), Franz Joseph Spiegler, 1740. [Quelle: Erzbischöfliches Ordinariat Freiburg, Foto: Michael Eckmann]

Durch die Zerstörungen des Dreißigjährigen Kriegs in verschiedener Intensität unterbrochen, entwickelte sich bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts in Südwestdeutschland eine spezifische katholische Konfessionskultur, die maßgebliche Impulse aus den Klöstern erhielt. Internationale, römische Einflüsse des konfessionellen Zeitalters vermischten sich mit regionalen Traditionen und lokaler Frömmigkeitspraxis. Die Orden nahmen in diesem Prozess die Rolle eines »Vermittlers« wahr.[1] Einbindung der Laien in Bruderschaften, Intensivierung der Heiligenverehrung und der eucharistischen Frömmigkeit sowie der Ausbau des Wallfahrtswesens bildeten dabei wichtige Elemente. Predigt und Katechese waren in Verbindung mit religiöser Dichtung (Gesang, Frömmigkeitsliteratur) und konfessioneller Bilddidaktik Medien der Vermittlung.

Das spätmittelalterliche Bruderschaftswesen durchlief im späten 16. Jahrhundert einen grundlegenden Wandel. Die örtlichen, oft berufsständisch gegliederten Gemeinschaften des Spätmittelalters wurden durch neue »tridentinische« Bruderschaften zurückgedrängt, deren Zentrum zumeist eine vom Papst privilegierte römische Erzbruderschaft bildete, die lokale Gründungen zu genehmigen hatte und diese auch an ihren Ablässen teilhaben ließ. Die Bruderschaften standen Männern und Frauen offen. Die Erzbruderschaften waren zumeist Bettelorden angeschlossen, die sich um deren Verbreitung kümmerten.[2]

Bruderschaftszettel der Rosenkranzbruderschaft, im Zentrum eine Sterbeszene, 18. Jahrhundert. [Vorlage: Landesarchiv BW, GLAK 79 P 18 Nr. 513 c]
Bruderschaftszettel der Rosenkranzbruderschaft, im Zentrum eine Sterbeszene, 18. Jahrhundert. [Vorlage: Landesarchiv BW, GLAK 79 P 18 Nr. 513 c]

Die Rosenkranzbruderschaften standen seit dem Spätmittelalter in enger Verbindung mit dem Dominikanerorden.[3] Die legendenhafte Spende der Gebetsperlen durch die Gottesmutter an den Ordensgründer, den Hl. Dominikus, wurde zu einem wichtigen Bildtypus (»Rosenkranzspende«). Der Sieg der Flotte der Heiligen Liga über die Osmanen vor Lepanto am 7. Oktober 1571 schrieb man der Hilfe Mariens zu, zumal an diesem Tag, dem ersten Sonntag im Oktober, die römische Rosenkranzbruderschaft ihre Bittgänge hielt. Papst Pius V. (1566–1572) stiftete den Gedenktag »Unserer Lieben Frau vom Siege (de victoria)«, der wenig später auf den Zusatz »vom Rosenkranz« umgewidmet wurde. Die Dominikanerkonvente in Konstanz und Freiburg propagierten erfolgreich die Verbreitung der Rosenkranzbruderschaften. Seit 1588 sind von Konstanz aus Gründungen bis in die Innerschweiz belegt.[4] Der Freiburger Konvent betreute mehr als 30 Bruderschaften in Pfarreien des Umlands. Auch Klöster anderer Orden übernahmen die Bruderschaft und ließen eigene Rosenkranzaltäre errichten (beispielsweise Benediktinerabtei Ettenheimmünster 1627, Augustinerchorherrenstift Öhningen1628, Kollegiatstift Radolfzell 1632/40, Paulinereremiten Bonndorf 1690, Benediktinerinnenabtei Frauenalb 1762). Das Bildmotiv der Rosenkranzspende fand weite Verbreitung, zumeist in der Kombination des Hl. Dominikus mit der Hl. Katharina von Siena: Allein der Konstanzer Maler Jakob Karl Stauder schuf zwischen 1716 und 1738 Gemälde für fünf Rosenkranzaltäre in Pfarr- und Klosterkirchen, darunter drei in Dominikanerinnenkonventen.[5] Die Predigerbrüder verbreiteten Bruderschaftszettel und kleine Andachtsschriften, deren Hauptziel darin bestand, durch die Vermittlung der Mönche und auf Fürsprache der Gottesmutter nach einer »guten Sterbestunde« in den Himmel aufgenommen zu werden (Abb. 5).[6] Die Bruderschaft hieß deshalb zuweilen auch Sterbstunde-Bruderschaft, wie zum Beispiel 1644 in der Wallfahrtskirche von Lautenbach, an der die Prämonstratenser von Allerheiligen die Rosenkranzverehrung förderten.

Die »Bruderschaft Mariens vom Trost, genannt vom Gürtel« war seit dem Spätmittelalter mit den Augustinereremiten verbunden. Sie wurde 1575 durch Papst Gregor XIII. bestätigt und 1576 zur Erzbruderschaft erhoben.[7] Der Legende nach habe die Hl. Monika, die Mutter des Hl. Augustinus, als Zeichen der Verbindung mit der Gottesmutter von dieser den schwarzen Ledergürtel, den Maria getragen habe, erhalten. Prior Blasius Burgknecht gründete 1617 am Konstanzer Konvent eine Gürtelbruderschaft. 1740 wurde durch Franz Joseph Spiegler das Deckenfresko ikonografisch ganz auf die Bruderschaft abgestimmt (Abb. 6). Die Gürtelbruderschaft erreichte keine so große Ausbreitung wie die Rosenkranzbruderschaften, auch wenn die Augustinereremiten bei der Gründung des neuen Konvents in Wiesloch 1758/59 auch eine Gürtelbruderschaft einrichteten[8] und in einzelnen ländlichen Pfarrgemeinden solche Vereinigungen belegt sind.[9]

Die von den Karmeliten betreuten Skapulierbruderschaften (Bruderschaft Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel) leiteten sich – wie auch Rosenkranz- und Gürtelbruderschaften – von der legendenhaften Spende eines Andachtsgegenstands durch die Gottesmutter ab, in diesem Fall eines Skapuliers, an den Generalprior des Ordens, Simon Stock, im Jahr 1251. Auch wenn die Karmeliten im 17. Jahrhundert am Oberrhein nicht sehr präsent waren, so finden sich doch Skapulierbruderschaften etwa im Konstanzer Kollegiatstift St. Johann (seit um 1700), in den Benediktinerabteien Gengenbach[10] und Schuttern (1692),[11] im Margarethenstift Waldkirch (1698) [12] oder bei den Wilhelmiten in Freiburg bzw. Oberried, auch in einzelnen Gemeinden sind Gründungen aus dem späten 17. oder frühen 18. Jahrhundert belegt.[13]

Die einzelnen legendenhaften »Spenden« Mariens konnten auch in einem Altarbild kombiniert werden, so bei den Augustinerchorherren in Riedern; Jakob Karl Stauder verband 1742 die Rosenkranzspende an den Hl. Dominikus mit der Skapulierspende an den Hl. Simon Stock.[14]

Die Franziskaner waren bei ihren Bruderschaften – ganz in der Tradition des Ordens – auf den Ordensgründer bezogen. Die 1585 von Papst Gregor XIII. (1572–1585) bestätigte Erbruderschaft vom (Strick-) Gürtel des Hl. Franziskus etablierte sich schnell in St. Luzen bei Hechingen, in Konstanz und im Franziskanerkloster Hedingen, an der Wende zum 18. Jahrhundert auch in den neu errichteten Franziskanerklöstern in der Kurpfalz in Heidelberg, Mosbach und Sinsheim. Klöster anderer Orden griffen die franziskanischen Bruderschaften nicht auf.

Einen anderen Weg gingen die Jesuiten bei der Gründung von Kongregationen oder Sodalitäten. Sie blieben bei der ständischen Gliederung. Am Konstanzer Jesuitenkolleg gab es für Adel und Klerus (congregatio maior), für die Studenten (congregatio minor) sowie für die Bürger (congregatio civica) eigene Sodalitäten. Der städtische Raum war in Quartiere gegliedert, an Prozessionen nahm die Kongregation geschlossen teil. Wie alle anderen Bruderschaften auch, begleiteten die Sodalen ihre verstorbenen Mitglieder bei der Bestattung mit einer eigenen Fahne. Unregelmäßige Besuche der Gottesdienste oder andere Versäumnisse führten zu einem öffentlich vollzogenen Ausschluss aus der Kongregation.

Die Kapuziner besaßen – von einzelnen regionalen Ausnahmen wie Freiburg abgesehen – keine eigenen Bruderschaften, zudem verfügten sie in der Frühzeit über keine eigenen Ordensheiligen. An deren Stelle trat der 1231 verstorbene Franziskaner Antonius von Padua, ein Mitbruder des Hl. Franziskus, der bereits ein Jahr nach seinem Tod heiliggesprochen worden war.[15] Gegen den heftigen Protest der Observanten und Minoriten stellten die Kapuziner den Heiligen erstmals mit einem Bart dar und beanspruchten damit, in der Tradition der franziskanischen Frühzeit zu stehen. 1676 wurde diese Darstellungsform durch den Vatikan offiziell genehmigt. Wunder, die auf die Fürbitte des populären Helfers in vielen Nöten stattfanden, wurden in den Klosterchroniken der Kapuzinerklöster sorgfältig verzeichnet. Mit der Heiligsprechung des Kapuziners Felix von Cantalice (1515–1587) 1712 verbreitete sich seine Verehrung auch in der Vorderösterreichischen Kapuzinerprovinz. In Konstanz fanden Feierlichkeiten statt, an den Konventen in Baden-Baden (1712) und Engen (1725) wurden Kapellen zu dessen Ehren angebaut. In der Kapuzinerkirche in Meßkirch befand sich an einem Seitenaltar ein Gemälde von Johann Christoph Storer von 1662/65, auf dem der Hl. Antonius gemeinsam mit Felix von Cantalice, der bereits 1625 seliggesprochen worden war, dargestellt ist.[16]

Fidelis von Sigmaringen (1578–1621), der erste Märtyrer des Kapuzinerordens aus der Schweizerischen – bzw. Vorderösterreichischen Provinz, wurde (erst) 1729 selig- und 1746 heiliggesprochen.[17] Bereits zuvor was es den Kapuzinern jedoch gelungen, ihn als wirkmächtigen Fürsprecher zu etablieren, wie zahlreiche Wunder belegen. Nach dessen Kanonisation ließen die Kapuzinern in mehreren Konventen eigene Fideliskapellen errichten, so in Baden-Baden (um 1740), in Meßkirch (1743) oder in Oberkirch. Sie ergänzten dabei Lorettokapellen als Ziele von Wallfahrten, die von den Kapuzinern betreut wurden (Freiburg, Haslach, Meßkirch, Stühlingen).[18]

Die Ausrichtung lokaler Frömmigkeitsformen an römischen Vorbildern stellt die Franziskanerkirche von St. Luzen bei Hechingen dar. Dort sind im Kirchenraum die sieben römischen Hauptkirchen abgebildet; der Orden hatte das päpstliche Privileg, den Gläubigen den sonst der Pilgerfahrt nach Rom vorbehaltenen vollkommenen Ablass zu erteilen. Die Translation römischer Heiliger erreichte im 17. und 18. Jahrhundert einen großen »Boom«.[19] Ausgangspunkt dafür waren Grabungen in den römischen Katakomben. Die dort gefundenen Gebeine wurden als Reliquien frühchristlicher Märtyrer angesehen. Oft waren es Kapuziner, die den Kontakt nach Rom herstellten und für die Überführung der Gebeine über die Alpen sorgten. Es gibt kaum ein Kloster, das nicht in den Jahrzehnten zwischen 1620 und 1750 Reliquien von »Katakombenheiligen« erhielt, deren Echtheit durch Authentiken bestätigt wurde. Die Zisterzienserabtei Salem erwarb nach dem Klosterbrand von 1697 zwischen 1700 und 1732/33 die Reliquien von fünf Heiligen, jeweils durch einen Kapuziner vermittelt.[20] An den Festen der Katakombenheiligen wurde ein eigenes Offizium gebetet.[21]

Die Zisterzienserinnen von Friedenweiler erhielten 1741/42 die Gebeine von Justitia und Felix, die zunächst durch die Nonnen von Rottenmünster gefasst wurden, bevor sie dann 1749 nach Friedenweiler verbracht wurden. Kunstvolle Klosterarbeiten, in denen die Reliquien präsentiert wurden, waren für viele Frauenkonvente eine wichtige Erwerbsmöglichkeit.[22] Eine Besonderheit stellen die Gebeine des Hl. Alexander dar: der Freiburger Kapuziner Raphael Schächtelin brachte sie 1651 für das Münster aus Rom mit. Alexander stieg in den nächsten Jahren zum dritten Stadtpatron auf.[23]

Wallfahrtsbild des Augustinerchorherrenstifts St. Märgen mit Vedute der Gesamtanlage, kolorierter Kupferstich, um 1760. [Vorlage: Wikimedia Commons]
Wallfahrtsbild des Augustinerchorherrenstifts St. Märgen mit Vedute der Gesamtanlage, kolorierter Kupferstich, um 1760. [Vorlage: Wikimedia Commons]

Große Strahlkraft besaßen einzelne Wallfahrtsorte. In der Markgrafschaft Baden-Baden bauten die Jesuiten die Wallfahrten nach Maria Bickesheim und Maria Linden aus.[24] Idealtypisch verkörpert die Birnau eine Barockwallfahrt. Das Gnadenbild »zur lieblichen Mutter von Birnau« war seit dem Spätmittelalter Ziel einer Wallfahrt (Alt-Birnau), deren Anziehungskraft in der Frühneuzeit wuchs. Querelen mit der Reichsstadt Überlingen führten dazu, dass sich die Zisterzienserabtei Salem zu einem Neubau der Wallfahrtskirche auf einer Anhöhe über dem Bodensee entschloss (Neu-Birnau). Das Gnadenbild wurde 1746 nach Salem verbracht, wo es bis zum Abschluss der Bauarbeiten verblieb. Abt Anselm II. Schwab (1746–1778) ließ den spektakulären Neubau durch den Baumeister Peter Thumb errichten und durch Joseph Anton Feuchtmayer mit Stuck ausschmücken. 1750 erfolgte die Überführung des Gnadenbilds nach Birnau, die Kirchweihe schloss sich an. Publizistisch wurden Neubau und Kirchweihe verbreitet. Der Prozession von Salem an den Bodensee sollen fast 20.000 Menschen gefolgt sein. [25] Von der Birnau aus war bei gutem Wetter der kleine Wallfahrtsort auf dem Frauenberg über Bodman sichtbar, an dem ebenfalls ein spätmittelalterliches Gnadenbild, von Salemer Zisterziensermönchen betreut, verehrt wurde. Nicht nur am Bodensee wurde der Raum durch die großen Klöster geprägt, die die einzelnen sakralen Orte durch Prozessionen und Wallfahrten, durch Gottesdienste und landschaftsprägende Bauten zu einem kohärenten Gefüge einer barocken Kulturlandschaft machten.

Feierliche Rückführung der Heilig-Blut-Reliquie auf die Klosterinsel Reichenau am 26. Mai 1738, Öl auf Leinwand, 1738. [Vorlage: Reichenau, Münster Mittelzell, Foto: James Palik]
Feierliche Rückführung der Heilig-Blut-Reliquie auf die Klosterinsel Reichenau am 26. Mai 1738, Öl auf Leinwand, 1738. [Vorlage: Reichenau, Münster Mittelzell, Foto: James Palik]

Anmerkungen

[1] Forster 2001.
[2] Überblick: Schneider 1994; international: Donnelly/Maher 1999; für Vorderösterreich: Theil 2001.
[3] Mit Beispielen aus der katholischen Schweiz: Jäggi 2003.
[4] Jäggi 2003, mit einer Liste aller Gründungen.
[5] Onken 1972, Nr. B 9, B 45, B 101, B 124, B 129, B 131, B 195.
[6] Für den Konstanzer Dominikanerkonvent: Bader 1649; Zimmermann 1996.
[7] Herrmann 2007.
[8] GLA 190 Nr. 337.
[9] Z. B. GLA 229 Nr. 3003: Au am Rhein (bei Rastatt), Nr. 67784: Minseln (Stadt Rheinfelden).
[10] EAF UZ 442.
[11] GLA 104 Nr. 141.
[12] GLA 107 Nr. 315.
[13] GLA 229 Nr. 52558: Kippenheim in der Ortenau, Nr. 61863: Liptingen (Lkr. Tuttlingen).
[14] Onken 1972, Nr. B 137.
[15] Mit zahlreichen Belegen: Thiessen 2002, S. 386–406.
[16] Appuhn-Radtke 2000, Nr. G 32; das Gemälde befindet sich heute in der Pfarrkirche von Trillfingen bei Haigerloch.
[17] Umfassend: Ilg 2016; zudem: Thiessen 2002, S. 365–386.
[18] Zum Kontext: Zimmermann 2000, S. 169–171; Verzeichnis der Kapellen: Flögel 1984.
[19] Achermann 1979; Polonyi 1998.
[20] Polonyi 1998, S. 118 f.
[21] Ediert zu 1751 bei Polonyi 1998, S. 201–220.
[22] Augustinermuseum 1995.
[23] Thiessen 2002, S. 120–122.
[24] Schlenker 2020, S. 177–182, 199–204.
[25] Kremer 2000.

Die vollständigen Literaturangaben sowie die Auflösung der Abkürzungen finden Sie hier.

Zitierhinweis: Wolfgang Zimmermann, Elemente barocker Konfessionskultur, in: Badisches Klosterbuch, URL: […], Stand: 11.06.2025.

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