Schriftkultur und Klosterbibliotheken

von Armin Schlechter

Andachtsbuch und Epistolarium des Augustinerchorfrauenstifts Inzigkofen, Bayern 1440, mit Besitzvermerk der gemain Teütsch liberey in dz gotzhauß Vntzkoffen. [Quelle: LBZ-Pfälzische Landesbibliothek Speyer Hs. 13]
Andachtsbuch und Epistolarium des Augustinerchorfrauenstifts Inzigkofen, Bayern 1440, mit Besitzvermerk der gemain Teütsch liberey in dz gotzhauß Vntzkoffen. [Quelle: LBZ-Pfälzische Landesbibliothek Speyer Hs. 13]

Auf dem Gebiet der in der napoleonischen Zeit schrittweise aus ganz heterogenen Bestandteilen zusammengesetzten Länder Baden und Hohenzollern bestand eine Vielzahl von Klosterbibliotheken. Für ihre ab dem 8. Jahrhundert einsetzende Entwicklung ist die historische Zugehörigkeit zu den verschiedenen Vorgängerterritorien entscheidend gewesen. Ihr Übergang an Baden setzte dann den Endpunkt durch die Aufhebung fast aller Klöster, soweit dies nicht schon vorher geschehen war. Weitere wichtige Parameter waren der Übertritt einzelner Vorgängerterritorien zur Reformation sowie die häufigen Kriege vor allem des 17. Jahrhunderts, die in der Ortenau zum Verlust ganzer Klosterbibliotheken führen konnten. Hinzu kamen lokale Katastrophen wie Brände, unter denen viele Klöster mehrmals in ihrer Geschichte zu leiden hatten; auch dies brachte nicht selten den Untergang der gesamten Büchersammlung mit sich. Phasen des internen Niedergangs einzelner Klöster konnten die Bibliotheken ganz erheblich dezimieren, während Reformperioden wiederum zu einem Aufschwung führten. Große Klosterbibliotheken hatten mit mehreren zehntausend Bänden einen Umfang, der den Bestand der Hofbibliothek in Karlsruhe und auch der Universitätsbibliotheken in Freiburg und Heidelberg übertraf; am anderen Ende des Spektrums standen Bibliotheken von Frauenklöstern und Konventen der Bettelorden mit lediglich hundert Titeln oder weniger.[1]

Unter den Benediktinerklöstern kommt dem 724 gegründeten Reichenauer Konvent eine große Bedeutung zu, da nur im Inselkloster eine schwerpunktmäßig bis zum Ende des 9. Jahrhunderts entstandene, große karolingische Klosterbibliothek überliefert ist. Trotz eines Niedergangs im Hochmittelalter und der Inkorporierung in das Hochstift Konstanz 1540 bestand Mitte des 18. Jahrhunderts vor Ort noch eine Sammlung von etwa 450 Handschriften.[2] Dagegen gehen auf die erstmals im frühen 9. Jahrhundert bezeugten Benediktinerklöster Schuttern und Schwarzach heute lediglich jeweils etwa zwei Dutzend mittelalterliche und neuzeitliche Handschriften zurück. Die Bibliothek des ähnlich alten Klosters Ettenheimmüster lässt sich nach verschiedenen Katastrophen überhaupt erst wieder um 1500 fassen. Dies gilt auch für einige jüngere Klosterbibliotheken, bei denen ebenfalls die gesamten Gründungsbestände untergegangen sind oder entfremdet wurden.[3] Neben einem liturgischen Kernbestand finden sich in solchen Bibliotheken die Bibel mit Kommentaren, die Werke der Kirchenväter und späterer Theologen, Kirchenrecht und darüber hinaus Bücher aller Fachgebiete in unterschiedlichem Umfang. In Benediktinerbibliotheken wurden Handschriften mit repräsentativem Anspruch bewahrt, die beispielsweise auf der Reichenau in ottonischer Zeit als Auftragsarbeiten hergestellt wurden und nicht für die eigene Bibliothek gedacht waren.[4]

Unter den Zisterzienser- und Zisterzienserinnenklöstern des 12. und 13. Jahrhunderts verfügte die 1134 gegründete Abtei Salem über die mit Abstand größte Sammlung, die sich, vom Brand der Abtsbibliothek 1697 abgesehen, auch weitgehend ungeschmälert erhalten hat.[5] Inhaltlich orientierten sich die Zisterzienser an den Benediktinerbibliotheken. Während ein Teil dieses Reformordens auf eine repräsentative Ausstattung verzichtete, gaben Salemer Äbte ab der Mitte des 15. Jahrhunderts regelmäßig prächtig ausgestattete Liturgica in Auftrag.[6]

Bei den Zisterzienserinnen stehen Günterstal und Lichtenthal für die Bandbreite der Überlieferung. Auf der Grundlage eines Katalogs aus dem Jahr 1457 lässt sich der Buchbestand des um 1224 entstandenen Günterstal auf etwa 200 Handschriften beziffern; bei der Aufhebung 1806 fanden sich lediglich noch etwa 20 Codices im Kloster vor. Dagegen besaß das um 1245 gegründete Zisterzienserinnenkloster Lichtenthal im frühen 19. Jahrhundert eine mehrere hundert Bände umfassende Bibliothek, darunter etwa 200 Handschriften. Frauenklöster überliefern im Kern volkssprachige Bücher, neben Liturgica schwerpunktmäßig Gebets- und Andachtsliteratur, Stundenbücher und deutsche theologische Abhandlungen.[7] Wichtigste Frauengemeinschaft in Hohenzollern war das Augustinerchorfrauenstift Inzigkofen unweit von Sigmaringen, das auf eine 1354 gegründete Klause zurückgeht. Im stiftseigenen Skriptorium wurden ab dem 15. Jahrhundert mystische Literatur des 14. Jahrhunderts und im Anschluss Andachtswerke und Erbauungsliteratur produziert.[8]

Niederlassungen der Bettelorden finden sich in Städten. 1233 entstand das Freiburger Dominikanerkloster, und nach der Gründung der Universität 1457 lehrten dort Professoren aus dem Orden. Hauptaufgabe der Bettelorden waren Seelsorge und Predigt, weshalb sich entsprechende Gebrauchsbibliotheken ohne repräsentativen Anspruch entwickelten, die sich auch theologischen Strömungen der Moderne nicht verschlossen.[9] Das Offenburger Franziskanerkloster entstand 1280. 1660 wurde hier ein Gymnasium gegründet, das die städtische Lateinschule ergänzte. Nachdem Kloster und Stadt 1689 im Pfälzischen Erbfolgekrieg fast komplett zerstört worden waren, wurde diese Schule erst ab 1692 wieder betrieben; die Klosterbibliothek besaß entsprechend große Anteile von Literatur für den Unterricht.[10] Ein bemerkenswertes Beispiel für ein Dominikanerinnenkloster ist der Freiburger Konvent Adelhausen. Er wurde 1687 aus vier Vorgängerklöstern gebildet, deren mittelalterliche Handschriften in seiner Bibliothek aufgingen; 1806 wurde das Kloster nicht säkularisiert, sondern bestand aufgrund seiner schulischen Funktion als weibliches Lehr- und Erziehungsinstitut bis 1867 weiter. Die Büchersammlung hatte einen entsprechenden Zuschnitt.[11] Im Freiburger Klarissenkloster und in seinem Straßburger Pendant auf dem Wörth wirkte die um 1524 verstorbene und als Buchmalerin tätige Sibylla von Bondorf.[12]

Überwiegend erst im 17. Jahrhundert ließen sich Jesuiten im späteren Baden nieder. 1620 entstand die Freiburger Niederlassung, und dem Orden wurden die philosophische und der größere Teil der theologischen Fakultät der Universität Freiburg übergeben.[13] Mit einem philosophischen Studiengang für die niederen Theologie-Semester wurden in Konstanz 1604 Jesuitenkolleg und Jesuiten-Gymnasium gegründet.[14] In Heidelberg formierte sich nach der Eroberung der Stadt durch bayerische Truppen im Dreißigjährigen Krieg zum Zweck der Rekatholisierung unter anderem ein Jesuitenkollegium. Nach der Rückgabe der Pfalz an Kurfürst Karl Ludwig (1649–1680) aus der reformierten Linie Pfalz-Simmern im Jahr 1649 mussten die katholischen Orden dieses Territorium wieder verlassen; die Bibliothek des Jesuitenkollegs, in die Restbestände der Bibliotheca Palatina eingegangen waren, wurde in das Mainzer Jesuitennoviziat überführt. Um 1700 entstand erneut ein Jesuitenkollegium im ab 1685 von der katholischen Linie Pfalz-Neuburg regierten Heidelberg. Auch hier spielte neben Büchern für die Seelsorge und Predigt Schulliteratur eine große Rolle.[15]

Anmerkungen

[1] Fischer 2003, S. 1265.
[2] GermBen V, S. 524–527.
[3] Schlechter/Stamm 2000, S. 106–108, 115–118.
[4] Fischer 2003, S. 1265 f.; Mittelalterliche Bibliothekskataloge Bd. 1, S. 225.
[5] Schlechter 2003, S. 12.
[6] Schlechter 2003, S. 9–12.
[7] Mittelalterliche Bibliothekskataloge Bd. 1, S. 149–152; Heinzer/Stamm 1987, S. 36 f.
[8] Fechter 1997, S. 46 f.
[9] Sack 1985, S. XXXVI–XXXVIII.
[10] Schlechter/Stamm 2000, S. 82–85.
[11] Hagenmaier 1988, S. XXXVII–XLII.
[12] Heiland-Justi 2011, S. 35–50.
[13] HHBD Bd. 7, S. 100.
[14] HHBD Bd. 8, S. 102.
[15] Schlechter 2015, S. 379 f.; HHBD Bd. 7, S. 300–303.

Die vollständigen Literaturangaben sowie die Auflösung der Abkürzungen finden Sie hier.

Zitierhinweis: Armin Schlechter, Schriftkultur und Klosterbibliotheken, in: Badisches Klosterbuch, URL: […], Stand: 11.06.2025.

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