Säkularisation und Auflösung
von Armin Schlechter
Die Säkularisation des frühen 19. Jahrhunderts und die Verwertung der Bestände der Klosterbibliotheken waren ein Prozess, der sich über Jahrzehnte hinzog. Sie traf große, blühende Konvente wie die Benediktinerklöster St. Blasien und St. Peter oder das Zisterzienserkloster Salem mit bemerkenswerten Büchersammlungen, aber auch Einrichtungen wie das Benediktinerkloster Ettenheimmünster, das wohl über eine eher kleinere, vom Umfang mit der Schwarzacher Bibliothek vergleichbare Sammlung verfügte. Anderen, schon länger im Niedergang befindlichen Klöstern fehlte dagegen eine Zukunftsperspektive. Die jeweilige Bibliothek wurde schon längere Zeit nicht mehr gepflegt und hatte, wie der Abgleich mit Bibliothekskatalogen bei der Aufhebung fast immer zeigte, bereits Teile ihres Bestandes verloren, darunter auch Handschriften. Ein bemerkenswertes Zeugnis für den Niedergang einer Klosterbibliothek ist die Handschrift Cod. 278 der Universitätsbibliothek Freiburg aus dem dortigen Kartäuserkloster, deren Provenienz in einem Nachtrag zum Handschriftenkatalog aus dem Jahr 1779 so beschrieben wird: relictus in Carthusia prope Friburgam, a monachis deserta anno 1782.[1] In keinem Fall wurde den Klosterbibliotheken ein intrinsischer Wert als Sammlung oder ein eigenständiges wissenschaftliches Profil zuerkannt, weshalb noch nicht einmal die wichtigeren Einrichtungen dieser Art ungeschmälert erhalten blieben[2]. Nicht selten wurden kleinere Sammlungen von den mit der Sichtung der Klosterbibliotheken beauftragten Bibliothekaren als »Quark oder Wust […] alter staubiger« Bücher abqualifiziert.[3]
Die Hauptprofiteure der Auflösung der Klosterbibliotheken in Baden waren die Hofbibliothek in Karlsruhe, die so ihren Bestand von 30.000 Bänden im Jahr 1799 auf etwa 70.000 Bände im Jahr 1838 vermehren konnte,[4] sowie die Universitätsbibliotheken in Freiburg und Heidelberg. Hinzu kamen Standesherrschaften und kleinere Bibliotheken, unter anderem Schulbibliotheken. Während an Handschriften und seltenen Inkunabeln Interesse bestand, wurden Drucke späterer Zeit als freie Verfügungsmasse betrachtet.
Am Anfang der verschiedenen Säkularisationswellen stand die Aufhebung des Jesuitenordens und seiner Kollegien im Jahr 1773. Da die zugehörigen Bibliotheken große Anteile von Literatur für schulische Zwecke enthielten, gingen sie meist an weltliche Schulen über. So erhielt in Heidelberg das heutige Kurfürst-Friedrich-Gymnasium 1831/32 1050 Bände überwiegend aus dem aufgehobenen Jesuitenkolleg,[5] ebenso in Konstanz und Rastatt. Aus dem 1641 eingeweihten Baden-Badener Kapuzinerkloster gingen nach seiner Aufhebung ebenfalls Bände an die heutige Historische Bibliothek der Stadt Rastatt im Ludwig-Wilhelm-Gymnasium. Allerdings sind bei Kapuzinern, einem Anfang des 16. Jahrhunderts aus den Franziskaner-Observanten hervorgegangenen, besonders armen Bettelorden keine großen Bestände zu erwarten.[6]
Kaiser Joseph II. (1765–1790) hob 1782/83 in Vorderösterreich 21 von 49 Männerklöstern auf, vor allem beschauliche Klöster und Einsiedlerorden, zudem die meisten Frauenklöster. Sein Bruder und Nachfolger Leopold II. (1790–1792) säkularisierte während seiner kurzen Regierungszeit vor allem Bettelordensklöster. In Freiburg, der Stadt im deutschen Südwesten mit der ursprünglich größten Klosterdichte, war die Auflösung der Klosterbibliotheken zum großen Teil bereits in der vorderösterreichischen Zeit vollzogen worden. Das Vorauswahlrecht für die Bibliotheksbestände lag in dieser Phase bei der Hofbibliothek in Wien, die es aber zurückhaltend ausübte.[7] Die meisten Bestände gelangten an die Universitätsbibliothek Freiburg. Dazu gehörte die Bibliothek des 1793/94 aufgehobenen örtlichen Dominikanerklosters. Während ein 1795 angelegter Katalog 109 Handschriften verzeichnete, lassen sich heute lediglich 26 mittelalterliche Handschriften mit Sicherheit und sechs möglicherweise dieser Provenienz zuordnen.[8] Etliche Bibliotheken von Frauenklöstern der Augustinerinnen, Klarissen, Franziskanerinnen und Terziarinnenklöster wurden ebenfalls übernommen. Allerdings umfasste die durchschnittliche Bibliothek solcher Einrichtungen lediglich 100 bis 150 Bücher.[9]
Die für das Schicksal der Klosterbibliotheken in Baden wichtigsten Ereignisse waren der Reichsdeputationshauptschluss vom Februar 1803, mit dem die weltlichen deutschen Fürsten für linksrheinische Gebietsverluste durch die Säkularisierung geistlicher Herrschaften und die Mediatisierung von Reichsstädten im rechtsrheinischen Gebiet abgefunden wurden, und der Frieden von Pressburg vom Dezember 1805. Zwischen 1802 und 1811 wurden in Baden in Abhängigkeit von den drei großen Gebietszugewinnen der Zeit etwa 120 Klöster, Stifte und Priorate aufgehoben; lediglich einzelne Frauenkonvente wie das Zisterzienserinnenkloster Lichtenthal bei Baden-Baden blieben in reduzierter Form bestehen, mussten aber einen großen Teil ihrer Bibliothek abgeben, die aus lediglich mehreren hundert Büchern bestand[10]. Einige Frauenkonvente sicherte das badische Regulativ aufgrund ihrer Lehrtätigkeit als Lehrinstitute, weshalb auch deren Bibliotheken vor Ort verblieben, wie zum Beispiel die kleine Büchersammlung des Dominikanerinnenklosters Zoffingen in Konstanz belegt.
Den ersten Zugriff hatte bei der rigorosen badischen Klostersäkularisation die Hofbibliothek in Karlsruhe, die angesichts ihrer bis dahin überschaubaren Bestände die Gelegenheit ergriff, sich ohne große Kosten in erster Linie Handschriften und Inkunabeln einzuverleiben, Erstlinge der Buchdruckerkunst, wie es in einem Gutachten des Leiters dieser Einrichtung, Friedrich Valentin Molter (1722–1808), vom Juli 1804 heißt. Überlieferungszusammenhänge spielten hierbei keine Rolle, vielmehr richtete sich das Augenmerk auf die Unikalität oder die Seltenheit dieser Bestände, auf bisher fehlende »Quellen, wissenschaftliche […] Entdeckungen und literarische […] Seltenheiten«.[11] Allerdings beging sie den Fehler, ihrer Vorauswahl die oft unvollständigen Bibliothekskataloge oder bei deren Fehlen von Mönchen geschriebene Listen zugrunde zu legen. Vor allem der Universitätsbibliothek Freiburg kam zugute, dass ihr die Nachauswahl teils komplett überlassen wurde und dass der Bibliothekar Josef Bagatti persönlich Klosterbibliotheken aufsuchte und so einen direkten Zugriff hatte. Weiter unterschlug die Universitätsbibliothek Freiburg auch Bücher, die nach Karlsruhe hätten abgeliefert werden müssen.[12] Aus diesem Grund finden sich hier, aber auch in der Universitätsbibliothek Heidelberg Handschriften aus verschiedenen aufgelösten Klöstern.
Proteste gegen die Verbringung der lokalen Klosterbibliotheksüberlieferung in die Residenzstadt erhoben sich in Villingen, wo die Stadt den kompletten Abtransport von Büchern des Benediktinerklosters St. Georgen zu verhindern suchte,[13] und in der Universität Freiburg. Sie beklagte in einem Schreiben an den Großherzog, es müsse für die Nachkommen eine traurige Erinnerung sein, wenn nichts Bedeutendes von diesen Schätzen der Litteratur und Behelfen der wissenschaftlichen Bildung im ganzen Breisgau übrig bleiben sollte.[14] Bei der Nachauswahl standen die beiden nun badischen Universitätsbibliotheken Freiburg und Heidelberg an erster Stelle. Während sich das katholische Freiburg schon seit der vorderösterreichischen Zeit aktiv um Zugänge aus aufgelösten Klosterbibliotheken bemüht hatte, zeigte die Universitätsbibliothek Heidelberg, gelegen in der mehrheitlich protestantischen Kurpfalz, wenig Interesse. So lehnte die Heidelberger Bibliothekskommission im März 1808 die Übernahme der Transportkosten für das ihr zugedachte, an Inkunabeln reiche Bibliothekssegment aus dem Benediktinerkloster Schuttern ab, da diese Bücher kein Bedürfniß für die Bibliothek seyen.[15] In der Regel gingen südbadische Bestände nach Freiburg, mittelbadische nach Freiburg und Heidelberg. Eine Ausnahme war die Bibliothek des Benediktinerklosters Gengenbach. Nach der Karlsruher Vorauswahl trafen sich im Oktober 1809 der Heidelberger Oberbibliothekar Friedrich Wilken und der Freiburger Abgesandte Johann Caspar Ruef vor Ort, um die Bestände unter sich aufzuteilen. Nach Heidelberg gelangten in diesem Zusammenhang drei Buchhandschriften aus diesem Kloster.[16]
Aus dem Zisterzienserkloster Salem wurde 1802 eine Standesherrschaft, die ab 1804 als Fürstensitz für die Markgrafenbrüder Friedrich und Ludwig diente, Söhne des Markgrafen Karl Friedrich.[17] In der Folge wurde auch die Büchersammlung des Benediktinerklosters Petershausen nach Salem verbracht. Nach dem Tod von Friedrich verkaufte Ludwig 1826/27 diese beiden Klosterbibliotheken an die Universitätsbibliothek Heidelberg. Weiter wäre die Fürstlich-fürstenbergische Hofbibliothek in Donaueschingen zu nennen. Das Haus Fürstenberg übernahm in der Säkularisation 18 Klöster. Nach einer langen Phase der Bewahrung wurden 1993 zuerst die Handschriften der Hofbibliothek an das Land Baden-Württemberg verkauft und dann 1994 die Inkunabeln beim Auktionshaus Sotheby’s in London versteigert, unter ihnen viele Bände aus ehemaligen Klosterbibliotheken.[18] 1802 fiel das Augustinerchorfrauenstift Inzigkofen an Anton Alois von Hohenzollern-Sigmaringen, der die 1856 erloschene Einrichtung auf den Aussterbeetat setzte. Aufgrund des absehbaren Endes des Klosters wurden die Handschriften zerstreut; ein Teil der Drucke findet sich heute im Benediktinerkloster Beuron.[19]
Für die Überlieferung von Klosterbibliotheken in Baden spielten als nachrangige Profiteure weiterbestehende oder neugegründete kirchliche Einrichtungen, Städte mit ihren Gymnasien sowie Privatpersonen eine wichtige Rolle. Säkularisationsbestände gelangten in Priesterseminare, Pfarrbibliotheken, Diözesanbibliotheken und andere mehr, teils über Nachlässe von Klerikern, wodurch manchmal beachtliche Sammlungen entstanden.[20] Ganz ungewöhnlich ist die Überlieferungslage beim Benediktinerkloster St. Peter, in dessen Gebäude bis 2006 die Bibliothek des Priesterseminars des Erzbistums Freiburg untergebracht war. Vor Ort blieben Restbestände der Klosterbibliothek zurück, und heute finden sich hier noch etwa 920 Titel aus dieser Provenienz sowie 320 Titel aus der örtlichen Pfarrbibliothek, die ursprünglich auch aus Beständen des Klosters aufgebaut worden war. [21]
Angesichts des mit erheblichem Wertverlust einhergehenden Überangebots an Handschriften und Drucken aus säkularisierten Klöstern in der Zeit um 1800[22] konnten auch in Baden etliche Privatpersonen vergleichsweise große Sammlungen zusammentragen, die später teils als Legat in den Besitz öffentlicher Einrichtungen gelangten. So erwarb die Universitätsbibliothek Freiburg die Sammlungen des Theologen und Orientalisten Johann Leonhard Hug (1765–1846) sowie des Gymnasialprofessors Franz Karl Grieshaber (1798–1866). Auf Hug gehen etwa 55 abendländische und orientalische Handschriften zurück, auf Grieshaber 44 Codices und 66 lateinische und deutsche mittelalterliche Fragmente, jeweils teils aus badischen und württembergischen Klöstern.[23] Für die heutige Leopold-Sophien-Bibliothek in Überlingen spielte der dortige Dekan und Pfarrer Franz Sales Wocheler (1778–1848) eine große Rolle. Er trug eine etwa 10.000 Bände umfassende Büchersammlung vor allem aus Säkularisationsgut zusammen, die 1832 an die Überlinger Bibliothek fiel. Von den dortigen 33 mittelalterlichen Handschriften geht der größere Teil auf Wocheler zurück, darunter sieben Handschriften aus dem Dominikanerinnenkloster Zoffingen in Konstanz sowie drei Codices aus dem Zisterzienserkloster Salem.[24] Wie groß dagegen der Anteil der badischen Klosterbibliotheken ist, der die Säkularisation nicht überlebt hat, lässt sich nicht sagen. Ein Beispiel dafür ist eine heute in der Universitätsbibliothek Freiburg aufbewahrte medizinische Inkunabel aus der 1794 aufgelösten Bibliothek des örtlichen Franziskanerklosters, die ein Papiermacher, der sie eigentlich zu Pappen verarbeiten wollte, gemäß einem handschriftlichen Eintrag dem dortigen Medizinprofessor Mathaeus Mederer geschenkt hat;[25] viele andere Drucke sind sicherlich eingestampft worden.
Anmerkungen
[1] Hagenmaier 1988, S. XVIII.
[2] Rödel 2017 (c), S. 316–321, 330; Fischer 2003, S. 1265 f., 1289–1292.
[3] Mittler 1971, S. 76, 97; Fischer 2003, S. 1270.
[4] HHBD Bd. 8, S. 22.
[5] HHBD Bd. 7, S. 300–303.
[6] HHBD Bd. 8, S. 188 f.; Schmid 1980, S. 33 f.
[7] Rödel 2017 (c), S. 312 f.; Schmid 1980, S. 133–138; Fischer 2003, S. 1270 f.
[8] Hagenmaier 1988, S. XIX.
[9] Fischer 2003, S. 1266, 1271.
[10] Schmid 1980, S. VI–XI, 51 f., 195–197.
[11] Fischer 2003, S. 1273; Sack 1985, S. XLIV f.; Heinzer 1988, S. 4, 7 f.
[12] Mittler 1971, S. 73–75.
[13] Mittler 1971, S. 96 f.
[14] Fischer 2003, S. 1273; Rödel 2017 (c), S. 320 f.
[15] Schlechter 1990, S. 16.
[16] Schlechter/Stamm 2000, S. 65, 67.
[17] Rödel 2017 (c), S. 318, 323.
[18] Schmid 1980, S. 286–323; Fischer 2003, S. 1281; Rödel 2017 (c), S. 322; Incunabula from the Court Library at Donaueschingen 1994, S. 293–304.
[19] Fechter 1997, S. 44, 189–192.
[20] Sack 1985, S. IX; Fischer 2003, S. 1283–1286; Karasch 2012, S. 121.
[21] HHBD Bd. 8, S. 241–243.
[22] Fischer 2003, S. 1263.
[23] Hagenmaier 1988, S. XXII–XXV.
[24] Heitzmann 2002, S. 41 f.
[25] Sack 1985, S. XL, 289, 1609.
Die vollständigen Literaturangaben sowie die Auflösung der Abkürzungen finden Sie hier.
Zitierhinweis: Armin Schlechter, Säkularisation und Auflösung, in: Badisches Klosterbuch, URL: […], Stand: 11.06.2025.

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