In bunten Gewändern: Amtsbücher der Salemer Pflege Ehingen

Die Kunst der Herstellung von Buntpapierund seine Verwendung

Mehrfarbiges Kleisterpapier mit Äderung, ca. 1757. Zwei mit gefärbtem Kleister überzogene Papierbögen wurden zusammengedrückt und wieder auseinandergezogen, Vorlage: Landesarchiv BW, StAS Dep. 30/11 T 2 Nr. 226
Mehrfarbiges Kleisterpapier mit Äderung, ca. 1757. Zwei mit gefärbtem Kleister überzogene Papierbögen wurden zusammengedrückt und wieder auseinandergezogen, Vorlage: Landesarchiv BW, StAS Dep. 30/11 T 2 Nr. 226

Das Staatsarchiv Sigmaringen verwahrt im Bestand Dep. 30/11 T 2 die Amtsbuchüberlieferung der Ehinger Pflege des Klosters Salem. Ein beträchtlicher Teil der Amtsbücher präsentiert sich in dekorativen Buntpapiereinbänden. Unter der Bezeichnung Buntpapier versteht man Papier, dessen Oberfläche nach der Herstellung als Rohpapier mit Farbe bestrichen, bedruckt, getränkt oder geprägt wird. Buntpapiere müssen folglich nicht mehrfarbig sein. Historische, von Hand gefertigte Buntpapiere faszinieren bis heute nicht nur Wissenschaftler, Künstler und Sammler.

Seit der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts nachweisbar sind die mit Pinsel oder Bürste einfarbig gestrichenen Buntpapiere. Sie ersetzten teures farbiges Pergament als Bucheinband. Zu den ältesten Buntpapiersorten zählen die schlichten gesprenkelten Papiere. Bei der Herstellung dieser preiswerten Art wurden einfarbige Buntpapiere mit Farbsprenkeln gemustert. Sie verschönern Einbände seit dem späten 16. Jahrhundert.

Im selben Zeitraum gelangte von Japan über Persien und die Türkei die Kunst des Marmorierens nach Europa. Marmorpapier wurde seiner Herkunft wegen auch als Türkisch Papier bezeichnet. Mit dieser neuen Farbtunktechnik entstanden farbenfrohe Stein-, Kamm- oder Fantasiemarmormuster. Marmorierte Papiere entwickelten sich schnell zum Modeartikel und wurden auch zum Auskleiden von Schachteln und Möbeln oder als Tapeten verwandt.

Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts erfreuten sich Buchumschläge aus Kleisterpapieren großer Beliebtheit. Die mit Kleisterfarbe grundierten Papierbögen bestachen mit ihren reizvollen Farbeffekten und schwungvollen Dekors.

Die Übertragung des Textil-Modeldrucks auf die Papierveredelung schuf ab 1690 prunkvolle, üppig ornamentierte, aber eher seltene Bronzefirnis- und Brokatpapiere. Ihnen folgten Kattunpapiere. Sie wurden zum Teil mit Modeln der Kattunfabrikation gedruckt, die aus der Mode gekommen oder unbrauchbar geworden waren. Ihrer liebenswerten Formenvielfalt verdanken sie die große Nachfrage zwischen 1750 und 1830.

Für das Gelingen ästhetisch ansprechender Buntpapiere waren Fantasie, Sinn für Farbharmonie und eine sichere Hand erforderlich. Anfangs fertigten Handwerker der Papierverarbeitung, aber auch Frauen und Kinder in Heimarbeit die Schmuckpapiere. Im 18. Jahrhundert, der Blütezeit der Buntpapiere, etablierte sich infolge des steigenden Bedarfs der Beruf Buntpapierer. Mit der industriellen Fertigung des Buntpapiers nach 1840 wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Sibylle Brühl

Quelle: Archivnachrichten 58 (2019), S. 45

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