Fabrikarbeit

Fabrikordnung
Fabrik-Ordnung der Firma Heinrich Otto & Söhne Unterboihingen, 1864 [Quelle: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg]

Im Südwesten setzte die Industrialisierung verhältnismäßig spät ein, was unter anderem mit der anfänglichen Skepsis der Bevölkerung, aber vor allem mit dem Mangel an Rohstoffen zu tun hatte. Doch angesichts der relativen Überbevölkerung und der wachsenden Verarmung breiter Bevölkerungsschichten mussten sowohl Baden als auch Württemberg auf die technischen Entwicklungen der Zeit reagieren.

Leitsektor der Industrialisierung im Südwesten wurde schließlich die Textilindustrie, in der im Jahr 1850 mehr als die Hälfte der Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigt war. Eine Folge dieser Entwicklungen war die zunehmende Urbanisierung. Allein in Stuttgart und Heilbronn stieg die Bevölkerungszahl im 19. Jahrhundert um ein Sechsfaches.

Im scheinbaren Widerspruch zu dieser Bevölkerungsentwicklung stehen die volkskundlichen Sammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts. So lassen sich darin verhältnismäßig wenig Zeugnisse und Quellen zum harten Alltag der Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter finden. Das hat unter anderem mit der Sammlungslogik der bürgerlichen Volkskundler zu tun, die ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem das ländliche Leben dokumentierten, da dieses durch den gesellschaftlichen Wandel im Zuge der Industriemoderne bedroht schien. Das Land wurde als schützenswerter Gegenpol zur hektischen Stadt imaginiert, während die Zunahme moderner Technologien und Produktionsweisen eher kritisch bewertet und vor allem unter dem Aspekt der Verdrängung althergebrachter Traditionen betrachtet wurde. Diese antimodernistischen Reflexe der sich gerade erst etablierenden Volkunde hatten zur Folge, dass die Sammlungen und Aufzeichnungen ein sehr einseitiges Bild der damaligen Arbeitswelten transportieren. Eine ähnliche Sammlungslücke zeigt sich bei den Repräsentationen einer widerständigen Gesellschaft. Dokumente und Zeugnisse zu Arbeitskämpfen und Protesten sind in volkundlichen Sammlungen kaum überliefert.