Chroniken

von Lea Schneider

Chronik von Johann Ludwig Ungelehrt, 1634 [Quelle: Landesmuseum Württemberg]
Chronik von Johann Ludwig Ungelehrt, 1634 [Quelle: Österreichische Nationalbibliothek]

Der Begriff „Chronik“ beruht auf dem griechischen Wort χρόυος (chronos = Zeit) und bezeichnet eine linear durchgehende historische Darstellung, die meist einen räumlichen, personellen oder institutionellen Zusammenhang aufweist. Der Text orientiert sich an der Chronologie der Geschehnisse und ist auch auf diese Ereignisabfolge fokussiert. Bereits Isidor von Sevilla (ca. 560-636) versuchte, einen Gattungsbegriff zu konstruieren und die Chronik von der narrativen „historia“ zu unterscheiden. Da eine klare Abgrenzung von anderen Gattungen nur im idealtypischen Fall funktioniert und sich zahlreiche Mischformen herausgebildet haben, ist die heutige Forschung davon abgekommen, die Chronik als klar definierten Gattungsbegriff aufzufassen.

Für die Zeit des Dreißigjährigen Krieges gibt es aus dem südwestdeutschen Raum einige Aufzeichnungen, die zwar verschieden aufgebaut sind, aber unter dem Begriff „Chronik“ subsumiert werden können.

Als erstes Beispiel kann die 1634 veröffentlichte Chronik von Johann Ludwig Ungelehrt dienen, der die erfolgreiche Verteidigung der Stadt Villingen gegen württembergische und schwedische Truppen während der beiden Belagerungen 1633 beschrieb. Seine Darstellung steht in der literarischen Tradition der Rettungs- und Wundergeschichten. Das Ziel dieser Veröffentlichung war, wie der Autor selbst im Vorwort angab, die Belagerungen so zu beschreiben, „wie es die Warheit erfordert“.[1] Das Überstehen dieser Belagerungen führte Ungelehrt sowohl auf den außergewöhnlichen Einsatz der Villinger als auch auf göttlichen Beistand zurück.

Die Darstellung der Ereignisse verfasste Ungelehrt in Strophen und in Reimform. In seinem ersten Teil, welcher sich mit der Belagerung Villingens im Januar 1633 beschäftigt, befinden sich diese insgesamt 54 Strophen jeweils auf der linken Seitenspalte. In der rechten Spalte gegenüber stehen oft Ergänzungen zu den Aussagen in der nebenstehenden Strophe, die einen biblische Bezug, Verweise auf antike Literatur oder Geschichte oder zusätzliche Informationen liefern.

Im zweiten Teil der Chronik, der die Belagerung vom 30. Juni bis zum 5. Oktober 1633 in 174 Strophen thematisiert, stellte Ungelehrt die ergänzenden Kommentare hingegen an das Ende der jeweiligen Strophe. Diese Chronik weist auch Elemente eines Sensationsberichtes auf, z.B. als Ungelehrt die Wucht von Granateneinschlägen beschrieb und hierbei von einem neunjährigen Mädchen berichtete, welches von einer Granate „dermassen zerschmettert/daß die Glidlein in einem Kübel zusamen gelesen“ werden mussten.[2]

Ein ganz anderes Beispiel ist die Bietigheimer Feldmesserchronik. Sie ist Teil eines Protokollbuchs von Untergängern, die für das Abschreiten von Flurgrenzen zuständig waren. Die chronikalischen Aufschriebe wurden auf Leerseiten und freien Stellen dieses Protokollbuchs notiert und befinden sich somit nicht auf zusammenhängenden Seiten und nicht immer in zeitlicher Reihenfolge. Durch die spätere Bindung dieses Buches sind sogar ganze Blattfolgen durcheinandergeraten.

Die Feldmesserchronik umfasst den Zeitraum von 1599 bis 1739, wobei die Eintragungen, die von insgesamt fünf Schreibern stammen, große Lücken aufweisen. Nur einer dieser Schreiber konnte identifiziert werden: der Maler und Kupferstecher Conrad Rotenberger, dessen Aufschriebe nach seiner Wahl zum Feldmesser 1616 beginnen und mit seinem Tod im Jahr 1633 enden. Die Notizen während der Zeit des 30-jährigen Krieges befassen sich zum großen Teil mit Wetterbeobachtungen und der Erntesituation.

Bemerkenswert ist hierbei die Tatsache, dass schon vor Kriegsausbruch die Notizen über Missernten dominierten. Nach Ausbruch des Krieges 1618 bis ins Jahr 1621 berichtet die Chronik zunehmend über Wunderzeichen, deren Anzahl teilweise so hoch gewesen war, dass der Chronist sie nicht alle aufzuschreiben vermochte. Besonders deutlich wird auch die Münzentwertung, die sogenannte Kipper- und Wipperzeit, beschrieben. Geografisch ist die Feldmesserchronik keineswegs nur auf die Stadt Bietigheim und ihre nähere Umgebung beschränkt, sondern berichtet auch von entfernteren Ereignissen wie beispielsweise dem Prager Fenstersturz 1618 oder die Schlacht bei Stadtlohn am 6. August 1623. Wahrscheinlich stammten die Informationen über diese Ereignisse aus Flugblättern und Zeitungen.

Eine ganz andere Charakteristik weist die Bietigheimer Stadtschreiberchronik auf. Sie unterscheidet sich von den beiden obigen Beispielen schon dadurch, dass sie nicht zeitgleich mit den Kriegsereignissen niedergeschrieben wurde. Die Chronik, die die Zustände und Ereignisse in der Stadt Bietigheim seit der Schlacht bei Nördlingen im Jahre 1634 bis 1657 aufzeichnete, wurde frühestens 1640 von dem Stadtschreiber Christoph Raph begonnen. Erst ab 1649, nachdem bereits der zweite Stadtschreiber, Johann Caspar Siglin, die Niederschrift übernommen hatte, kann eine annähernde Gleichzeitigkeit mit dem beschriebenen Geschehen angenommen werden.

Die Eigenschaft dieser Chronik als offizielles Schriftstück erklärt die auffällige Distanz, mit welcher der Schreiber die durchaus schlimmen Ereignisse in der Stadt schilderte. Die Notizen von Zahlen und Geldbeträgen weisen die Chronik als eine Art Wirtschaftsbericht aus, die von der Stadt als Basis für beispielsweise Rechnungslegungen herangezogen wurde. Daneben lässt sich aber auch eine moralisierende Absicht erkennen, wenn die Gräuel des Krieges auf eine unsittliche Lebensführung zurückgeführt werden, die von Gott abgestraft wurde. Die Kenntnisse des Schreibers über militärische Hintergründe und Truppendurchmärsche stammen vermutlich von Soldaten. Da die Chronik erst mit dem Jahr 1657 endet, findet auch die Nachkriegszeit mit ihren Schwierigkeiten und den Bemühungen um Reparaturen und Wiederaufbau hier ausführlich ihre Niederschrift.

Anmerkungen

[1] Ungelehrt, Villinganae, fol. A II v.

[2] Ungelehrt, Villinganae, fol. F r.

Quellen in Auswahl

  • Bentele, Günther, Protokolle einer Katastrophe. Zwei Bietigheimer Chroniken aus dem Dreißigjährigen Krieg, in: Schriftenreihe des Archivs der Stadt Bietigheim-Bissingen, Bd. 1, Bietigheim-Bissingen 1998.
  • Ungelehrt, Johann Ludwig, Villinganae Probitatis Deo ac Imperatori Constanter Fidelis, ad Lydium probatio, Das ist: Sum[m]arischer bericht, wessen sich [...] Villingen [...] gegen den Uncatholischen ... in zweyen Belägerungen ... 1633 gewehret, vnd gantz Jähriger Blockierung erhalten […], Constantz am Bodensee 1634, URL: http://data.onb.ac.at/rep/10AB820E (aufgerufen am 28.11.2019).

Literatur in Auswahl

  • Fuchs, Stephanie, Der Dreißigjährige Krieg. Der Dreißigjährige Krieg zwischen Neckar und Bodensee im Spiegel von Selbstzeugnissen, in: Schwabenspiegel. Literatur vom Neckar bis zum Bodensee 1000-1800, hg. von Ulrich Gaier/Monika Küble/Wolfgang Schürle, Ulm 2003, S. 843-853.
  • Handbuch Chroniken des Mittelalters, hg. von Gerhard Wolf, Berlin u. a. 2016.
  • Riegg, Ernst, Art. Chronik, in: Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 2, Stuttgart 2005, S. 768-770.

Zitierhinweis: Lea Schneider, Chronik, in: Der Dreißigjährige Krieg, URL: […], Stand: 23.11.2023.

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