Neugründung und Entwicklung der heutigen Jüdischen Gemeinde Mannheim

von Rita Althausen

Gemeindezentrum in der Maximilianstraße in Mannheim in den 1960er-Jahren. [Quelle: Privatarchiv Althausen]
Feier im Gemeindezentrum in der Maximilianstraße in Mannheim in den 1960er-Jahren [Quelle: Privatarchiv Althausen]

Die Hauptsynagoge der Jüdischen Gemeinde in F2 wurde in der Nacht vom 09. auf den 10. November 1938 zerstört und brannte bis auf die Grundmauern nieder. Die in unmittelbarer Nähe in F1,11 gelegene orthodox geführte Klaus-Synagoge wurde bei den von den Nazischergen verübten Ausschreitungen am 10. November im inneren Teil stark beschädigt, aber nicht in Brand gesteckt, um die umliegenden Häuser vor den Flammen zu verschonen. Die Synagoge wurde 1939 notdürftig von der Jüdischen Gemeinde renoviert und konnte bis zur Deportation der Juden am 22./23. Oktober 1940 für religiöse Zeremonien genutzt werden. Danach erlosch das jüdische Leben in Mannheim endgültig. Die Stadt war laut Meldung der Gauleiter Wagner und Bürkel nach Berlin „judenrein“.

Die unmittelbare Nachkriegszeit war für viele Menschen in Europa geprägt von Gewalt, Leid, Hunger, Flucht und Vertreibung. Dies traf vor allem die Shoah-Überlebenden, die aus den Konzentrationslagern, Verstecken und Fluchtorten befreit wurden. Insbesondere wenn sie an ihre ehemaligen Wohnstätten im Osten zurückkehrten, sahen sich nicht wenige weiterhin der Verfolgung durch Pogrome ausgesetzt. Allein auf sich gestellt, traumatisiert durch die Ermordung ihrer Familienangehörigen und Freunde, der Heimat- und Staatenlosigkeit ausgesetzt, versuchten sie ihre Weiterreise in das britische Mandatsgebiet Palästina, in die USA, nach Kanada und Australien zu organisieren. Die meisten Überlebenden kamen aus Polen, auch Menschen aus der Sowjetunion, Litauen, Ungarn, Rumänien, der damaligen Tschechoslowakei und Deutschland waren anzutreffen.

Jüdische Überlebende wurden im DP-Lager in Lampertheim aufgenommen oder strandeten in Mannheim, das als Transit-Station für die Weiterreise angesehen wurde. Das ehemalige jüdische Waisenhaus in R7,4 entwickelte sich zur Anlaufstelle, in der sich Menschen begegneten, administrative Angelegenheiten zu regeln versuchten und sich mit dem Nötigsten, das der Joint (American Jewish Joint Distribution) zur Verfügung stellte, versorgten. Auch eine Synagoge wurde im größten Raum eingerichtet, sodass der religiöse Part gewährleistet war. Erwähnenswert ist, dass die meisten Shoah- Überlebenden des Ostens religiösen Familien entstammten und im Judentum und in den traditionellen Riten gut verankert waren, sodass sie Wert auf die Ausübung des Glaubens legten. Kleine Aufenthaltsräume für Zusammenkünfte und für die Ausrichtung von Feiertagen wurden notdürftig eingerichtet. Im oberen Stockwerk des Gebäudes befanden sich einige Zimmer, in denen Durchreisende übernachten konnten.

Da die erhoffte Ausreise in die erwünschten Länder sich wegen fehlender Dokumente und Bürgerschaften als sehr schwierig erwies, verlängerte sich der Aufenthalt der Überlebenden in Mannheim und sie begannen, sich zumindest für eine gewisse Zeit in Mannheim niederzulassen. Zunächst saß man auf „gepackten Koffern“. Allmählich gewöhnten sich die Menschen an ihre neue Umgebung und bauten sich eine Existenz überwiegend im gastronomischen Gewerbe auf. In den folgenden 10 Jahren wuchs die Mitgliederzahl auf etwa 160.

Die Räumlichkeiten zeigten ihre Begrenztheit, und so wurde am 19. Mai 1957 ein neu erstelltes Gemeindezentrum mit Synagoge, zwei Sälen und einer kleinen Küche in der Maximilianstraße 6 eingeweiht. Die Jüdische Gemeinde versteht sich bis heute in ihrer religiösen Ausrichtung als Einheitsgemeinde, in der dem traditionellen Ritus folgend liberal-orthodoxe Richtungen integriert sind. Die Gebete werden durchgehend auf Hebräisch gesprochen, während die Predigten auf Deutsch abgehalten werden.

Die Mitglieder sahen sich als Schicksalsgemeinschaft, die sich einerseits zu religiösen Festen und Feiern traf, sich andererseits aber in vertrauter Umgebung über persönliche Erlebnisse und alltägliche Belange austauschen wollte. Man hatte kein Vertrauen in die Nachbarschaft, da man nicht wissen konnte, an welchen Aktionen der Nachbar in der Nazizeit beteiligt war. Die Gemeinde wurde zum „Wohnzimmer“, in dem man offen sprechen konnte. Es gab kaum eine Familie, die nicht von der Shoah betroffen war, die wie ein böser Schatten stets präsent war, auch wenn es galt, freudige Ereignisse zu feiern. Freud und Leid waren stetige Begleiter.

Vor der Zerstörung und Auslöschung der Jüdischen Gemeinde gab es ein reges Gemeindeleben, das sich in vielfältigen Einrichtungen und Institutionen widerspiegelte und bedeutende Wirkung erzielte. So wollte man nach der Neugründung das Vereinsleben wieder aktivieren und verschiedenen Altersgruppen gerecht werden.

So wurde am 20. Oktober 1957 der Verein TC Hakoah gegründet, eigentlich ein Sportverein aus früherer Zeit, der neben sportlichen Tätigkeiten auch für die Ausrichtung von einer Purimfeier (1958) zuständig war. Zusammen mit der Gemeinde richtete der Club eine Simchat-Tora-Feier (1964) aus, um nur einige Beispiele zu nennen. 1968 nahmen einige Tischtennisspieler sogar an der Makkabiade teil. Die wöchentlich veranstalteten Clubzusammenkünfte boten ein reichhaltiges Programm. So wurde ein Quizabend durchgeführt, Vorträge über verschiedene Länder, insbesondere über eine Israel-Reise gehalten. Ein gestiftetes Billard trug auch zur Abwechslung bei.

Im Juni 1979 wurde auf Initiative des 2. Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Mannheim Oskar Althausen, eines ehemaligen Bar-Kochba-Aktiven, unter Mitwirkung vom damaligen Oberkantor Gérald Rosenfeld, Dr. Michael Rosenberg und Lucian Studniberg (heute noch 1. Vorsitzender des Makkabi ) der TuS Makkabi Mannheim e.V. gegründet. Georges Stern wurde zum 1. Vorsitzenden gewählt.

War die Mitgliederzahl der Gemeinde noch sehr überschaubar, so wurde der Verein doch finanziell und begeistert vom Oberrat der Israeliten Badens, von Makkabi Deutschland und von der Gemeinde selbst unterstützt und erzielte bei Wettkämpfen mit ausländischen Clubs auch gute sportliche Ergebnisse.

Am 13. April 1969 fand eine Begegnung der besonderen Art statt, nämlich der Besuch einer Tischtennis-Auswahlmannschaft des israelischen Makkabi-Verbands unter Beteiligung einiger Spieler der israelischen Nationalmannschaft in Mannheim. Legendär waren die Fußballspiele der Jugend, die in Frankreich, zum Beispiel in Strasbourg, Séléstat und St. Avold ausgetragen wurden.

Die Mannheimer Makkabi-Sportler nahmen an Lehrgängen teil und spielten eine bedeutende Rolle bei der Entsendung zu nationalen und internationalen Wettkämpfen, wo sie Erfolge verzeichnen konnten.

Aber auch im sozialen Bereich engagierten sich die Sportler. So zeichneten sie sich verantwortlich für die Ausrichtung von Bällen anlässlich von Festen.

Ein Charakteristikum der Jüdischen Gemeinden in Deutschland ist die enge Verbundenheit zu Volk und Staat Israel. Auch die Mannheimer Gemeinde zeigte von Anfang an großen Einsatz. So bildete sich ein lokaler Ableger von Keren Hayessod, einer Organisation, die Spenden für den Aufbau in Israel sammelt. Auch der KKL (Keren Kayemeth Leisrael), ein weiterer israelischer Nationalfonds, wurde durch verschiedene Aktionen unterstützt.

Ein Herzensanliegen der Jüdischen Gemeinde Mannheim war vor allem die Betreuung und Förderung der Jugend. Auch die religiöse Erziehung und der Unterricht sollten Berücksichtigung finden, was nicht leicht zu bewältigen war, da es zunächst keinen fest angestellten Religionslehrer gab. So musste der Sekretär des Oberrats Unterricht erteilen, bevor der Kantor aus Karlsruhe als Lehrer eingesetzt wurde. Mit dem Umzug in die Maximilianstraße fand ein regelmäßiger Religionsunterricht durch kompetent ausgebildete Lehrkräfte statt. Die überwiegende Mehrheit der Lehrer war gleichzeitig auch als Kantoren oder sogar als Rabbiner tätig.

Auch sozial, gesellschaftlich und kulturell wollte man die Jugendlichen und Kinder einbinden. Zunächst gründete sich eine zionistische Jugendgruppe (ZJD), die seit 1963 Mitglied des Stadtjugendrings ist und heute die Bezeichnung Jüdische Gemeindejugend trägt.

Theateraufführung der Jugendgruppe, circa 1960. [Quelle: Privatarchiv Althausen]
Theateraufführung der Jugendgruppe, circa 1960. [Quelle: Privatarchiv Althausen]

Sehr rege brachten sich die Mitglieder der ZJD durch verschiedene Aktionen in das Gemeindeleben ein. Die Jugendlichen luden 1964 zu einem gemütlichen Beisammensein ein, wobei sie ihre künstlerischen Fähigkeiten beim Vorführen von Sketchen und Tänzen unter Beweis stellten. Sie leisteten bei einer Jom Haazmaut-Feier humoristische Beiträge und machten schon in jungen Jahren Bühnenerfahrung. Die ZJD veranstaltete am 31. Oktober 1967 ein Volkstanz-Seminar, an dem 70 Jugendliche aus der Bundesrepublik und Berlin teilnahmen. Den Abschluss krönte ein Tanzfestival. Die von der ZJD gegründete Theatergruppe inszenierte, unterstützt vom Ensemble des Theaters in Ludwigshafen, „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch (Dezember 1970).

Der Erlös eines Purimballs kam 1965 der Jugend-Aliyah zugute, da es auch das Bestreben gab, Jugendliche zur Auswanderung nach Israel zu motivieren. Einzelne Familien vollzogen in den 60er- und 70er-Jahren diesen Schritt und verließen Deutschland. Der Sechstagekrieg löste eine Sympathiewelle für Israel aus. Die deutsche Politik und vor allem der Umgang mit der Bewältigung der Vergangenheit erweckten kein großes Vertrauen.

Es war grundsätzlich schwierig, in den 50er- und 60er-Jahren geeignete Jugendbetreuer zu finden. So hatten die älteren Jugendlichen die Eigeninitiative ergriffen und anlässlich der Feiertage Theaterstücke aufgeführt. Auffallend waren auch die vielen Einzeldarbietungen von Jugendlichen und Kindern. Auch Rabbiner Levinson und seine Gattin packten mit an und übernahmen die Regie bei der Einstudierung von Theateraufführungen.

Im März 1968 erhielt die Jugendarbeit neue Impulse und machte Fortschritte. So wurden aus den eigenen Reihen Jugendbetreuer (Madrichim) ausgebildet, die eine Gruppe jüngerer schulpflichtiger Kinder jeden Freitagnachmittag betreuten, sodass die Jugendlichen im Anschluss den G``ttesdienst besuchten.

Ab 1970 übernahm der Kantor und Lehrer Gérald Rosenfeld die Gruppe der 7 bis 13-Jährigen, die sich „Benjamin 2000“ nannte, und organisierte wöchentliche Treffen, bei denen Aufführungen einstudiert, im Chor gesungen und Spiele veranstaltet wurden. Auch wurden Fahrten zu Jugendlichen in andere jüdische Gemeinden unternommen. Die Kinder der Gemeinde beteiligten sich zum Beispiel 1972 an der Chanukka-Feier der badischen Gemeinden in Karlsruhe und trugen zur Programmgestaltung bei. Auch bei der Feier zu Purim 1973 waren sie maßgeblich beteiligt. Alle diese Aktivitäten leisteten einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der jüdischen Identität bei den Jugendlichen.

Das Gemeindeleben erfuhr auch eine weitere Bereicherung durch die Gründung der WIZO-Gruppe Mannheim (Women`s International Zionist Organization) am 1. März 1976. Die Gruppe förderte Projekte im sozialen Bereich in Israel und unterstützte Einrichtungen für die jüdische und arabische Bevölkerung wie Kindergärten, Jugend- und Frauenclubs.

Berühmt waren in Mannheim die ausgerichteten Wohltätigkeitsbälle, die die WIZO als wichtiges Integrationselement der Gemeinde auszeichnete. Auch der neu gegründete Frauenverein förderte durch gesellige Zusammenkünfte und Vorträge das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Geburtstagsfeier von Herrn Goldstein am 5.6.1979 im Gemeindezentrum in der Maximilianstraße in Mannheim. [Quelle: Privatarchiv Althausen]
Geburtstagsfeier von Herrn Goldstein am 5.6.1979 im Gemeindezentrum in der Maximilianstraße in Mannheim. [Quelle: Privatarchiv Althausen]

Die Mitgliederzahlen stiegen und Mitte der 80er-Jahre verzeichnete die Gemeinde fast 400 Mitglieder. Die Räumlichkeiten in der Maximilianstraße 6 boten trotz Ausbau des großen Saals nicht mehr genügend Platz, sodass nach langwierigen Debatten der Entschluss gefasst wurde, in unmittelbare Nähe der ehemaligen Hauptsynagoge im Quadrat F2 ins Herz der Stadt zurückzukehren.

Somit entstand ein Gebäudekomplex mit Sozialwohnungen und Geschäften, der das ganze Quadrat F3 umfasst. Am 13. September 1987 wurde die Synagoge eingeweiht. Das Gemeindezentrum ist in seiner Konzeption großzügig angelegt. Der Festsaal und die verschiedenen Einrichtungen werden rege genutzt.

Die jüdische Gemeinschaft, die 400 Jahre in Mannheim verwurzelt war, sich auf sozialem, wirtschaftlichen und kulturellem Gebiet für die Bevölkerung der Stadt einsetzte, durch die braune Nazidiktatur einem Zivilisationsbruch ausgesetzt war, sieht sich heute wieder als Teil der Stadtgesellschaft, ist offen für den Dialog und hat ein gutes Verhältnis zu anderen Religionsgemeinschaften und Institutionen, in denen sie auch vertreten ist.

Zitierhinweis: Rita Althausen, Neugründung und Entwicklung der heutigen Jüdischen Gemeinde Mannheim, in: Jüdisches Leben im Südwesten, URL: […], Stand: 20.05.2023.

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