Bloß nicht zu spät kommen!

Die Gründung des deutschen Kolonialvereins 1882

Fürst Hermann zu Hohenlohe-Langenburg (1832–1913) darf als maßgeblicher Initiator des „Deutschen Colonialvereins“ gelten und wurde 1882 zu seinem ersten Präsidenten, Vorlage: Landesarchiv BW, HZAN o. Sign
Fürst Hermann zu Hohenlohe-Langenburg (1832–1913) darf als maßgeblicher Initiator des „Deutschen Colonialvereins“ gelten und wurde 1882 zu seinem ersten Präsidenten, Vorlage: Landesarchiv BW, HZAN o. Sign

Fürst Hermann zu Hohenlohe-Langenburg konnte bereits auf eine jahrzehntelange politische Tätigkeit in der württembergischen Kammer der Standesherren und dem Deutschen Reichstag zu rückblicken, als er 1882 die Gründung eines deutschen Kolonialvereins ins Auge fasste. Die illustre Gruppe, die sich zu diesem Zweck um den Fürsten geschart hatte, konnte sich sehen lassen: Neben ihm selbst gehörten etwa der Troja-Entdecker Heinrich Schliemann, der württembergische Staatsminister Karl von Varnbüler, der Forschungsreisende und Maler Franz Keller-Leuzinger und der Historiker Gustav Freytag zu den 79 Männern aus Adel und bürgerlicher Upperclass, die zur konstituierenden Versammlung einluden.

Die Zielsetzungen des geplanten Vereins gehen schon aus dem Gründungsaufruf deutlich hervor. Darin ist insbesondere von einer wachsenden Ueberfüllung des Reichs, der notwendigen Erschließung neuer Absatzgebiete und der steigenden Bedeutung des überseeischen Handels die Rede. Auch der durch die Aktivitäten anderer Kolonialmächte hervorgerufene Zeit- und Konkurrenzdruck wurde hervorgehoben: Durch den rastlosen Eifer anderer Völker werden mit jedem Jahre, ja mit jedem Tage die geeigneten Gebiete spärlicher, an denen die deutsche Colonisation landen kann.

Die konstituierende Versammlung des Kolonialvereins fand am 6. Dezember 1882 in Frankfurt am Main statt. Die Eröffnungsrede hielt Fürst Hermann zu Hohenlohe-Langenburg, danach ergriff der Schriftsteller, Forschungsreisende und Zoologe Hermann von Maltzahn das Wort. Er legte besonderes Gewicht auf das Recht der Deutschen auf ihren Platz an der Sonne: Wir Deutschen haben für die Erforschung vieler Länder Gut und Blut eingesetzt; wenn wir jetzt den Lohn für unsere Thaten fordern, verlangen wir nur was recht und billig ist. […] Die Furcht vor der Einmischung eifersüchtiger Nationen bei Erwerbung von deutschem Colonial-Besitz ist eine reine Gespensterfurcht. In allen Fällen aber ist es der deutschen Nation nicht würdig, nationale Bedürfnisse unbefriedigt zu lassen, lediglich aus Furcht, anderen Nationen zu mißfallen! Bezeichnenderweise beschrieb von Maltzahn die angestrebten Kolonien als herrenlose Gebiete, die es zu kultivieren gelte.

Zum Abschluss wählte die Versammlung Fürst Hermann zum Präsidenten des Vereins. In der Satzung wurde der Vereinszweck festgelegt: Der Deutsche Kolonial-Verein hat sich die Aufgabe gestellt, das Verständnis der Notwendigkeit, die nationale Arbeit dem Gebiete der Kolonisation zuzuwenden, in immer weitere Kreise zu tragen, für die darauf gerichteten in unserem Vaterlande bisher getrennt auftretenden Bestrebungen einen Mittelpunkt zu bilden und eine praktische Lösung der Kolonialfrage anzubahnen.

Der Nachlass von Fürst Hermann im Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein birgt entsprechend seiner hervorgehobenen Rolle umfangreiche Unterlagen zur Geschichte des Deutschen Colonialvereins und der aus ihm hervorgegangenen Deutschen Kolonialgesellschaft, zu deren Präsidenten er ebenso gewählt wurde. Er dokumentiert aus der Zeit von 1879 bis 1910 verschiedenste Erkundungen und Expeditionen, Ankäufe und die Gründung von Vereinen und Gesellschaften zur Verwaltung der Schutzgebiete, Projekte zum Eisenbahnbau und zur Einrichtung von Schulen genauso wie die Auswanderung nach Deutsch-Südwestafrika, wirtschaftliche Projekte des Fürsten oder Antisklavereibestrebungen.

Ulrich Schludi und Jan Wiechert

Quelle: Archivnachrichten 58 (2019), S. 7