Eine gute Partie? Die Brautkrone als Statussymbol

Von Carmen Anton

Trachten aus dem Schwarzwalde, St. Georgen Braut, 1891 [Copyright: Badisches Landesmuseum Karlsruhe]

Trachten aus dem Schwarzwalde, St. Georgen Braut, 1891 [Copyright: Badisches Landesmuseum Karlsruhe]

Der Schäppel, auch „Schappel“ oder „Schapel“, bezeichnet eine üppige, kronenartige Kopfbedeckung, die von ledigen Mädchen und Frauen ab der Kommunion bzw. Konfirmation zu bestimmten hohen Feiertagen sowie in seiner ursprünglichen Verwendung als Brautkrone getragen wird. Sowohl evangelische als auch katholische Trachtenmoden adaptierten diesen Kopfputz in ihr Brauchtum. Sein konzeptioneller Ursprung lässt sich bis in das frühe Mittelalter zurückverfolgen, wenn von verzierten Kopfbinden die Rede ist, welche für eine Braut erstanden wurden.

Später, ab dem 13. Jahrhundert, wurde der Reif zum Kopfschmuck für junge, adlige Männer wie auch Damen. Zunächst aus Blumengeflechten gefertigt, ähnlich einem antiken Lorbeerkranz, differenzierte sich der mittelalterliche Schapel zu einem aus Edelmetall gefertigten und kunstvoll verzierten Reif aus.

Die mit der Entwicklung der Trachten implementierte Gestalt eines opulent dekorierten, den Kopf nicht länger umfassenden, sondern darauf befestigten Rings, erinnert auf den ersten Blick bloß noch entfernt an seine Urform. Bei genauerer Betrachtung lässt sich in dem Schäppel jedoch eine durch die Jahrhunderte hindurch erfolgte Multiplikation der Form des einstigen Reifs erkennen, welche sich auf über lange Zeitintervalle hinweg erfolgte Dekoration und Modifikation des Kopfschmucks, nicht zuletzt auch im Wetteifer mit anderen Trägern, zurückführen lässt.

Gefertigt wird der Schäppel basierend auf einem Unterbau aus Holz- und Pappreifen. Die enorme Dimension des Stückes macht den Gebrauch besonders leichter Materialien im Sinne der Tragbarkeit unumgänglich. Geschmückt wird dieses Gerüst üppig und funkelnd mit Glasperlen, seltener echten Granatsteinen, Leichtmetallplättchen, glänzendem Draht, kleinen Spiegeln und Flitterkreisen. Vom Schäppel herab hängen bunte, oft reich mit Stickereien und Perlen verzierte Bänder, welche bis zum Rocksaum hinabfallen können. Hergestellt wurde ein Schäppel zumeist professionell, obwohl es sich hierbei um keinen offiziellen Lehrberuf handelte. Dennoch erforderte die Fertigung großes Geschick, Erfahrung und natürlich auch einen gewissen Geschmack, weswegen sich einzelne hauptberufliche Handwerker in diesem Bereich verdingten. Symbolisch soll die geschlossene Ringform dieses Kopfputzes die Unberührtheit seiner jungen Trägerin ausdrücken und steht ferner im Kontext mit der Verehrung der heiligen Maria als jungfräuliche „Himmelskönigin“. Entsprechend war es schwangeren Bräuten und Witwen bei der zweiten Heirat nicht gestattet, diese Brautkrone zu tragen.

 Schäppel aus Nassig, 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts [Copyright: Badisches Landesmuseum Karlsruhe]
Schäppel aus Nassig, 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts [Copyright: Badisches Landesmuseum Karlsruhe]
Über den so kommunizierten Aspekt unberührter Jungfräulichkeit hinaus entwickelte sich der Schäppel zu einem Statussymbol. Die Prachtentfaltung in Ausmaß und Gestaltung dieser individuell gefertigten Kopfbedeckungen korrelierte mit dem Vermögen einer Familie. So erfüllte der Trachtenschmuck einmal mehr seine Rolle als sprechende Kleidung, erlaubte er es doch dem Betrachter, Rückschlüsse über die Mitgift einer möglichen Braut zu ziehen. Belegt ist, dass der Schäppel in seiner Frühzeit auch zum Anlass einer Hochzeit geliehen werden konnte, um sich so die entsprechenden Anschaffungskosten zu ersparen. Dies erfolgte zumeist beim Gemeindepriester oder der Pastorsfrau. Aufgrund seiner enormen Bedeutung für den Ausdruck der gesellschaftlichen Stellung einer Familie wurde hierauf jedoch bald verzichtet und die Bauern investierten lieber in eigene Schäppel. Bei aller Verwurzelung des Schäppels in Vorstellungen der Volksfrömmigkeit ist er nicht frei von der Verbindung mit vorchristlichen, magischen Vorstellungen des Volksglaubens, wie es für Brauchtum oft der Fall ist. Man ging davon aus, der glänzende, teils spiegelnde Schmuck sei dazu im Stande, böse Geister zu vertreiben und so seine Trägerin zu schützen. Der Volkslgaube begsagte, ein solches Geschöpf, das sein eigenes Angesicht darin gebrochen und reflektiert erkenne, müsse vor Schreck vor seiner eigenen Abscheulichkeit fliehen.

Literatur

  • Fuchs, Felizitas (Hrsg.), Die Wälder und ihr Kleid. Bäuerliche Kleidung zwischen Politik und Privatsache. Das Beispiel der Lehengerichter Tracht. Begleitheft zur Ausstellung ab Juli 1995, in: Schriften der Städtischen Museen Schiltach, Schiltach 1995.
  • Schöck, Gustav, Tracht und Kleidung. In: Blümcke, Martin (Hrsg.), Alltagskultur in Baden-Württemberg, in: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs, Band 30, Stuttgart 2003, S. 192 – 210.

 

Zitierhinweis: Carmen Anton, Eine gute Partie? Die Brautkrone als Statussymbol, in: Alltagskultur im Südwesten. URL: [...], Stand: 03.11.2020