Hagen, August 

Geburtsdatum/-ort: 10.02.1889;  Spaichingen
Sterbedatum/-ort: 27.01.1963;  Spaichingen
Beruf/Funktion:
  • Kirchenrechtler, Generalvikar des Bistums Rottenburg-Stuttgart
Kurzbiografie: 1899-1905 Lateinschule Spaichingen, ab 1903 Rottenburg
1905-1909 Obergymnasium und Konvikt Rottweil
1909-1913 Studium der katholischen Theologie an der Universität Tübingen (Wilhelmsstift)
1914 Priesterweihe, anschließend in der Seelsorge
1922 Repetent am Wilhelmsstift in Tübingen
1925 Dr. sc. pol. in Tübingen bei Heinrich Pohl: „Das Papsttum und die Erledigung internationaler Streitigkeiten“
1928 Dr. theol. in Tübingen bei Josef Löhr (Kirchenrecht): „Staat und katholische Kirche in Württemberg 1848-1862“; anschließend Pfarrer in Poltringen
1930 Privatdozent an der Katholisch-Theologischen Fakultät Tübingen
1935 Professor des Kirchenrechts an der Universität Würzburg
1947 Domkapitular in Rottenburg
1948-1959 Generalvikar der Diözese Rottenburg
1952 Apostolischer Protonotar
1954-1963 Mitglied der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg
1959 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Eltern: Vater: Franz Joseph (1853-1924), Bauer und Weber
Mutter: Franziska, geb. Schumacher (1856-1921)
Geschwister: 5: alle unverheiratet, 2 in Orden eingetreten
GND-ID: GND/120578158

Biografie: Paul Kopf (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 4, 119-121

Die Ausbildung des katholischen Geistlichen Hagen entspricht dem bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts klassischen Weg der schwäbischen Theologen seit der Gründung der Diözese Rottenburg 1821. Nach der Einschulung in der Heimatstadt Spaichingen besuchte das zweite von sechs Kindern von 1899 bis 1903 die Lateinschule in Spaichingen. Um eine gute Vorbereitung zum Landexamen, einem landesweiten Auswahlverfahren mit Numerus clausus für die Vergabe staatlicher Freiplätze zum Eintritt in eines der beiden niederen Konvikte (Ehingen oder Rottweil) und deren Gymnasium zu erhalten, wechselte Hagen 1903 in die Lateinschule Rottenburg und bestand 1905 als 24. von 64 Kandidaten, wovon 31 aus der Rottenburger Lateinschule kamen, die Prüfung, womit ein Freiplatz im Konvikt Rottweil verbunden war. Dort meldete sich Hagen 1909 zur sogenannten Konkursprüfung, der erschwerten Reifeprüfung für die Universität und das Wilhelmsstift in Tübingen, womit wiederum eine staatliche Förderung zur Vorbereitung des geistlichen Berufes in Württemberg zu erreichen war. Diese Begabtenförderung bedeutete vor allem für kinderreiche Familien eine materielle Entlastung bei der Ausbildung ihrer Kinder, ja ermöglichte zumeist erst eine Bildungschance. Als 11. von 45 Kandidaten bestand Hagen das gefürchtete Examen. Sein Direktor im Konvikt charakterisierte den Kandidaten dabei als herben, aber offenen Charakter, zählte ihn zu den besser begabten des Kurses: „Nebenbei betätigte er Interesse für andere Wissensgebiete – Ästhetik und Volkswirtschaft –, das aber einer einschränkenden Leitung empfohlen werden möchte.“
Hagens Tübinger Studienjahre wurden für Studenten und Professoren recht unruhig. Spannungen um die Ablegung des Modernisteneides nach der Enzyklika „Pascendi“ durch Papst Pius X. 1907 spalteten das Professorenkollegium, was 1912 zu offenen und erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Bischof Paul Wilhelm von Keppler und den Professoren der Katholisch-Theologischen Fakultät führte, wobei der renommierte Dogmatiker Wilhelm Koch sein Lehramt verlor.
Im Sommer 1913 schloss Hagen das Studium in Tübingen mit der Note 1b als 4. von 36 Kandidaten ab, wobei die Fächer Kirchenrecht, Moral, Kirchengeschichte und Pastoral zu seinen bevorzugten geworden waren. Im Herbst erfolgte die Einberufung in das Priesterseminar Rottenburg. Dort durfte Hagen für ein Jahr als Regens den Priestererzieher und späteren Weihbischof Franz Josef Fischer erleben. Wenige Tage vor Ausbruch des I. Weltkrieges, am 22. Juli 1914 wurde Hagen mit 27 weiteren Alumnen zum Priester geweiht.
In der Diasporagemeinde Esslingen war Hagen von September 1914 bis April 1922 als Vikar tätig, um dann bis 1928 als Repetent im Wilhelmsstift Tübingen zu wirken, wo er bereits 1924 mit dem damals sehr aktuellen Thema „Das Papsttum und die Erledigung internationaler Streitigkeiten“ zum Dr. sc. pol. promovierte. 1928 legte Hagen ein Werk über Staat und Kirche in Württemberg 1848 – 1862 vor, das seine wissenschaftliche Arbeit nachhaltig beeinflusste. Die 1930 vorgelegte Habilitationsschrift des seit Sommer 1928 in der Pfarrei Poltringen, unweit von Rottenburg, wirkenden Pfarrers behandelte den „Mischehestreit in Württemberg (1837-1855)“. Vom Pfarramt weg wurde der Tübinger Privatdozent 1935 an die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Würzburg als ordentlicher Professor für Kirchenrecht berufen. Der anerkannte theologische Lehrer wurde jedoch 1947 in den Dienst seiner Heimatdiözese gebeten. Der Neubeginn nach 1945 erforderte versierte Seelsorger und Juristen.
Der 1945 aus der Verbannung durch die Nationalsozialisten heimgekehrte Bischof Johannes Baptista Sproll, der an multipler Sklerose schwer erkrankt war, kannte den Seelsorger und Kanonisten seit Jahren aus nächster Nähe. So folgte der neue Domkapitular und Offizial Hagen nach dem Tod von Generalvikar Max Kottmann 1948 diesem im Amte nach, wurde für die Sedisvakanz vom 4. März bis 23. Juli 1949 nach Bischof Sprolls Tod vom Domkapitel zum Kapitularvikar bestellt, um mit dem Amtsantritt von Bischof Carl Joseph Leiprecht am 23. Juli 1949 wieder mit dem Amt des Generalvikars betraut zu werden.
Mit leidenschaftlicher Hingabe widmete sich Generalvikar Hagen seiner neuen Aufgabe in Seelsorge und Verwaltung in einer völlig gewandelten Ausgangssituation. Zu den 750 000 Katholiken vor dem II. Weltkrieg kamen hunderttausende von Heimatvertriebenen hinzu, wodurch die Diözese in wenigen Jahren die 2 Millionen-Grenze erreichte. Beschwerlich wirkte auch die Trennung in die französische Besatzungszone im Süden und die amerikanische im Norden von Württemberg, außerdem, dass die Vertriebenen fast ausschließlich in die amerikanische Zone Nordwürttembergs eingewiesen wurden, für die Katholische Kirche bis dorthin fast durchweg Diasporagebiet. Gerade auf diesem Feld bewirkte der bescheidene Verwaltungsmann mit seiner unglaublichen Arbeits- und Leistungskraft fast Übermenschliches.
Der Bau neuer Kirchen in der Diözese Rottenburg nach dem II. Weltkrieg ist ein wesentliches Verdienst von Hagen 450 Kirchen von 1948 bis 1970, davon 350 in der Ära Hagen, bezeugen das einmalige Aufbauwerk, das vielfältiger seelsorgerlicher Substrukturen bedurfte. Er fuhr persönlich in die letzte Diasporagemeinde hinaus, um Bauplätze zu begutachten, deren Kauf bei oft hohen Erwerbskosten die Diözese in der Regel voll finanzierte. Hagen ging es darum, den heimatlosen Menschen eine geistige Heimat zu vermitteln.
Der schon in Studienzeiten als etwas barsch bezeichnete Einzelgänger Hagen barg in sich ein mitfühlendes Gemüt bei äußerster Bescheidenheit auch im persönlichen Lebensstil. Einfacher ging es fast nicht mehr. Trotz der vielen Verwaltungsaufgaben wollte Hagen Seelsorger bleiben, wobei ihm die Männerseelsorge besonders entgegenkam. Mit seinen priesterlichen Pflichten nahm es der oberste Verwalter der Diözese sehr ernst. Die tägliche Messfeier in einem Nebenraum des Priesterseminars, in dem sein Kurskollege und Primus des Kurses Thaddäus Hoch als Regens waltete, wurde minutiös begonnen, wobei im jährlichen Turnus ein Alumnus als Ministrant diente, und somit in vorkonziliarem Denken die Gemeinde vertrat.
Zu Verwaltung und Seelsorge kam selbstverständlich die wissenschaftliche Arbeit. Es ist erstaunlich, wie Hagen die hingebende Beschäftigung mit einer Überfülle von drängenden Verwaltungsgeschäften dank einer seltenen Konzentrationskraft und nur kurzer Ruhepausen zu vereinen wusste mit schriftstellerischen Arbeiten zu modernen Seelsorgeaufgaben und -fragen, die er in vielen kleineren Abhandlungen herausgab. Unvergessen und in der Geschichtsschreibung einen festen Platz behaltend, bleiben jedoch die großen, zum Teil mehrbändigen Werke zur Diözesangeschichte. Von 1948 bis 1963 erschienen vier Bände „Gestalten aus dem schwäbischen Katholizismus“. „Die kirchliche Aufklärung in der Diözese Rottenburg“ 1953, vor allem aber die dreibändige „Geschichte der Diözese Rottenburg“, 1956 bis 1960 und der Nachtrag „Der Reformkatholizismus in der Diözese Rottenburg 1902 bis 1920“, 1962, bewirkten, dass die Geschichte der Rottenburger Diözese weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde. Obwohl Hagen in seiner Bescheidenheit für äußere Ehrungen nicht allzu viel Verständnis aufbrachte, wurde er 1952 zum Apostolischen Protonotar ernannt und 1959 überreichte ihm Ministerpräsident Kiesinger aus Anlass seines 70. Geburtstages in einer feierlichen Akademie das Große Bundesverdienstkreuz, wobei von berufener Seite das canonistische Schaffen, das pastorale Wirken und die diözesangeschichtlichen Veröffentlichungen gewürdigt wurden.
Das Mitglied der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg ab deren Gründung 1954 verbrachte den Ruhestand in seiner Geburts- und Heimatstadt Spaichingen, bis zu seinem Tod rastlos tätig. Neben der regelmäßigen Feier des Gottesdienstes konnte er bis zuletzt aus dem Bereich der Geschichte, besonders der Beziehungen zwischen Staat und Kirche, publizistisch tätig sein. Seine letzte Veröffentlichung im Band 8 der „Lebensbilder aus Schwaben und Franken“ galt dem verdienten Tübinger Kirchenhistoriker Franz Xaver Funk (1840-1907), den Hagen als das „letzte Haupt der älteren Tübinger katholischen Schule“ mit großem Einfühlungsvermögen würdigt.
Quellen: DiözesanA Rottenburg, Personalakte; PfarrA Spaichingen, Familienregister; StAL E 211, I Bü 302, III Bü 328 u. IV Bü 52.
Werke: (Auswahl) Das Papsttum u. die Erledigung internat. Streitigkeiten, Diss. sc. pol. Tübingen, 1925; Staat u. kath. Kirche in Württemberg in den Jahren 1848-1862, Diss. theol. Tübingen, 1928; Die Rechtsstellung des hl. Stuhles nach den Lateranverträgen, 1930; Pfarrei u. Pfarrer nach dem Codex Juris Canonici, 1935; Der Kirchenaustritt nach seinen strafrechtlichen Wirkungen, 1937; Die kirchliche Mitgliedschaft, 1938; Staat, Bischof u. geistliche Erziehung in d. Diözese Rottenburg (1812-1934), 1939; Die kath. Kirchenkonvente in Württemberg, 1944; Paul Wilhelm von Keppler, Bischof von Rottenburg 1852-1926, in: Schwäb. Lebensbilder IV, 1948, 430-444; Frank Karl Felder (1766-1818) u. seine Literaturzeitung für kath. Religionslehrer, in: Tübinger Theol. Quartalschrift 1948, T. 1, 28-70, T. 2, 161-200 u. T. 3, 324-342; Gestalten aus dem Schwäb. Katholizismus, 4 Bde., 1948-1963; Prinzipien des kath. Kirchenrechts, 1949; Kirche u. Arbeiter. Referat auf d. Rottenburger Diözesansynode 1950, Handreichungen für die Seelsorge 11, 1951; Lehrer u. Elternrecht, 1952; Elternrecht u. Erziehung, 1952; Schule u. Reichskonkordat, 1953; Die kirchliche Aufklärung in d. Diözese Rottenburg, 1953; Geschichte d. Diözese Rottenburg, 3 Bde., 1956-1960; Paul Wilhelm von Keppler, Bischof von Rottenburg 1852-1926, in: Schwäb. Lebensbilder IV, 1948, 430-444; Die Genossenschaft d. Barmherzigen Schwestern zu Untermarchtal. Ein geschichtl. Abriss zu ihrem 100jährigen Bestehen, 1958; Die Kongregation d. Schulschwestern vom Dritten Orden des hl. Franziskus in Sießen. Ein geschichtl. Abriss zur Jahrhundertfeier, 1960; Carl Joseph Hefele, Bischof von Rottenburg, Professor d. Kirchengeschichte in Tübingen, in: Lebensbilder aus Schwaben u. Franken 7, 1960, 284-298; Der Reformkatholizismus in d. Diözese Rottenburg (1902-1920), 1962; Franz Xaver Funk, Professor für Kirchengeschichte an d. Univ. Tübingen, in: Lebensbilder aus Schwaben u. Franken 8, 1962, 335-351.
Nachweis: Bildnachweise: DiözesanA Rottenburg; Kath. Sonntagsblatt 111, 1965, 5 (vgl. Lit.).

Literatur: M. Miller, in: ZWLG 22, 1963, 186 f.; F. Uhl, in: Kath. Sonntagsblatt 111, 1963, 5 (mit Bild).
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