Schanzenbach, Leonhard 

Geburtsdatum/-ort: 12.10.1852;  Mingolsheim
Sterbedatum/-ort: 23.06.1938;  Freiburg i. Br.
Beruf/Funktion:
  • Prälat, Rektor des Freiburger Gymnasialkonvikts
Kurzbiografie: 1873 Abitur am Gymnasium Rastatt
1873-1877 Studium der katholischen Theologie in Freiburg und Würzburg
1877 Priesterweihe, Vikar in Menznau
1877-1879 Lehrer an der Lenderschen Lehranstalt in Sasbach bei Achern
1879-1881 Vikar in Heidelberg
1881-1919 Geistlicher Lehrer am Freiburger Berthold-Gymnasium
1881-1889 Leiter eines privaten Schülerpensionats und Wiederaufbau des Gymnasialkonvikts
1886 Prof. am Berholdgymnasium und langjähriger Militärseelsorger
1889-1929 Rektor des Freiburger Gymnasialkonvikts
1902 Erzbischöflicher Geistlicher Rat
1911 Dr. theol. h. c.
1927 Päpstlicher Hausprälat
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Eltern: Vater: Leonhard Schanzenbach, Nagelschmied und Landwirt
Mutter: Apollonia, geb. Heinzmann
Geschwister: 8
GND-ID: GND/119444941

Biografie: Werner Guldenfels (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 4 (1996), 253-255

Schanzenbach entstammte einer kinderreichen Familie in Mingolsheim (heute Ortsteil von Bad Schönborn). Sein Vater war zunächst Nagelschmied und betrieb später eine bescheidene Landwirtschaft. Da die Familie nicht mit materiellen Gütern gesegnet war, konnte erst nach dem Besuch aller Volksschulklassen ein mögliches Studium für ihn ins Auge gefaßt werden. Die Höhere Schule besuchte Schanzenbach zuerst in Bruchsal. Nach dem Abitur am Gymnasium Rastatt studierte er katholische Theologie in Freiburg und Würzburg. Daß er sich seinem Bischof gegenüber auch als Stud. theol. et iur. bezeichnete, läßt auf breitgefächerte Studien schließen. Von seinen Würzburger Hochschullehrern beeindruckten ihn besonders der feinsinnige Apologet und Dogmatiker Franz Hettinger, nachhaltiger jedoch der Kirchenhistoriker Joseph Hergenröther; der bald darauf wegen seiner wissenschaftlichen und kirchlichen Verdienste mit dem Kardinalspurpur Ausgezeichnete regte ihn auch zu eigenen Studien der byzantinischen Kirche an, und seinem Lehrer fühlte sich Schanzenbach zeitlebens in Dankbarkeit verbunden.
1877, also während des Kulturkampfs, erhielt Schanzenbach von Weihbischof Lothar von Kübel die Priesterweihe. Er gehörte somit zu den Neupriestern, die als „Sperrlinge“ in die badische Kirchengeschichte eingegangen sind. Weil es ihn aber wie alle seine Kursgenossen in die Seelsorge drängte, nahm er eine Vikarsstelle in Menznau (Kanton Solothurn) an, die ihm Freunde vermittelt hatten. Doch konnte er nur zwei Monate die Gastfreundschaft der Eidgenossen in Anspruch nehmen. Der Sasbacher Pfarrer und Reichstagsabgeordnete Franz Xaver Lender hatte ihn erfolgreich vom Oberhirten für eine Lehrtätigkeit an seiner im Entstehen begriffenen Schule angefordert. So mußte sich Schanzenbach wohl oder übel fügen. Sein damals geäußertes Wort „quem dei oderunt, paedagogum fecerunt“ darf man freilich nicht überbewerten. Denn die Pädagogik wurde zu seinem Lebensinhalt. Für mehr als ein halbes Jahrhundert wurde er zu einem begeisterten und begeisternden Erzieher und Lehrer.
Im Herbst 1879 kam Schanzenbach nach Sasbach. Obgleich er nur zwei Jahre hier wirkte, hat er doch die Frühzeit der Lenderschule geprägt. Dabei bekam er eine Überfülle an Arbeit aufgebürdet, die er mit Bravour gemeistert hat. „In Sasbach habe ich arbeiten gelernt“, meinte er einmal und betonte stets, daß Lender sein großes Vorbild gewesen sei. Allerdings ist auch nicht zu übersehen, daß ihm in jungen Jahren eine gewisse Starrheit eigen war, die sich besonders gegenüber geistlichen Mitbrüdern äußerte, wenn sie nicht seinem Priesterideal entsprachen. Doch brachte auch bei ihm das reifere Leben die Milde, wie sie große Charaktere auszeichnet. Denn trotz allem war bei Schanzenbach die Güte entscheidender Wesenszug. Nach Beilegung des Kulturkampfs wurde Schanzenbach auf eigenen Wunsch als Vikar nach Heidelberg versetzt. Hier nahm er zugleich die Gelegenheit wahr, seine philologischen Studien fortzusetzen, die ihm wie auch die der Orientalistik zeitlebens am Herzen lagen. Man sagte ihm nach, daß er mehr als ein halbes Dutzend Fremdsprachen beherrscht habe. Allerdings holte ihn die Kirchenbehörde schon 1881 als geistlichen Lehrer ans Freiburger Berthold-Gymnasium. 1886 erhielt er den Titel eines Professors. In Freiburg begann er unter großem persönlichen Einsatz die Wiederbelebung des im Kulturkampf geschlossenen Gymnasialkonvikts, das er als „Schanzenbach'sches Privatpensionat“ gleichsam im Schatten der Universitätskirche aufbaute. Zu seinen damaligen Zöglingen gehörten u. a. der spätere Erzbischof Karl Fritz und Pater Augustin Merk, der wie Augustin Bea einmal Exeget am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom und Beichtvater von Papst Pius XII. werden sollte. Nach Gesetzesänderungen wurde das Pensionat 1889 als erzbischöfliches Gymnasialkonvikt zugelassen. Schanzenbach wurde sein erster Rektor. Daneben wirkte er längere Zeit als Seelsorger des Freiburger Infanterie-Regiments, was auch seiner Neigung zu militärischer Straffheit entsprach.
Weil das Netz Höherer Schulen damals noch nicht so dicht geknüpft war wie heute, waren gerade weniger begüterte Eltern auf dem Lande dankbar, daß ihren Söhnen durch Aufnahme in das Freiburger Konvikt nun wieder eine Gymnasialausbildung ermöglicht wurde. Der Zustrom junger Menschen war deshalb beträchtlich. Da man bald unter Raumnot litt, erfüllte es Schanzenbach mit Genugtuung, als er 1889 mit seinen Zöglingen den Neubau in der Zähringerstraße 11 mit 220 Internatsplätzen beziehen konnte. Zahllosen jungen Menschen schuf Schanzenbach in seinem Haus eine geistige und geistliche Atmosphäre, die sie zum Priestertum heranreifen ließ. Anläßlich seines 25jährigen Jubiläums als Rektor wurde rühmend betont, daß ein Gutteil des badischen Klerus aus dem Freiburger Gymnasialkonvikt hervorgegangen war. Schon in Sasbach hatte man in Schanzenbach einen Lehrer gesehen, der die Gabe methodischer Darbietung vollendet beherrschte. Strenge und Nachsicht klug paarend, war er bei seinen Schülern hoch angesehen. Ungewöhnlich für die damalige Zeit war sein ausgeprägt ökumenisches Empfinden. Dieses und sein damit verbundenes Verständnis für Andersgläubige schätzten besonders seine nichtkatholischen Schüler. Auf hervorragende Weise verstand er es, die Tiefen der jugendlichen Psyche auszuloten und zu helfen, wo immer er nur konnte. Zu Recht betont Klaus Gaßner (Konradsblatt), daß seine Schüler, unter ihnen der spätere Erzbischof Hermann Schäufele und der Philosoph Martin Heidegger, an ihrem Rektor vor allem dessen nachsichtiges und einfühlendes Wesen lobten. Besonders war Schanzenbach auch darauf bedacht, den ihm Anvertrauten in seinem Internat nicht bloße Unterkunft, sondern ein echtes Heim zu bieten. Deshalb bemühte er sich gerade im neuen Haus um die Förderung geselligen Lebens, was ihm auf mannigfache Weise gedankt wurde.
Darüber hinaus hat sich Schanzenbach auch dadurch bleibende Verdienste erworben, daß er die Präfekten des Freiburger Gymnasialkonvikts, deren Auswahl ihm besonders am Herzen lag, zu eigener Lehrtätigkeit anregte. Stets veranlaßte er sie auch, Vorlesungen und Übungen an der Universität zu besuchen und sich so auf das höhere Lehramt vorzubereiten. Dadurch erhielt die Freiburger Erzdiözese in aller Stille und ohne Kosten eine stattliche Zahl voll ausgebildeter Religionslehrer mit philologischer und mathematisch-naturwissenschaftlicher Lehrbefähigung. Einige von ihnen verschrieben sich auch ganz der Wissenschaft wie etwa Artur Allgeier, der bekannte Alttestamentler und erste Universitätsrektor nach dem Zusammenbruch der Hitlerherrschaft, sowie der Pastoraltheologe Linus Bopp. Auch zwei spätere Leiter der Sasbacher Lenderschule, Fridolin Amann und Wilhelm Benz, waren unter Schanzenbach Präfekten. Leider hinderten ihn die jahrzehntelange Doppelbelastung, als Lehrer mit vollem Deputat zu unterrichten und die Pflichten des Rektors eines Großinternats wahrzunehmen, an eigenen Veröffentlichungen. So trug Schanzenbach entscheidend dazu bei, daß die durch den Kulturkampf entstandenen Lücken im Diözesanklerus rasch wieder aufgefüllt werden konnten. Mit Fug und Recht darf man sagen, daß der Aufbau des katholischen Bildungswesens nach der Jahrhundertwende besonders auch ihm zu verdanken ist. Deshalb blieben Ehrungen nicht aus. Zum goldenen und diamantenen Priesterjubiläum dankten ihm die Erzbischöfe Karl Fritz und Conrad Gröber in umfangreichen Handschreiben für sein Lebenswerk, während ihm der badische Großherzog schon früh durch eine Ordensverleihung seine Anerkennung ausgedrückt hatte. Nachdem Schanzenbach 1902 Erzbischöflicher Geistlicher Rat geworden war, ernannte ihn Papst Pius XI. 1927 zum Päpstlichen Hausprälat. 1911 verlieh ihm die theologische Fakultät der Universität Freiburg im Hinblick auf seine Bildungsarbeit die Würde eines Ehrendoktors. Und schließlich entschloß sich 1992 auch die Heimatgemeinde anlässlich seines 140. Geburtstags zu postumer Ehrung ihres Ehrenbürgers.
Schanzenbach war eine gewinnende Persönlichkeit. Freundschaften, die ihm Herzensangelegenheit waren, pflegte er zeitlebens. Eng befreundet war er mit Hermann Schindler, dem Leiter seiner einstigen Sasbacher Schule, mit dem er mehrere Auslandsreisen unternahm. Vor allem bereiteten ihm jedoch die Besuche ehemaliger Schüler Freude und Genugtuung, von denen auch einige, wie z. B. der Freiburger Dogmatiker Engelbert Krebs, zu seinen vertrauten Freunden wurden. Dank seinem ausgezeichneten Gedächtnis konnte rasch auch die Verbindung zu weit zurückliegenden Jahren wieder hergestellt werden. Seine persönliche Anspruchslosigkeit war mit gern in Anspruch genommener Mildtätigkeit verbunden.
Wie sehr sich Schanzenbach der studierenden Jugend verbunden fühlte, bewies er auch dadurch, daß er nach seiner Pensionierung als Gymnasiallehrer noch für ein Jahrzehnt Rektor des Gymnasialkonvikts blieb. Selbst während dieser Jahre gab er unermüdlich Unterricht, wenn es galt Einschulungen vorzunehmen, schwächeren Schülern zu helfen oder Kurse verschiedener Art zu halten. Auch nach seinem Rücktritt als Rektor wollte er weiter im Gymnasialkonvikt wohnen bleiben. Seinem Wunsch entsprach die Kirchenbehörde schon deshalb gern, weil sie die berechtigte Hoffnung hegte, daß er angesichts möglicher Gefährdung durch die Nationalsozialisten seinem Nachfolger mit Rat und Tat zur Seite stehen würde. Im Gymnasialkonvikt verstarb Schanzenbach im gesegneten Alter von 86 Jahren. Die letzte Ruhe fand er in seiner Heimatgemeinde Mingolsheim, wo er regelmäßig Ferien verbracht hatte und wo er unter reger Anteilnahme aus nah und fern im längst vorbereiteten Grab beigesetzt wurde.
Nachweis: Bildnachweise: Fotos in: Der Sasbacher 1/1927, Schanzenbach 3 (als Theologiestudent) u. als Titelbild der oben zitierten FS z. goldenen Priesterjubiläum (signiertes Altersbild).

Literatur: FS z. Feier d. goldenen Priesterjubiläums d. Hochw. Herrn Rektors L. Schanzenbach, hg. v. d. aktiven Präfekten d. Erzbischöfl. Gymnasialkonvikts Freiburg i. Br., Freiburg 1927; Artur Allgeier L. Schanzenbach, in: FDA 68/1941, 27 f.; Linus Bopp, L. Schanzenbach, in: Oberrhein. Pastoralblatt 53/1952, 253 ff.; Wirken f. d. Heimschule Lender, in: Werner Guldenfels, Hundert Jahre Heimschule Lender, Bühl 1975, 23 ff. u. in: „Lenders erste Lehrer“, in: Der Sasbacher 1987, 133 ff.; Klaus Gaßner, L. Schanzenbach – Bildungswesen in der Erzdiözese deutlich geprägt, in: BNN Nr. 236 v. 12. 10. 1992, Schanzenbach 12; ders.: ... Wen die Götter verschmähen! Vor 140 Jahren wurde L. Schanzenbach geboren, in: Konradsblatt 42, 1992, 7; ders., L. Schanzenbach u. d. Freiburger Gymnasialkonvikt, in: FDA 112/1992, Freiburg 1993, 265 ff.; zur Anlage des „Kath. Knabenpensionats“ mit Abbildungen u. Grundriß d. Erdgeschosses, in: Freiburg im Breisgau – die Stadt u. ihre Bauten, hg. v. bad. Architekten u. Ingenieurverein Freiburg 1898. 551 ff.
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