Das Gesundheitsmanagement der Zentralleitung des Wohltätigkeitsvereins (1817-1914)

Als Anleitung zur gesunden und kostengünstigen Ernährung veröffentlichte der Stuttgarter Lokalwohltätigkeitsverein 1896 eigens ein Kochbuch (Quelle: Landesarchiv BW, StAL F 240/1 Bü 318)
Als Anleitung zur gesunden und kostengünstigen Ernährung veröffentlichte der Stuttgarter Lokalwohltätigkeitsverein 1896 eigens ein Kochbuch (Quelle: Landesarchiv BW, StAL F 240/1 Bü 318)

Das Königreich Württemberg hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts zunehmend mit einer steigenden Armenlast zu kämpfen. Auch der deutliche Anstieg des Vagantentums, also die vielerorts präsenten Bettler und ortsfremden Armen, stellten die Städte und Dörfer vor allem im Falle einer Erkrankung verstärkt vor Probleme. Selbst seither bewährte Maßnahmen brachten keine Besserung. Neben einer Intensivierung der Jugend- und Bildungsarbeit sah die Zentralleitung des Wohltätigkeitsvereins daher eine ihrer Hauptaufgaben in der „Förderung der Krankenpflege und die Gewährung von Beihilfen für einzelne Personen bei sonstigen außerordentlichen Nothfällen“. Man wollte so einer Verarmung durch Erkrankung und dem oftmals daraus resultierenden Bettel entgegenwirken.

Die Zentralleitung war bezüglich ihrer Hilfsmaßnahmen breit aufgestellt: Diese umfassten zunächst die Fürsorge für Einzelpersonen, die entweder durch eine direkte finanzielle Unterstützung oder die Vermittlung an kompetente Ansprechpartner, wie Vereine oder Anstalten, stattfand. Auch im Rahmen von Visitationen konnte vor Ort auf Missstände in der Armenversorgung hingewiesen oder direkt eingegriffen werden. Als Förderer des Vereinswesens, das sich in diesem Fall der Krankenversorgung und Gesundheitsvorsorge widmete, versuchte die Zentralleitung, möglichst viele hilfsbedürftige Kranke zu erreichen. Neben den örtlichen Krankenvereinen zählten hierzu auch landesweit agierende Vereinigungen wie der ‚Verein für Unterstützung armer kranker Landleute in Stuttgart‘, der aufgrund seines Mitgliedsbeitrags von einem Kreuzer wöchentlich als ‚Kreuzer-Verein‘ bekannt war. Die Unterstützung karitativer und medizinischer Einrichtungen – 1857 bestanden in Württemberg neben zahlreichen kleineren Einrichtungen 13 große private und staatliche Krankenanstalten – erfolgte vorwiegend in materieller Form. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahm die Zentralleitung bei der Einrichtung der ersten Trinkerheilstätte, dem ‚Zieglerstift‘ in Wilhelmsdorf, sogar eine Schlüsselrolle ein. Ergänzend übernahm die Zentralleitung die Koordination und Vermittlung der Krankenversorgung. Dazu zählten die Förderung und Organisation der Behandlung durch Armenärzte und Pflegekräfte, die dauerhafte Bereitstellung von Medikamenten, Nahrung sowie Krankenpflegemitteln.

Aus einer zeitgenössischen Quelle:

Die Zentralleitung erhielt regelmäßige Informationen über die von ihr unterstützten Einzelpersonen, hier ein Ausschnitt aus dem Zeugnis der Paulinenpflege Winnenden für den taubstummen Bernhard Sauer vom 14. Januar 1826:

„[…] Was seine religiöse Bildung betrifft, so sind ihm die allgemeinen Wahrheiten der natürlichen Religion nicht nur, sondern auch die besondere der christlichen, so weit ihm leztere, für welche noch kein besonderer Unterricht statt finden konnte, aus Anlaß der Feste mitgetheilt wurden, freylich eben die besondere christliche Heilslehren noch ziemlich unvollständig, bekannt. Aber er kennt diese Wahrheiten nicht nur, sondern er fühlt ihre Kraft auch an seinem Herzen, wie wir diese liebliche Erfahrung an mehreren Taubstummen machen. Ihr inneres Leben abgeschlossen von der Außenwelt, bewegt sich inniger, u.[nd] beschämend für Hörende ist die Andacht, die sich mit ihrer Weise ausdrückt, wenn sie ihr Morgen- und Abendgebet [Anmerkung: wozu ihnen eigens für sie verfasste Formularien gegeben u. verständlich gemacht worden sind] (lesend) verrichten. Ja sie sind schon öfters aus eigenem Antrieb Feiernd gefunden worden, um auf ihre Weise mit dem zu reden, der keiner Worte bedarf. Was hier von einigen unserer taubstummen Zöglinge gesagt ist, gilt besonders von Bernhard Sauer. […]“

Aus: Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg E 191 Bü 1470.

Dank des reichhaltigen Erfahrungsschatzes und des großen Netzwerkes der Zentralleitung konnte diese von der Regierung als Multiplikator in Krisenzeiten eingesetzt werden, wie etwa bei der Behandlung des Typhus in den 1850er Jahren, bei der Vorsorge im Zuge der Choleraepidemien im gesamten 19. Jahrhundert und bei der Bekämpfung der Tuberkulose zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Beate Dettinger

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Quellen und weitere Informationen zum Thema unter

Dettinger, Beate: Das Gesundheitsmanagement der Zentralleitung des Wohltätigkeitsvereins (1817-1914).

In: Holtz, Sabine (Hg.): Hilfe zur Selbsthilfe. 200 Jahre Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg. Baden-Baden 2016, S. 70-97.

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