Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe K.d.ö.R.

Gelebte jüdische Vielfalt in der Fächerstadt

Inschrift des Portals der Weinbrenner-Synagoge „Und er brachte mich zum Eingang des Hauses des Herrn“

Beitrag der IRG Baden

Die neue Synagoge in Karlsruhe (Einweihung 1971) Knielanger Allee 11 [Quelle: IRG Baden, Foto: Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe]  
Die neue Synagoge in Karlsruhe (Einweihung 1971) Knielanger Allee 11 [Quelle: IRG Baden, Foto: Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe]

Die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe ist mit rund 870 Mitgliedern die größte der zehn jüdischen Gemeinden in Baden. Dreh- und Angelpunkt des jüdischen Lebens bildet die in Form eines Davidsterns erbaute Synagoge mit Gemeindezentrum im Grün der Karlsruher Nordstadt. Den Mitgliedern der lebendigen Gemeinde steht eine Fülle an interessanten Angeboten offen. Besonders beliebt ist das Jugendzentrum „Re´ut“ (Freundschaft), das den jüdischen Kindern und Jugendlichen ein abwechslungsreiches Programm mit sportlichen, kreativen und identitätsstiftenden Aktivitäten bietet. Für die Älteren stehen ein Seniorentreff und ein Seniorencafé zur Verfügung. Weitere Angebote (Sprachkurse in Deutsch und Hebräisch, EDV-Kurse, Schachclub, Bibliothek, israelische Tänze, Kunststudio, et cetera) fördern das aktive Gemeindeleben. Daneben gibt es einen Integrationskurs und eine sehr engagierte Bikkur-Cholim-Gruppe, die tatkräftig zum Beispiel mit Begleitung bei Amts- und Arztbesuchen unterstützt. Über die Gemeinde hinaus begeistert der Chor „Alef“ mit seinem Repertoire an jiddischen, israelischen und russischen Liedern. Die Freunde des Sports unter den Mitgliedern treffen sich im jüdischen Sportverein Makkabi Karlsruhe. Wichtig sind der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe die engen und freundschaftlichen Beziehungen im interreligiösen Dialog. Veranstaltungen, Konzerte, Vorträge, Lesungen und Ausstellungen bereichern das kulturelle Gemeindeleben, laden zu interessanten Begegnungen ein und vermitteln Gästen den großen Schatz der jüdischen Kultur.

Geschichte

Bereits seit dem Mittelalter lebten Juden in Durlach und später auch in Grötzingen. Als 1715 Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach zur Gründung der in Form einer Sonne angelegten Residenzstadt Karlsruhe mit einem Privileg die freie Religionsausübung garantierte, folgte ab 1717 der Zuzug erster jüdischer Familien. Die junge jüdische Gemeinde in Karlsruhe legte 1724 eine Synagoge, eine Mikwe und einen Friedhof außerhalb der Stadt beim Rüppurrer Tor an. 1800 zählte die Israelitische Kultusgemeinde Karlsruhe bereits etwa 530 Mitglieder und beauftragte Architekt Friedrich Weinbrenner mit dem Neubau einer Synagoge, die 1806 in der Kronenstraße eingeweiht werden konnte.

Das Judenedikt 1809 des Großherzogs von Baden leitete die rechtliche Gleichstellung der Juden ein. Damit einher ging die Gründung des Oberrats der Israeliten Badens, der in Karlsruhe angesiedelt wurde. Viele jüdische Firmen waren im 19. Jahrhundert beim Aufblühen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens der Stadt beteiligt. Um 1820 gründete Bankier Salomon Haber zusammen mit zehn jüdischen Familien den „Karlsruher Tempelverein“ nach Berliner beziehungsweise Hamburger Vorbild, eine der frühesten religiösen Reforminitiativen des deutschen Judentums. Als in den 1860er-Jahren die Israelitische Kultusgemeinde Karlsruhe einen reformierten G´ttesdienst einführen wollte, traten orthodox orientierte Karlsruher Juden dem allmählichen Verlust jüdischer Traditionen entgegen und gründeten 1869 die kleine Gemeinde „Israelitische Religionsgemeinschaft“ mit eigener Synagoge (in der Karl-Friedrich-Straße) und eigenem Friedhof.

1871 zerstörte ein Feuer die Weinbrenner-Synagoge, lediglich Teile des Eingangstores mit der goldenen Aufschrift „Und er brachte mich zum Eingang des Hauses des Herrn“ (Ezechiel 8,14) blieben verschont. Daraufhin wurde eine neue Synagoge nach Plänen von Prof. Josef Turm gebaut, die im Mai 1875 eingeweiht werden konnte. 1925 zählte Karlsruhe 3.386 jüdische Einwohner, die in vielen wirtschaftlichen und politischen Bereichen der Stadt vertreten waren und sich in einem dichten Netz religiöser Stiftungen und wohltätiger Vereine engagierten. Vor 1933 gab es in Karlsruhe neben den beiden Synagogen auch einen Kindergarten, eine Schule, ein Israelitisches Krankenhaus, zwei Altersheime, ein Heim für Arbeitslose, Sport-, Turn- und Kulturvereine sowie eine Vielzahl weiterer jüdischer Einrichtungen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 wurden die meisten Karlsruher Juden ins Exil getrieben und die jüdischen Industrie- und Handelsunternehmen wurden arisiert.

Beide Synagogen in Karlsruhe wurden in der Pogromnacht 1938 in Brand gesetzt, die Synagoge in Grötzingen wurde ebenfalls zerstört. Von den letzten in Karlsruhe verbliebenen Juden wurden am 22. Oktober 1940 etwa 940 Personen nach Südfrankreich in das Internierungslager Camp de Gurs verschleppt. Viele von ihnen starben innerhalb des ersten Vierteljahres aufgrund der katastrophalen Lagerbedingungen. Die anderen Deportierten wurden von Gurs aus, weitere jüdische Personen 1942 direkt aus Karlsruhe, in die Ghettos und Vernichtungslager des Ostens deportiert und dort fast ausnahmslos nach Ankunft ermordet. Nur wenige von ihnen überlebten die Shoa und kehrten zurück.

Ende 1945 lebten etwa 60 Juden in Karlsruhe und wiedergründeten am 1. Dezember 1945 die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe. Im ehemaligen Vorstandszimmer der früheren Israelitischen Gemeinde in der Herrenstr. 14 bauten sie eine provisorische Nachkriegssynagoge und weihten diese 1951 ein. Die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe, die bis Mitte der 80er-Jahre mit der Jüdischen Gemeinde Pforzheim eine Synagogengemeinschaft bildete, konnte 1968-1971 in der Knielinger Allee eine neue Synagoge mit Gemeindezentrum errichten. Das Gemeindezentrum ist zugleich Sitz des Oberrates der Israeliten. In den 90er-Jahren erfuhr die Gemeinde ein starkes Wachstum durch die Zuwanderung neuer Mitglieder aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Heute ist die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe gesellschaftlich und kulturell fest in der Fächerstadt verankert, sie pflegt intensive Kontakte zu Kommunen und Institutionen und ist ein offenes Haus, dem die freundschaftlichen Beziehungen zu anderen Religionsgemeinschaften und Weltanschauungen wichtig sind. Interessierte, die das Judentum kennen lernen möchten, sind jederzeit herzlich willkommen. Die Gemeinde bietet Synagogenführungen nach Anmeldung an.

Zitierhinweis: Israelitische Religionsgemeinschaft Baden, Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe K.d.ö.R., in: Jüdisches Leben im Südwesten, URL: […], Stand: 20.02.2023.

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