Hermann der Lahme (1013-1054) – Gelehrter und Dichter im Kloster Reichenau

 

Hermann der Lahme, Darstellung aus der Zeit um 1745 auf einer Ofen-Kachel, Schatzkammer des Münsters von Reichenau-Mittelzell [Quelle: Wikipedia]
Hermann der Lahme, Darstellung aus der Zeit um 1745 auf einer Ofen-Kachel, Schatzkammer des Münsters von Reichenau-Mittelzell [Quelle: Wikipedia]

Hermann kam 1013 als Sohn der gräflichen Familie von Altshausen im dortigen Schloss zur Welt. Aufgrund einer starken Behinderung erhielt er den Beinamen Contractus - der Lahme. Möglicherweise bestand diese Behinderung schon im Kindesalter. Bei den beschriebenen Symptomen könnte es sich um eine Form der ALS gehandelt haben. Er war auf fremde Hilfe angewiesen, bewegte sich mittels einer Trage und sprach unter großer Anstrengung. Mit sieben Jahren kam Hermann ins Benediktinerkloster Reichenau, einer der führenden Stätten von Wissenschaft und Kultur in Europa, das zu dieser Zeit dem Abt Berno unterstand. Berno wurde auch zum Mentor Hermanns, der mit zwanzig Jahren die Priesterweihe erhielt.

Hermann tat sich auf verschiedenen Gebieten hervor. Eines seiner Hauptwerke ist eine Weltgeschichte – Chronicon – die mit Christi Geburt einsetzt und 1054 endet, dem Todesjahr Hermanns. Dabei bemühte er sich um eine Präzisierung der überlieferten Angaben auf der Grundlage astronomischer Belege. Astronomie und Zeitmessung, die in Klöstern im Zusammenhang mit der Festlegung kirchlicher Feste und Gebete eine wichtige Rolle spielten, waren Schwerpunkte der Tätigkeit Hermanns. Seine Leistung bestand auch in Übersetzungen und der Vermittlung von Wissen. So entstanden eine Lehrschrift zur Anwendung des Recheninstruments Abacus, eine verbesserte Kalenderberechnung mittels der Übersetzung einer Schrift zur Anwendung des Astrolabiums und mehrere Instrumente, die er selbst zur Zeit- und Kalenderbestimmung konstruierte. Die Grundlage der arithmetischen Komputistik (von lat. Berechnung) hatte der angelsächsische Mönch Beda Venerabilis (gest. 735) geschaffen. Hermann trug mit seinem 1042 entstandenen Tabellenwerk Abbrevatio computi, das eine einfache und verlässliche Zeitbestimmung ermöglichte, wesentlich zu ihrer Weiterentwicklung bei. Es darf nicht vergessen werden, dass die mittelalterliche Gelehrsamkeit immer eine Suche nach Gott in der erfahrbaren Welt darstellte. Trotzdem öffnete er mit seinen auch nach heutigem Verständnis wertvollen Darstellungen und Nachweisen den Weg für neue Entwicklungen, gerade was das Gottesverständnis anbelangt. Seine Schrift Prognostica für die Vorausbestimmung astronomischer Ereignisse trug dazu bei, die Ängste und Vorstellungen vom Weltuntergang zu entkräften.

Dass Hermann außerdem ein Notensystem sowie eine Musikordnung entwarf verwundert nicht, da Musik nach mittelalterlichen Vorstellungen eng mit Astronomie und Arithmetik verbunden war. Außerdem sind mehrere Werke seiner Dichtkunst erhalten. Ob das weltweit verbreitete Salve Regina - Gegrüßet seist du Königin – ihm zuzuordnen ist, muss offen bleiben, vieles spricht für dessen Entstehung auf der Reichenau im 11. Jh. Hermanns Chronicon und seinem Biographen Berthold ist es zu verdanken, dass die genauen Lebensdaten bekannt sind. Er wurde am 18. Juli 1013 geboren und starb am 24. September 1054. Bei Zeitgenossen galt Hermann als Wunder. Eine Heiligsprechung hat jedoch niemals stattgefunden. Nach seinem Tod wurden die sterblichen Überreste in der Schlosskirche von Altshausen beigesetzt, wo sich bis heute eine Reliquie befindet. Viele Abbildungen in Kirchen und Klöstern Oberschwabens und des Bodenseeraums erinnern an den außergewöhnlichen Mönch.

Weiterführende Infos finden Sie hier:

Seelsorgeeinheit Altshausen zur Hermannus-Ausstellung in der Schlosskirche St. Michael.

Hermannus Contractus, Internetportal der Hermannus Gemeinschaft

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