Nerz, Otto 

Geburtsdatum/-ort: 21.10.1892;  Hechingen
Sterbedatum/-ort: 19.04.1949; Sachsenhausen
Beruf/Funktion:
  • Erster Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft
Kurzbiografie: 1901 Umzug der Familie von Hechingen nach Mannheim
1901-1907 Realgymnasium Mannheim
1907-1910 Lehrerseminar in Ettlingen
1910-1924 Lehrer in Mannheim mit Unterbrechung durch Militärzeit
1914-1917 Soldat, verwundet an der Ostfront
1921 Besuch der Landesturnanstalt Karlsruhe, Fachturnlehrer
1923 Erwerb des Reifezeugnisses für das Hochschulstudium
1924 Berufung an die Deutsche Hochschule für Leibesübungen in Berlin als Lehrer für das Fach Fußball
1926 Berufung zum Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft
1927-1933 Medizinstudium an der Humboldt-Universität Berlin
1936 Promotion zum Dr. med. (Unfallschäden des Kniegelenks unter Belastung durch Arbeit und Sport)
1936 Berufung zum Direktor des Sportpraktischen Instituts der Reichsakademie für Leibesübungen
1936 Ausscheiden als Reichstrainer; Ernennung zum Referenten für die Nationalmannschaft im Fachamt Fußball
1938 Berufung zum Professor der Philosophischen Fakultät der Humboldt-Universität
1939-1945 Stabsarzt bei der Wehrmacht
1945-1949 Interniert im Speziallager des sowjetischen NKWD in Sachsenhausen
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: 1931 (Berlin) Elli, geb. Böhme (geb. 1906)
Eltern: Vater: Georg (1853-1930), Landwirt
Mutter: Josefine, geb. Nerz (!) (1863-1949)
Geschwister: 12
Kinder: 2:
Robert (geb. 1935)
Renate (geb. 1944)
GND-ID: GND/124842941

Biografie: Karl-Heinz Schwarz-Pich (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 5, 213-215

Bis zur Berufung eines Trainers für die Fußball-Nationalmannschaft durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) im Jahr 1926 betreute ein Spielausschuss, der sich aus Funktionären der Landesverbände zusammensetzte, die Mannschaft. Die Bilanz der Nationalmannschaft vom ersten Länderspiel am 5. April 1908 bis 1926 war negativ. Von 58 Spielen gingen 30 verloren, 12 endeten Unentschieden und nur 16 wurden gewonnen. Die Führung des Deutschen Fußball-Bundes unter seinem Präsidenten Felix Linnemann erkannte richtig, dass eine systematische Betreuung durch einen Fachmann zwingend geboten war, wenn Deutschland den Anschluss an die Weltspitze nicht vollends verlieren wollte. Die Wahl fiel auf Nerz, Lehrer für Fußball an der 1920 gegründeten Deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berlin, der wie kein anderer in Deutschland für den Posten des Trainers der Fußball-Nationalmannschaft prädestiniert war. Er hatte bereits Erfahrungen als Vereins-Trainer beim VfR Mannheim und bei Tennis Borussia Berlin gesammelt. Zudem galt er als der beste Kenner des englischen Fußballs, der in den 1920er Jahren immer noch eine Sonderstellung im internationalen Fußball einnahm. Monatelang hatte sich Nerz in England aufgehalten; zunächst als Journalist für das Fußball-Fachblatt „Der Kicker“, später zu Studienzwecken im Auftrag der Deutschen Hochschule für Leibesübungen. Er studierte dabei nicht nur die Spielweise der englischen Spitzenmannschaften, sondern auch die dortigen Trainingsmethoden, den Aufbau und die Führung englischer Spitzenclubs. Als angehender Mediziner interessierte sich Nerz auch dafür, wie die Clubs mit verletzten und rekonvaleszenten Spielern umgingen, in Deutschland war die medizinische Betreuung der Spieler bei den Vereinen noch sehr mangelhaft.
So richtig es war, einen Trainer für die Nationalmannschaft zu verpflichten, die damit verbundene Reform erwies sich als halbherzig; denn alle Entscheidungen bis hin zur Auswahl der Spieler und die Aufstellung der Mannschaft blieben letztendlich beim Spielausschuss, dem der Trainer weisungsgebunden war. Neuerungen, die Nerz für notwendig hielt, waren oft gar nicht oder nur schwer durchzusetzen. Hinzu kamen die Eigeninteressen der Landesverbände und der Vereine, die seine Arbeit erschwerten. Trotzdem schuf Nerz durch seine Arbeit in wenigen Jahren die Basis für den Aufstieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in die Weltspitze. Bereits 1934 bei der Weltmeisterschaft in Italien belegte Deutschland hinter dem Gastgeberland und der Tschechoslowakei einen beachtlichen dritten Platz. Vieles, was bis heute in der deutschen Nationalmannschaft praktiziert wird, geht auf ihren ersten Trainer zurück. Nerz führte erstmalig Sichtungslehrgänge für begabte Nachwuchsspieler durch und bereitete vor jedem Länderspiel die Spieler in einem Trainingslager systematisch auf das kommende Spiel vor. Dazu gehörte neben Konditionsarbeit – in den Vereinsmannschaften damals durchaus nicht selbstverständlich – auch taktische Schulung, die in Deutschland noch weitgehend unbekannt war.
Nerz war in hohem Maße Theoretiker. Dabei gelang es ihm, auch scheinbar trockenen Stoff sowohl anschaulich als auch spannend zu vermitteln. Ein ehemaliger Nationalspieler berichtete, dass Nerz z. B. eine halbe Stunde über den „Einwurf“ referieren konnte und die Spieler seinen Ausführungen von der ersten bis zur letzten Minute aufmerksam folgten. Neben der Tätigkeit als Trainer der Nationalmannschaft unterrichtete Nerz weiter an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen im Fach Fußball und nahm 1927 sein Medizinstudium wieder auf. Nebenbei schrieb er Aufsätze und Bücher über den Fußball und führte Lehrgänge für Schiedsrichter durch.
Mit der NS-Machtübernahme im Frühjahr 1933 wurde auch der Sport zur Angelegenheit des Staates. Personell gab es an der Spitze beim DFB keine Veränderung. Auch Nerz blieb in seiner Position als Trainer der Fußball-Nationalmannschaft, die neue Führung maß dem Sport aber eine besondere Bedeutung bei der Repräsentation Deutschlands gegenüber dem Ausland bei. Dies wirkte sich vorteilhaft für die Arbeit von Nerz aus. Bei der Freistellung der Spieler von ihren Arbeitgebern – die Spieler waren alle Amateure – gab es nun keine Probleme mehr, so dass die Zahl der Lehrgänge für Nationalspieler ebenso anstieg wie die Zahl der Länderspiele. Auch die Vereine mussten jetzt ihre eigenen Interessen den Belangen der Nationalmannschaft unterordnen, was bis dahin durchaus nicht selbstverständlich gewesen war; der Einfluss der Landesverbände wurde durch ihre Auflösung beseitigt.
Nerz nutzte die veränderten Bedingungen zu einer grundlegenden Reform der Nationalmannschaft, sowohl personell als auch in der Spielweise. Der Kader wurde radikal verjüngt und das Spiel auf das so genannte „WM-System“ umgestellt. An Stelle der Raumdeckung trat die Manndeckung, der Mittelläufer wurde zurückgezogen und zum Stopper umfunktioniert. Diese Umstellung fand in Deutschland zunächst keine Anhänger. Doch Nerz hatte Erfolg damit, weil er richtig erkannt hatte, dass sich diese veränderte Spielweise zwangsläufig als Antwort auf die Änderung der Abseitsregel im Jahr 1925 auswirken würde. Der angreifende Spieler war nunmehr erst beim letzten gegnerischen Feldspieler statt wie bisher bereits beim vorletzten im Abseits.
Bei der Weltmeisterschaft in Italien 1934 spielte Deutschland als erste Kontinentalmannschaft nach diesem System. Die „goldenen Dreißiger“ der deutschen Fußball-Nationalmannschaft begannen. Es war auch die Zeit großer Spielerpersönlichkeiten, des Tormanns Hans Jakob aus Regensburg, des Schalkers Fritz Szepan oder Otto Sifflings vom SV Waldhof 07, Mannheim.
Wegen seiner Berufung zum Direktor des Sportpraktischen Instituts der Reichsakademie für Leibesübungen im April 1936 gab Nerz seine hauptamtliche Tätigkeit als Trainer beim DFB auf. Um auf das fachliche Können von Nerz nicht verzichten zu müssen, wurde für ihn im Fachamt Fußball mit Beschluss vom 2. November 1936 der Posten eines Referenten für die Nationalmannschaft geschaffen. Diese Position war so definiert, dass alle Entscheidungen in Sachen Nationalmannschaft bei Nerz lagen, der wiederum dem Fachamtsleiter Felix Linnemann untergeordnet war. Mit der praktischen Arbeit wurde Seppl Herberger beauftragt, was aber zu ständigen Reiberein zwischen Nerz und Herberger führte, weil Herberger für sich mehr Vollmachten verlangte, als für ihn im Beschluss vom 2. November vorgesehen waren. Im Mai 1938 gab Nerz den Posten des Referenten der Nationalmannschaft auf.
Mit Beginn des II. Weltkriegs 1939 wurde Nerz als Militärarzt tätig. Bei den Kämpfen im Frühjahr 1945 geriet er in Berlin-Mitte mit den Insassen des von ihm geleiteten Lazaretts in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Aus politischen Gründen wurde er nach Sachsenhausen in ein Speziallager des sowjetischen NKWD eingewiesen. Anklage wurde nie gegen ihn erhoben. Am 19. April 1949 starb Nerz im Lager Sachsenhausen an den Folgen von Unterernährung. Beerdigt wurde er in einem Massengrab am Rande des Lagers.
Quellen: Nachlass O. Nerz, Berlin, Privatbesitz; Stadtarchive Mannheim, Hechingen, Karlsruhe; Berlin Document Center; LandesA Berlin; A d. Humboldt-Universität Berlin; A des Lagers Sachsenhausen; DRK-A München; Nerz-Herberger A Mannheim; VereinsA des VfR Mannheim; VereinsA Tennis Borussia Berlin; Nachlass Seppl Herberger, DFB-A Frankfurt a. M. – Tätigkeitsberichte d. Dt. Hochschule für Leibesübungen 1920-1933; Bll. für Volksgesundheit u. körperl. Erziehung, 1929-1933; Leibesübungen u. körperl. Erziehung, 1937-1942. – Fußball- bzw. Sportzeitschriftten: „Der Kicker“, Nürnberg; „Die Fußball-Woche“, Berlin; „Fußball“, München; „Allgemeine Sportzeitung“, Mannheim-Ludwigshafen; „Reichssportblatt“, Berlin; „Sportillustrierte“, Stuttgart. – Sportteile von Tageszeitungen: „Generalanzeiger“ u. „Hakenkreuzbanner“, beide Mannheim; „Der Angriff“ u. „12-Uhr-Blatt“, beide Berlin. – Angaben von Robert Nerz, Berlin.
Werke: Fussball – Wintertraining 1925; Fussball, Teil 1-8, Taschenb. d. Leibesübungen, hg. v. C. Diem, 1926-1928; Kampf um den Ball, 1933; Unfallschäden des Kniegelenks unter Belastung durch Arbeit und Sport, Diss. Med. Berlin, 1936; Fussball d. Jugend, 1939; außerdem zahlr. Beiträge in: Kicker, Fußball-Woche und 12-Uhr-Blatt zwischen 1921 u. 1943.

Literatur: Alfredo W. Pöge, Prof. Dr. Nerz – Deutschlands erster Reichstrainer, in: Fußball-Weltzeitschrift Nr. 20 vom Januar 1993, 33-40; Gerd Krämer, Im Dress der elf Besten, 1965; Carl Koppehel, Geschichte des dt. Fußballsports, 1954; Karl-Heinz Schwarz-Pich, Der Ball ist rund. Eine Seppl Herberger Biographie, 1996.
Suche
Average (0 Votes)