Das fürstliche Haus Löwenstein-Wertheim auf Reisen

Schloss Haid in Böhmen, heute Tschechien, Pläne zur Umgestaltung in gotischem Stil, um 1830 (Landesarchiv StAWt R-K Nr. 1126)
Schloss Haid in Böhmen, heute Tschechien, Pläne zur Umgestaltung in gotischem Stil, um 1830 (Landesarchiv StAWt R-K Nr. 1126)

Im 18. und 19. Jahrhundert waren Kavalierstouren eine weitverbreitete und sehr beliebte Reiseart der europäischen Adligen. Bildung war damals ausschließlich den Privilegierten vorbehalten. Es galt, Eindrücke zu sammeln, das Leben an fremden Höfen kennenzulernen und Kontakte zu Personen zu knüpfen, die sich später als vorteilhaft erweisen konnten. Daneben standen Absichten wie Erziehung und Weiterbildung der angehenden Landesherren in Sprache wie in Kultur und Glauben fremder Gegenden. Das bevorzugte Reiseziel dabei war Italien. Oft entstanden bei diesen Reisen Tagebücher, die den anderen Zeitgenossen und den Daheimgebliebenen Aufschluss über das Erlebte geben sollten. Diese Reisebeschreibungen gehen bis ins 16. und 17. Jahrhundert zurück. Daneben gibt es zahlreiche Schilderungen über Pilgerfahrten ins Heilige Land, die teilweise während der Reise von eigener Hand geführt, teilweise Mitreisenden in die Feder diktiert wurden.

So nimmt es nicht wunder, dass das erste in Wertheim überlieferte Reisebuch über die Pilgerfahrt des Grafen Albrecht zu Löwenstein (1536–1587) nach Jerusalem im Jahr 1561 berichtet.

Ein weiteres Tagebuch stammt aus der Hand des erst 16-jährigen Erbprinzen Constantin (1802–1838), in dem er seine Erlebnisse auf einer neuntägigen Reise durch Holland 1819 schildert.

Eine längere Reise unternahm in den Jahren 1857 und 1858 sein Sohn Karl Fürst zu Löwenstein (1834–1921), bevor er sich ganz seinen Pflichten als Nachfolger der bisher über ihn wachenden Vormundschaft widmete. Mit dieser Fahrt, die über Italien, Ägypten und Palästina führte, waren gleich drei Absichten verbunden. In Italien wandte er sich dem künstlerischen Erbe dieser Landschaft zu, die ihm zu dieser Zeit schon nicht mehr ganz fremd war. Außerdem suchte er die von vielen Deutschen frequentierten Höfe und Haushaltungen auf, wo er – so ganz nebenbei – auch die Augen nach einer eventuell infrage kommenden Braut aufhielt. Das Klima in Ägypten sollte seiner zarten Gesundheit zugutekommen, und auf dem Rückweg über Palästina stellte der Besuch der heiligen Stätten in Jerusalem für den überzeugten Katholiken quasi den Höhepunkt dar. Von den beiden letztgenannten Reisetagebüchern, die unter anderem auch durch Briefe nach Hause ergänzt wurden, liegen Editionen vor.

Dass diese Reisen gut organisiert waren und große Summen verschlangen, lässt sich zum Teil an den Hofhaltungsrechnungen der fürstlichen Häuser ablesen. Reiseliteratur findet sich unter Umständen in den Bibliothekslisten, die teilweise überliefert sind. Eher dem persönlichen Bereich gehören Pässe an, die sich ebenfalls in den Beständen des Staatsarchivs Wertheim finden. Die Namen der Personen, die den jungen Grafen oder Fürsten jeweils begleiteten, gehen oftmals nur aus den Tagebüchern selbst hervor.

Reisen einzelner Familienmitglieder kamen weit öfter vor, als es diese Sonderform der Ego-Dokumente vermuten lassen. Davon künden zahlreiche Briefe, die untereinander gewechselt wurden. Eine wahre Fundgrube für die Befindlichkeiten der handelnden Personen sind die Briefe, die Gräfin Charlotte zu Löwenstein (1744–1820) an den Erzieher ihrer beiden Söhne Kirchenrat Georg Heinrich Hofmann richtete. Sie hielten sich zu Studienzwecken in den Jahren 1790 und 1791 in Leipzig auf.

Der schon genannte Fürst Karl zu Löwenstein musste oft zwischen seinen Besitzungen hin und her pendeln. Dazu kam, dass der Familienwohnsitz zwischen Kleinheubach am Main und Haid/Bor in Böhmen wechselte und er aufgrund seines Engagements in Sachen Laienkatholizismus in ganz Europa unterwegs war. Viele Briefe, die Aufschluss über seine Reiseerlebnisse und die geschäftlichen Ergebnisse geben, gingen an seine Gattin Sophie (1837–1899) und sind ebenfalls in den Beständen des Staatsarchivs Wertheim enthalten.

Martina Heine

Quelle: Archivnachrichten 40 (2010), S.13.