Erbprinzenkonflikt im Haus Württemberg 1542

Porträt Herzog Christoph von Württemberg von Hans Brosamer um 1530, Holzschnitt. Vorlage: Landesarchiv HStAS J 300 Nr. 774
Porträt Herzog Christoph von Württemberg von Hans Brosamer um 1530, Holzschnitt. Vorlage: Landesarchiv HStAS J 300 Nr. 774.

Am 12. Mai 1515 gebar Herzogin Sabina in Urach ihrem Ehemann, Herzog Ulrich von Württemberg, den ersehnten Kronprinzen, der auf den Namen Christoph getauft wurde. Unter normalen Umständen wäre dieses Ereignis gewiss ein Anlass zur Freude gewesen und mit einem Fest begangen worden. Die Geburt wurde jedoch überschattet von einer Bluttat des Vaters, die sich auch auf das Leben des Sohnes und die Verhältnisse in der Familie dramatisch auswirken sollte. Erst fünf Tage zuvor hatte Herzog Ulrich den Ritter Hans von Hutten, den Ehemann seiner Geliebten Ursula Thumb von Neuenburg, ermordet. Diese Tat sorgte nicht nur für Unruhe und Empörung in den Reihen der adligen württembergischen Räte und Diener, die sich teilweise mit ihrem Standesgenossen bzw. dessen Familie solidarisierten. Sie löste auch bei seiner Ehefrau, Herzogin Sabina von Bayern, solche Ängste aus – sie befürchtete durch ihren gewalttätigen Ehemann das gleiche Schicksal wie Hans von Hutten zu erleiden –, dass sie sich schutzsuchend an die Landstände wandte. Diese öffentliche Demütigung des Herzogs führte schließlich zur endgültigen Zerrüttung der zuvor bereits stark belasteten Ehe. Im November floh Sabina zu ihren Brüdern, den bayerischen Herzögen Wilhelm IV. und Ludwig X. nach München. Dies zog nicht nur einen neuerlichen Prestigeverlust für Herzog Ulrich nach sich, sondern führte Württemberg auch in eine gefährliche Gegnerschaft zu den mächtigen Bayernherzögen. Diese verbündeten sich mit der Familie Hutten und der ständischen Opposition gegen Herzog Ulrich und begannen, aktiv auf seine Absetzung hinzuarbeiten.

Kaiser Maximilian war der Einzige, der noch seine schützende Hand über Ulrich hielt. Als aber der Kaiser 1519 starb, lieferte der Herzog mit der Besetzung der Reichsstadt Reutlingen seinen Gegnern prompt den willkommenen Grund endlich militärisch gegen ihn loszuschlagen. Der Schwäbische Bund erklärte Ulrich wegen des Landfriedensbruchs an einem seiner Mitglieder den Krieg und vertrieb ihn aus seinem Herzogtum. Der damals erst vierjährige Herzog Christoph wurde jedoch von den siegreichen Bundesfeldherren nicht an seine Mutter übergeben, sondern an den Innsbrucker Hof gebracht, wo er im Gefolge der Habsburger die nächsten 13 Jahre seiner Kindheit und Jugend verbringen sollte.

Im Jahre 1534 sah Herzog Ulrich von Württemberg – er hatte gerade mithilfe des französischen Königs und des Landgrafen Philipp von Hessen sein Herzogtum gewaltsam von Österreich zurückerobert – zum ersten Mal nach 15 Jahren seinen Sohn und Nachfolger Herzog Christoph wieder. Das Wiedersehen fiel allerdings wenig herzlich aus, denn ihr Verhältnis hatte in den Jahren des Exils eine brisante politische Dimension gewonnen. Während Ulrich alles unternahm, um wieder in den Besitz seines Landes zu kommen und sich als einzig legitimen Herrscher im Herzogtum Württemberg betrachtete, hatte Christoph 1532 einen erfolgreichen Fluchtversuch vom habsburgischen Hof unternommen. Er war aber nicht zu seinem Vater gereist, sondern hatte bei seinen bayerischen Oheimen Zuflucht und Unterstützung gesucht. Dem Leiter der bayerischen Politik, Kanzler Leonhard von Eck, kam dies sehr gelegen, wollte er doch um jeden Preis verhindern, dass mit Herzog Ulrich die Reformation Einzug in Württemberg hielt. Er versuchte daher mithilfe des Schwäbischen Bundes den sich noch zur katholischen Konfession bekennenden Christoph anstelle seines Vaters als regierenden Herzog einzusetzen.

Ulrich sah seitdem in Christoph nicht mehr den Sohn, sondern den politischen Konkurrenten. Entsprechend gespannt war das Verhältnis zwischen den beiden, als Ulrich durch die Einnahme Württembergs neue Fakten schuf. Ulrich ließ Christoph sein Misstrauen und seine Abneigung nur allzu deutlich spüren. Kanzler Eck, der im Sommer 1534 Ulrich in diplomatischer Mission besuchte, beobachtete: Gegen den so[h]n helt sich Wirthemberg [d.i. Herzog Ulrich] nit vast wol, last i[h]ne mererthyls allein essen, redet i[h]me wenig zu und lest i[h]n nach i[h]me ge[h]en als einen diener.

Ulrich erkannte selbst, dass dieses Spannungsverhältnis für seinen Hof untragbar wurde und schickte Christoph schon nach wenigen Monaten des Zusammenseins im November 1534 mit dessen Lehrer, Magister Michael Tiffernus, an den Hof von König Franz I. nach Paris. Damit hatte er sich nicht nur der Gegenwart des ungeliebten Kronprinzen entledigt, er schuf auch eine größtmögliche räumliche Distanz zwischen Christoph und dessen bayerischen Onkeln, die ihre Pläne, Herzog Ulrich zugunsten ihres Neffen der Herrschaft zu entsetzen, keineswegs aufgegeben hatten. Sie versuchten, sowohl die Habsburger zu einer gewaltsamen Rückeroberung aufzustacheln als auch Christoph gegen seinen Vater in Stellung zu bringen.

Herzog Christoph war allerdings auch in Frankreich wenig Glück beschieden. Zwar zeigte sich ihm Franz I. gewogen. Aber seine militärischen Misserfolge im Dienst des Königs in Oberitalien belasteten sein Ansehen bei Hofe. Dazu kam, dass er – vom Vater finanziell nur unzureichend unterstützt – zunehmend Schwierigkeiten hatte, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. In dieser prekären Situation beging der Sohn den verhängnisvollen Fehler, sich wieder Hilfe suchend an seine bayerischen Oheime zu wenden. Diese Kontakte blieben dem Vater nicht verborgen, und er war darüber so empört, dass er sogar Pläne zur Enterbung seines Sohnes zugunsten seines Bruders Georg und dessen Nachkommen entwickelte.

Landgraf Philipp von Hessen griff nun vermittelnd in die scheinbar hoffnungslos zerrütteten Familienverhältnisse ein. Es gelang ihm, einen Vergleich zwischen Vater und Sohn zu vermitteln, der am 17. Mai 1542 zu Reichenweier im Elsass besiegelt wurde. Die formale Versöhnung zwischen Vater und Sohn konnte jedoch das persönliche Verhältnis nicht mehr retten. Auch die nächsten Jahre vermieden sie jeden persönlichen Kontakt und kommunizierten nur schriftlich miteinander. Aber im Sinne des Hausinteresses hatte man sich in Reichenweier auf eine politische Lösung verständigt, die darin bestand, dass Christoph bis zum Tod seines Vaters die Grafschaft Mömpelgard als eigenständige Herrschaft verwalten sollte. Die entscheidende Voraussetzung für Ulrichs Zustimmung zur ungestörten Nachfolge des Sohns war aber, dass Christoph zusicherte nach seinem [d.i. Herzog Ulrichs] abganng und sterben, die Religion und Ceremonien des waren Evangeliums und wortt gotts […] zu haltten.

Mit diesen dürren Worten hatte sich Herzog Christoph erstmals öffentlich zur neuen Konfession bekannt. In Reichenweier wurde damit nicht nur ein lange schwelender Streit zwischen Vater und Sohn entschärft, der den Fortbestand der württembergischen Dynastie aufs Höchste gefährdet hatte, sondern auch die entscheidende Weiche dafür gestellt, dass die Einführung der Reformation in Württemberg Herzog Ulrich überdauern konnte und das Herzogtum fest ins evangelische Lager eingebunden wurde

Thomas Fritz

Quelle: Archivnachrichten 49 (2014), S. 4-6.