Jüdisches Leben im Landkreis Schwäbisch Hall

Bild der ehemaligen Synagoge in Schwäbisch Hall
Die ehemalige Synagoge in Schwäbisch Hall [Copyright: Landesarchiv FaBi Kreisbeschreibung SHA]

Juden lassen sich in Schwäbisch Hall erstmals im Reichssteuerverzeichnis von 1241 nachweisen, als die jüdische Gemeinde acht Mark Silber an das Reich, die christliche Gemeinde aber 170 Mark zahlen musste. Seit 1316 lag der Judenschutz bei der Stadt, was willkürliche Zins- und Schuldennachlässe und Pogrome nicht verhinderte. 1349 soll ein Teil der Haller Juden in einem Turm auf dem Rosenbühl verbrannt worden sein, andere flüchteten auf die Burg Bielriet, deren Herr ihnen Schutz versprochen hatte, nur um sie wenig später ebenfalls auszuweisen und sich ihre Habseligkeiten anzueignen. Die Stadt bezahlte im Frühjahr 1349 800 fl. an die Grafen von Württemberg als Beauftragte des Kaisers und durfte den Besitz der Toten und Vertriebenen übernehmen. Erst von 1356 stammt der erste Nachweis für die Haller Synagoge (damals wurde ein Haus verkauft, das neben der ›Judenschule‹ an der Sulfurt lag). Eine jüdische Gemeinde bestand zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich nicht mehr. Seit 1373 beziehungsweise 1376 ließen sich wieder Juden in Schwäbisch Hall nieder, denen die gleichen Fährnisse drohten wie schon vor den Pogromen: Partielle Enteignungen und Sondersteuern trieben sie in den wirtschaftlichen Ruin. 1409 lebte noch ein Jude namens Sandermann in einem Haus am alten Schuhmarkt. Bis 1422 lassen sich Steuerzahlungen jüdischer Einwohner nachweisen. Danach begann die langsame Abwicklung des ehemals jüdischen Hausbesitzes an der Sulfurt und am Schuhmarkt. 1457 gehörten die ehemalige Synagoge und der Judenhof der adligen Witwe Anna Spieß, die ihren Besitz an ihre Schwester Dorothea von Rinderbach verkaufte. Zu diesem Zeitpunkt bestand sicher keine jüdische Gemeinde mehr. Eine eigentliche Vertreibung aber lässt sich nicht nachweisen. Der Judenhof behielt noch jahrhundertelang seinen Namen, auch ohne jüdische Bewohner (nachweisbar bis ins 17. Jh.). Erst als das Areal mit dem Schlachthaus überbaut wurde, erloschen die Erinnerungen an die mittelalterliche jüdische Gemeinde in Hall.

Auch die Crailsheimer jüdische Gemeinde reicht bis ins Mittelalter zurück und soll wie die Haller Gemeinde von den Pogromen 1348/49 betroffen gewesen sein. Aus der zweiten Hälfte des 14. Jh. gibt es hier wie in Hall Einzelnachweise für die Anwesenheit von Juden, die auf eine nicht sehr große Gemeinde schließen lassen. Sie scheint sich bis zum Anfang des 16. Jh. gehalten zu haben. Eine (möglicherweise nicht in Geltung gesetzte) Judenordnung des Pfarrers Sattler von 1480 fasste alle antijüdischen Vorurteile von der Brunnenvergiftung über die Hostienschändung bis zum Ritualmord, der Lästerung Christi und dem angeblichen Knoblauchgeruch der Juden zusammen und sah drastische Einschränkungen für Bewegungsfreiheit und Gewerbetätigkeit der Juden vor. Brandenburg-Ansbach erließ 1508 eine Judenordnung, die der Stadt Crailsheim nicht streng genug war. Sie verlangte die gleiche Besteuerung von Christen und Juden und die besondere Kennzeichnung der letzteren, was erst 1511 von der Markgrafschaft umgesetzt wurde. 1515 und erneut 1528 vertrieb Brandenburg-Ansbach seine Juden, also im gleichen Zeitraum wie die Stadt Rothenburg ob der Tauber (1519/20). Damit endeten die jüdischen Siedlungen in den größeren Städten vorläufig.

Im 16. Jh. lebten Juden verstreut auf adligen und reichsritterlichen Besitzungen (im Haller Umfeld zum Beispiel in Unterlimpurg, Enslingen und Künzelsau; im östlichen Kreisgebiet in Triensbach, Jagstheim, Michelbach an der Lücke und Großallmerspann). Oft waren es nur einzelne Familien jüdischen Glaubens, die sich für eine begrenzte Zeit und in ständiger Abhängigkeit von den Zufällen der Herrschaftswechsel in solchen Orten niederlassen durften – je nachdem, ob sich der gerade regierende Herr zusätzliche Einnahmen versprach oder nicht.

Zu Beginn des 17. Jh. verstetigten sich die jüdischen Ansiedlungen wieder. Erst jetzt kann wieder von jüdischen Gemeinden die Rede sein. Ab 1596 kehrten Juden nach Crailsheim zurück, wo schon 1603/04 von einer Synagoge die Rede ist. In der zweiten Hälfte des 17. Jh. lebten dort schon 12–15 Familien, die sich trotz fortdauernder Nadelstiche durch die christliche Mehrheit behaupteten. Die Zahl der jüdischen Haushalte aber blieb begrenzt, sodass sich häufig Söhne und Töchter nach einer anderwärtigen Bleibe umzusehen hatten, was zur Entstehung jüdischer Gemeinden in benachbarten Dörfern führte. Wie andernorts entspannten sich nach 1730 die Verhältnisse, nun befürwortete in Einzelfällen sogar die Stadt die Aufnahme von Juden. Seit 1783 stand ein eigenes Synagogengebäude in Crailsheim, das für die 1792 133 Köpfe zählende Gemeinde sicherlich auch dringend erforderlich war.

Im gleichen zeitlichen Rahmen wie in Crailsheim entstanden in den Dörfern jüdische Gemeinden: Sie lassen sich in Hengstfeld ab 1588, in Goldbach ab 1594, Braunsbach ab 1600, Wiesenbach ab 1603, Jagstheim ab 1604 und Dünsbach ab 1617 nachweisen. In Michelbach an der Lücke werden 1626 22 jüdische Haushaltsvorstände genannt, die Gemeinde geht möglicherweise direkt auf die Niederlassung von aus Rothenburg vertriebenen Juden zurück und wäre damit die einzige, die das 16. Jh. hindurch Kontinuität gewahrt hätte. Ab 1625 entstand schließlich eine neue Gemeinde in Steinbach bei Schwäbisch Hall.

Einige dieser Gemeinden überdauerten den 30-jährigen Krieg nicht oder erlagen Ausweisungsbeschlüssen. In Hengstfeld, Dünsbach und Braunsbach lassen sich 1634, 1638 beziehungsweise 1640 keine jüdischen Steuerzahler mehr ermitteln. Die Steinbacher Gemeinde wurde 1677 ausgewiesen. In aller Regel erstanden diese Gemeinden aber wieder neu, Braunsbach unmittelbar nach dem 30-jährigen Krieg, Dünsbach ab 1660, Hengstfeld ab 1708, Steinbach ab 1701. 1677 beziehungsweise 1688 kam schließlich auch Schwäbisch Hall hinzu, wo zuerst einer aus Steinbach vertriebenen Jüdin Madel die Niederlassung gestattet wurde, dann ab 1688 Mayer Seligmann aus Gaildorf, dessen Nachkommen zunächst in Unterlimpurg, dann bis 1939 in der Stadt lebten. Die Gaildorfer Gemeinde dagegen bestand um 1680 nur für wenige Jahre und ist ein Beispiel für die Abhängigkeit der Juden von der Willkür einzelner Herrschaftsträger. Ganz im Gegensatz dazu entwickelte sich Braunsbach zur bedeutendsten jüdischen Gemeinde im ganzen Umkreis, die seit 1732 auch über ein eigenes Synagogengebäude und seit 1747 über einen Friedhof verfügte. Vorher hatten viele jüdische Gemeinden unseres Raums ihre Toten in Schopfloch bestattet.

Kleine Gemeinden ließen sich auch in Gerabronn (ab 1672), Ingersheim (ab 1689), Hornberg (1675–1707) und Unterdeufstetten (ab 1713) nieder. Synagogen wurden außer in Braunsbach auch in Goldbach (1748), Michelbach (1756), Unterdeufstetten (1765), Dünsbach (1799), Hengstfeld (1806) und Steinbach (1809) als eigene Gebäude errichtet, wonach die vorher benutzten Zimmersynagogen (prachtvoll erhalten in der von Elieser Sussmann ausgestatteten Unterlimpurger Synagoge und in Resten in der Steinbacher Zimmersynagoge) aufgegeben wurden. Die meisten Gemeinden waren arm, Haupterwerbszweige waren der Vieh- und Schacherhandel, daneben auch der Bettel. Erst gegen Ende des 18. Jh. traten Immobiliengeschäfte hinzu. Nur wenige reiche Juden (wie die Haller beziehungsweise Unterlimpurger) betrieben Kredit- und Geldgeschäfte in größerem Umfang.

1821 waren die jüdischen Gemeinden in Braunsbach (175 jüdische E.), Michelbach (172), Crailsheim (123), Dünsbach (88) und Steinbach (78) die größten. Im 19. Jh. verschob sich das Gewicht langsam in Richtung auf die Städte. Einige der ländlichen Gemeinden (Goldbach, Ingersheim, Unterdeufstetten, Hengstfeld) erloschen noch vor dem Ersten Weltkrieg, andere hatten nur noch wenige Mitglieder (Steinbach, Wiesenbach, Dünsbach). Die Crailsheimer Gemeinde dagegen erreichte 1910 mit 325 Mitgliedern einen Höhepunkt, die Haller 1885 mit 205. Sie waren gut in das kleinstädtische Bürgertum integriert, der Wohlstand war seit den kargen Zeiten in der ersten Hälfte des 19. Jh. enorm gestiegen. In Schwäbisch Hall waren zum Beispiel drei Gemeinderäte zwischen 1871 und 1919 jüdischen Glaubens. Der steigende Antisemitismus der 1920er Jahre machte dann allen Gemeinden zu schaffen, manche Illusionen über Akzeptanz und Toleranz der Mehrheitsgesellschaft schwanden schon während der Weimarer Republik.

1933 lebten in Crailsheim 160, in Hall 115 Menschen jüdischen Glaubens. Die meisten konnten der Diskriminierung und Verfolgung entfliehen, manche erst in letzter Sekunde. In der Reichspogromnacht wurden die Synagogen in Braunsbach, Crailsheim und Michelbach sowie der Betsaal in Schwäbisch Hall demoliert. Die enge Bebauung ließ den Marodeuren keine andere Wahl. Die Haller Synagoge in Steinbach dagegen wurde niedergebrannt. Willkürlich wurden Männer verhaftet und in Konzentrationslager eingeliefert. Selbst diejenigen, die bis jetzt geblieben waren, weil sie sich immer noch als Deutsche fühlten, erkannten jetzt die Bedrohung und emigrierten, soweit sie konnten. Zurück blieben die Alten, Armen und Behinderten, die von keinem Aufnahmeland akzeptiert wurden. Mindestens 20 Braunsbacher, 50 Crailsheimer, 19 Michelbacher und 40 Haller aber fielen dem nationalsozialistischen Massenmord zum Opfer.

Andreas Maisch

Veröffentlicht in: Der Landkreis Schwäbisch Hall. Hg. v. der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Landkreis Schwäbisch Hall (Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg). Ostfildern 2005, Bd. 1, S. 231ff.