Die Kapelle St. Maria in Tachenhausen und ihre Geschichte

Tachenhausen, Kiesersches Forstlagerbuch, 1683/85. Quelle: LABW
Tachenhausen, Kiesersches Forstlagerbuch, 1683/85. Quelle: LABW

Heiltumssammlung – Wallfahrt – Stift der Kappenherren – Grundstock für das Nürtinger Spital

Die erstmals 1391 erwähnte, unterhalb der verfallenen Burg gelegene Marienkapelle in Tachenhausen bei Oberboihingen war Filial der Pfarrkirche in Nürtingen, deren Patronatsrechte die Grafen von Württemberg besaßen. Zusammen mit diesen sorgten die Edelknechte Schweler von Tachenhausen zwischen 1395 und 1425 für einen erstaunlichen Ausbau der Kapelle. 1401 bestätigte Papst Bonifatius IX. die Kapelle und gewährte Ablässe, die die Bischöfe von Konstanz vermehrten. Eine große Heiltumssammlung entstand, die Mittelpunkt einer Wallfahrt wurde. Heiltumsschau, Reliquienkult, Wallfahrt und Ablasserwerb kennzeichnen die damalige Religiosität breiter Schichten. Nach baulichen Erweiterungen wurden 1408 der Chor, die Sakristei und vier Altäre geweiht, 1416 der Hochaltar zu Ehren der Jungfrau Maria. Die gut dotierten Kaplaneipfründen ermöglichten es den Kaplänen, als geistliche Gemeinschaft zu leben. Da zahlreiche Gläubige Stiftungen für Seelenmessen und Schenkungen vornahmen, verfügte die Kapelle über sehr hohe Einkünfte, mit denen zahlreiche Güter gekauft werden konnten. In mehr als 14 umliegenden Orten besaß die Kapelle Erblehenhöfe. 1477 wurde das jährliche Opfer auf 100 Pfund Heller veranschlagt.

Der Nürtinger Rat hatte nach 1460 damit begonnen, neben der Kapelle ein kleines Spital aufzubauen. Um die Seelsorge für die dort lebenden Pfründner zu verbessern, wurde die Kapelle 1481 in eine Pfarrei umgewandelt. Zwischen 1480 und 1482 verhandelte Nürtingen daher mit Graf Eberhard d. J. über eine Zusammenlegung von Kapelle bzw. Kirche und Spital. Dessen Vetter Eberhard im Bart hatte jedoch andere Pläne. Gemeinsam übertrugen sie 1486 die zu einem Stift umgewandelte Pfarrei dem Oberdeutschen Generalkapitel der Kanoniker vom gemeinsamen Leben, das von Gabriel Biel als Zusammenschluss der Stifte der Kanoniker vom gemeinsamen Leben eingerichtet worden war. Im Gegensatz zur sonstigen Kirchenpolitik hatten die Grafen auf Vogtei, Patronat und auch auf die Landsässigkeit der Stiftskirche verzichtet. Gabriel Biel wies dem neuen Konvent die Aufgabe zu, umfangreiche Einkünfte für das Generalkapitel zu erwirtschaften. Die Kanoniker in Urach, Dettingen und Herrenberg arbeiteten vor allem in der Seelsorge, die Schlosspfarrei Tübingen war Zentrum für die an der Universität lehrenden und studierenden Kanoniker. Entsprechend dieser Arbeitsteilung lebten in Tachenhausen meist nur fünf Kappenherren.

Nachdem das Stift erstmals nach 1496 in Frage gestellt worden war, wurde die Aufhebung im Tübinger Nebenabschied 1514 beschlossen und im November 1517 abgeschlossen. Das Stift wurde wieder in eine Kapelle mit einem Kaplan umgewandelt, und der größte Teil der Einkünfte, 400 Pfund Heller, für den Unterhalt der herzoglichen Kapelle verwendet. Deren Leiter, der Propst von Denkendorf, übernahm nun die Verwaltung von Tachenhausen. 1526 erlaubte Erzherzog Ferdinand von Österreich der Stadt Nürtingen, das inzwischen nicht mehr ausreichende Spendalmosen in ein Spital umzuwandeln und diesem die Kapelle in Tachenhausen mit dem umfangreichen Vermögen zu inkorporieren. Die Kirche und die Stiftsgebäude wurden 1538 weitgehend abgerissen. Die Kiesersche Ansicht vermittelt noch ein ungefähres Bild von der Anlage des Stifts.

Wilfried Schöntag

Veröffentlicht in: Der Landkreis Esslingen. Hg. v. der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Landkreis Esslingen (Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg). Ostfildern 2009, Bd. 2, S. 316.

Heute befindet sich in Oberboihingen-Tachenhausen der Lehr- und Versuchsgarten derHochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU)