Schimpf und Schande

 

Schandmantel, Schwäbisch Gmünd, 18. Jh., Quelle Landesmuseum Württemberg
Schandmantel, Schwäbisch Gmünd, 18. Jh., Quelle Landesmuseum Württemberg WLM 5383

Für kleinere Vergehen, die der niederen Gerichtsbarkeit unterstanden, galten in den südwestdeutschen Territorien eine Vielzahl regionaler oder lokaler Vorschriften, die aus Vereinbarungen, Traditionen oder Gewohnheiten entstanden waren. Dazu zählten die Schand- oder Ehrenstrafen. Sie wurden neben Geldstrafen für Trunkenheit, Streitereien, üble Nachrede, Unzucht, mindere Eigentumsdelikte oder auch unverhältnismäßige Verschuldung verhängt. Dazu hatten die Verurteilten an öffentlichen Plätzen die Schmähungen der Mitmenschen zu erdulden. Als einer der Orte des Vollzugs diente das Kirchenportal, vor dem die Schuldigen während des sonntäglichen Gottesdienstes Aufstellung zu nehmen hatten. Eine verschärftere Form war das Anketten an einen Pranger. In exponierter Lage und oft nahe der Kirche, wirkten die Pfähle, wie das erhaltene Exemplar beim Fischbrunnen in Schwäbisch Hall, schon per se abschreckend. In der Mitte des 18. Jh. kam im Südwesten der Schandmantel auf, auch als Spanischer Mantel bezeichnet. Es handelt sich um eine hölzerne, oben und unten offene Tonne, die zusätzlich mit Gewichten beschwert werden konnte. Auch Halsgeigen oder Schilder, die vorgebunden werden mussten, kamen bei Schandstrafen zum Einsatz. Eines der wenigen existierenden Stücke eines Spanischen Mantels stammt aus Schwäbisch Gmünd und gehört zur Sammlung Legendäre Meisterwerke im Landesmuseum Württemberg. Im oberen Bereich sind mehrere Verfehlungen dargestellt. Ein weiteres, ähnliches Beispiele befindet sich in Ravensburg. Hier haben sich Quellen erhalten, aus denen hervorgeht, dass der Mantel bei Holzfrevel oder Diebstahl zum Einsatz kam, als das Mitglied einer Bande der Stadt verwiesenen wurde. Wie sich das Tragen des Mantels auf das Leben der Verurteilten auswirken konnte, enthüllt ein anderer Bericht. Da das Protokoll vermerkt, der so bestrafte Handwerker habe keine negativen Auswirkungen von Seiten seiner Zunft zu befürchten, mag das in anderen Fällen durchaus so gewesen sein.

Ein weiterer Schandmantel, ohne farbige Fassung, gehört zur Sammlung des Franziskanermuseums in Villingen. Zu seiner Verwendung finden sich nur spärliche historische Angaben. Grundsätzlich konnten sich die Delinquenten durch Geldleistungen von Schandstrafen loskaufen. In Villingen gibt die erhaltene Büchsenrechnung für einbezahlte Strafgelder – Ursache waren vorwiegend verbale und körperliche Auseinandersetzungen sowie Sittlichkeitsvergehen – Aufschluss über geltende Ordnungsvorschriften in der vorderösterreichischen Stadt.

Den Schandmänteln ähnlich erscheinen die Eisernen Jungfrauen die zu Folterzwecken eingesetzt worden sein sollen. Da der Einsatz eines solchen Instruments bisher nicht nachgewiesen werden konnte und sich die für die potenzielle Folter verwendeten Nägel als nachträgliches Beiwerk entpuppten, werden sie heute als Schöpfung des 19. Jh. zur Ausstellung in Museen angesehen. Zur Inspiration könnten aber tatsächlich die hölzernen Tonnen beigetragen haben. Mit der Aufklärung verschwanden die Instrumente weitgehend. Schandstrafen waren jedoch weiterhin gebräuchlich. So mussten ungezogene Kinder bis weit ins 20. Jh. hinein im Unterricht in der Ecke stehen oder „Nazi-Huren“ wurde nach der Befreiung der besetzten Gebiete 1945 das Haar geschoren.

Zum Weiterlesen:
Thomas Schinlder: Ach du Schande! Der „Spanische Mantel“ im Franziskanermuseum. Stadt Hoch2. Museumsblog Villingen-Schwenningen (aufgerufen am 4.6.2021)
Derselbe: Vorgeführt! Der „Spanische Mantel“ aus Villinge als Materialer Ausdruck frühneuzeitlicher Rechtskultur. In: Schwäbisch Heimat 2/2020, S.156-163 (nicht online verfügbar)

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