Die Textilfabrikantenfamilie Otto und ihre Firmen

Ehemalige Betriebsgebäude der Spinnerei Heinrich Otto in Reichenbach an der Fils, heute Gewerbepark. Copyright: LABW
Ehemalige Betriebsgebäude der Spinnerei Heinrich Otto in Reichenbach an der Fils, heute Gewerbepark. Copyright: LABW

Die Jahre 1812/13 markieren eine Wende in der Geschichte, Napoleons Stern sank. Genau in dieser Wendezeit beginnt die Firmengeschichte Otto. Am Tag der Entscheidungsschlacht von Waterloo (18. Juni 1815) ließ der aus einer Stuttgarter Textilkaufmannsfamilie stammende Immanuel Friedrich Otto den ersten Spatenstich für eine Baumwollspinnerei in Nürtingen setzen. Vorausgegangen waren eine Lehre bei Kylius & Co. in Stuttgart-Berg (Inhaber von Palm / von Varnbühler), ein Militärdienst und Reisen mit dem württembergischen Finanzminister von Varnbühler, dessen Sekretär Immanuel F. Otto war. Seine erste Maschine mit 500 Spindeln bezog er von einem Uhrmacher aus Paris. Zum Maschinenantrieb nutzte Otto die Wasserkraft einer Ölmühle am Neckar bei Nürtingen. Als mit dem Niedergang Napoleons die Kontinentalsperre gegen England fiel, musste der gerade gegründete Betrieb gegen die mächtige englische Konkurrenz bestehen. Der große Durchbruch gelang unter Immanuel F. Ottos Sohn Heinrich.

Als Heinrich 1906 starb waren die von ihm gegründeten Firmen zusammengenommen die mit Abstand größten in Württemberg, was die Anzahl der Spindeln (169 300) und Webstühle (2770) angeht. Allerdings hatte er die Firmen 1873 geteilt: Den Betrieb in Nürtingen erhielt sein Schwiegersohn Albert Melchior, das Werk in Unterboihingen sein ältester Sohn Robert. 1877 gründete er für seinen jüngeren Sohn Heinrich eine Firma in Reichenbach. Von diesen Firmensitzen aus erfolgten Fabrikbauten in weiteren Orten. Robert Otto war mit Emma Engels, einer Nichte von Friedrich Engels, dem wegweisenden Freund und Mitstreiter von Karl Marx, verheiratet.

Ab 1907 bauten Heinrich Otto (Reichenbach) sowie Fritz Otto und Fritz Engels (Unterboihingen) im 300 km westlich der Hauptstadt Daressalam gelegenen Kilossa im damaligen Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) eine große Baumwollpflanzung auf. Ziel war, sich von der damals marktbeherrschenden amerikanischen Baumwolle unabhängig zu machen. Das mit großem Aufwand betriebene Unternehmen geriet schon 1914 in den Strudel des Ersten Weltkriegs. 1919 verlor Deutschland mit dem Versailler Vertrag sämtliche Kolonien, auch Kilossa wurde enteignet.

Wie sehr die Unternehmen Otto von der großen Politik abhängig blieben, belegt auch die Zeit des Nationalsozialismus. Der Firmenchef Fritz Otto, Sohn von Robert Otto, war ein entschiedener Anhänger der Bekennenden Kirche. Ihn ereilte ein Verbot, seine eigenen Betriebe betreten zu dürfen. Während des Krieges bekam die Daimler-Benz AG Fertigungsgebäude der Firma in Wendlingen zugewiesen und stellte dort Schnellbootmotoren her.

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste ein schwieriger Neuanfang bewältigt werden. Die über viele Jahre zurückstehenden Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung, aber auch die heimatvertriebenen Neubürger erzeugten eine große Nachfrage an Textilien. Die Boomjahre nach der Währungsreform 1948 mündeten zu Beginn der 60er Jahre in einer Rezession. Auch die Firma Otto kam in schwere Bedrängnis, meisterte jedoch die Krise mit einem Team aus Vertretern der Eigentümerfamilien um den neuen geschäftsführenden Gesellschafter Armin Knauer. Es gelang sogar, Textilfirmen in Offenburg und in Wangen im Allgäu zu übernehmen.

Mittlerweile hat sich die Struktur des Unternehmens deutlich verändert. Durch den Schrumpfungsprozess standen denkmalgeschützte Fabrikhallen leer, in denen sich in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Gewerbetreibende, Existenzgründer und Künstler niederließen. Die einst für die Produktion unentbehrlichen Wasserkraftanlagen wurden zu einem eigenständigen Erwerbszweig. Sie versorgen inzwischen nicht nur die eigenen Betriebe mit umweltfreundlichem Strom.

Gerhard Hergenröder

Veröffentlicht in: Der Landkreis Esslingen. Hg. v. der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Landkreis Esslingen (Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg). Ostfildern 2009, Bd. 1, S. 171.