Vom Acker – wie Landwirtschaft die Landschaft prägt

Von Felicitas Wehnert

Bollschweil: Bauern beim Getreidebündeln; Hintergrund Schönberg
Bollschweil: Bauern beim Getreidebündeln; Hintergrund Schönberg, 1956 [Quelle: Staatsarchiv Freiburg, W 134 Nr. 044519a ]

Die Landschaft spiegelt die Art der Landwirtschaft, das Erbrecht, die Maßnahmen gegen den Hunger, den technischen Wandel. Noch um 1800 ernährten vier Bauern einen Städter, um 1900 kehrte sich das Verhältnis um: ein Bauer sorgte für vier Städter. Nach dem Zweiten Weltkrieg produziert ein Landwirt bereits Nahrung für zehn Verbraucher. Heute sind es statistisch 139 Menschen. Dieser Wandel prägt auch das Gesicht der Landschaft von den kleinteiligen, heckengesäumten Wiesen und Äckern hin zu großen maschinengerechten Flächen. Man sieht, wie Essen die Landschaft formt.

Im 19. Jahrhundert war der Beruf des Bauers ein Knochenjob mit ungewissem Ausgang: harter körperlicher Einsatz, Wetterabhängigkeit, schwankende Ernten, Hungersnöte. Die landwirtschaftliche Produktivität war in den Regionen des Landes zudem ungleich verteilt. In großen Teilen Württembergs führte die Realteilung zu einem Flickenteppich. Durch die Verteilung des Landes an alle Erben wurden die steinigen Äcker von Generation zu Generation schmaler und unwirtschaftlicher. Weil sich damit keine Familie ernähren ließ, übten viele Bauern zusätzlich ein Handwerk aus, hatten einen Webstuhl im Keller stehen oder verdingten sich als Tagelöhner. Was ökonomisch schlecht war, war ökologisch gut. Artenreiche Wiesen und Heckenbiotope entstanden.

Beim Anerbenrecht in Hohenlohe, im Südschwarzwald und in Oberschwaben galt: ein Hof, ein Erbe. Die großen Flächen waren ertragreicher. Der Getreideüberschuss wurde in die Schweiz und nach Vorarlberg exportiert und der Viehhandel blühte. Das „Boeuf de Hohenlohe“ wurde im ausgehenden 18. Jahrhundert sogar bis nach Paris getrieben. Nach der Französischen Revolution versorgten die Hohenloher Bauern dort die Hungernden mit Rindfleisch.

Ein Vulkanausbruch mit Folgen

Der Ausbruch des Vulkans Tambora 1815 in Indonesien mit seinen Aschewolken und den anschließenden Hungersnöten traf alle gleichermaßen. In Folge machte sich der junge König Wilhelm I. von Württemberg als erster Herrscher daran, die Lage der Landwirtschaft systematisch zu verbessern. Er gründete 1818 in Hohenheim die erste staatliche landwirtschaftliche Lehranstalt Deutschlands, er förderte die Zucht von ergiebigen Rinder-, Schweine- und Schafrassen und er wies das Haupt- und Landgestüt Marbach an, sich nicht nur mit der Zucht von eleganten Araberstuten, sondern auch mit robusten Arbeitspferden zu befassen. Neu eingerichtete Wollmärkte in Heilbronn, Kirchheim unter Teck und Ehingen sollten zusätzlich Anreize zur Schafzucht schaffen.

Streuobstwiesen als Schatz

Auch die weißen Blütenwolken im Frühjahr entlang des Albtraufs zeugen vom Kampf gegen den Hunger. Zwischen Alb und Neckar erstreckt sich mit 26.000 Hektar eine der größten zusammenhängenden Streuobstlandschaften Europas mit einer unglaublichen Artenvielfalt. Schon früh förderten die jeweiligen Herrscher den Obstanbau, um die Nahrungslage der Bevölkerung zu verbessern, die nach Kriegen und Naturkatastrophen immer wieder Hunger litten.

Bereits im späten 18. Jahrhundert leitete Johann Caspar Schiller, der Vater des Dichters, eine der ersten landeseigenen Baumschulen auf der Solitude. Rund 100 Jahre später legte Gartenbauinspektor Eduard Lucas zunächst in Hohenheim und später in Reutlingen mit der systematischen Erfassung der verschiedenen Obstsorten die Grundlagen der Pomologie. Vor allem nach dem eisigen Winter 1879/1880, in dem in Baden und Württemberg viele Obstbäume und Reben erfroren waren, sind Baumschulen und Baumwarte gefragt. Noch im selben Jahr gründete sich der württembergische Obstbauverband. Viele Obst- und Gartenbauvereine folgten. 1923 schlossen sich die an Obstbau Interessierten zum „Verband der Bediensteten für Obstbau, Garten- und Landespflege“ zusammen, der heute noch existiert. In diese Zeit erreichte die Streuobstkultur auch mit einer unglaublichen Vielfalt auf den Wiesen ihren Höhepunkt. Über 6.000 verschiedene Sorten an Äpfeln, Birnen, Zwetschgen, Pflaumen und Kirschen wurden einmal gezählt, alle ganz unterschiedlich und jede mit ihrem eigenen Geschmack. Dazu pulsiert das Leben in diesen Wiesen: Schmetterlinge und Wildbienen, Wendehals und Wiedehopf, Insekten, Pflanzen, Vögel – über 5.000 verschiedene Arten insgesamt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schwindet das Interesse an den Streuobstwiesen. Es wurde immer weniger Most getrunken. Schöne, gleichmäßige, lager- und transportfähige Äpfel und Birnen sind gefragt. Sie sollen leicht zu ernten sein, gut erreichbar vom Boden aus, am besten mit Maschinen. Deshalb werden – wie vor allem im Bodenseeraum zu sehen – gerne Äpfel auf niedrigen Stämmen in Plantagen angebaut. Die Vielfalt reduziert sich auf wenige Neuzüchtungen. Aber entlang des Albtraufs betreiben viele Bauern die Landwirtschaft eher im Nebenerwerb und lassen die hochstämmigen Obstbäume einfach stehen.

In diesen Streuobstwiesen haben sich etliche der alten Obstsorten halten können und gewinnen langsam wieder an Wertschätzung. Und dort findet man auch noch heutige Raritäten wie den Luikenapfel und seinen Verwandten, die Gewürzluike, die vor hundert Jahren die meistverbreiteten Sorten in Württemberg waren und mit ihren mächtigen Stämmen das Gesicht der Alb-Hänge prägten.

Dinkel als „Schwabenkorn“

Beim Getreide wurde auf der Schwäbischen Alb noch Mitte des 19. Jahrhunderts fast nur Dinkel angebaut – zu über 90 Prozent. Städtenamen wie Dinkelsbühl und Dinkelacker oder Wegbezeichnungen wie Dinkelweg belegen die Verbreitung des Korns, das auch „Schwabenkorn“ oder „Spelz“ genannt wurde. Der Dinkel passte ideal zur rauen Landschaft. Er verträgt Kälte und Frost besser als Weizen und ist genügsam genug, um mit den kargen Alb-Böden zurecht zu kommen. Die Körner sind durch robuste Spelzen fest umschlossen und dadurch geschützt. Das ist zugleich ihr Nachteil. Denn dadurch ist ein zusätzlicher Arbeitsgang notwendig, bevor das Mehl verarbeitet werden kann.

Als in England auf einem Acker Dickkopfweizen-Ähren entdeckt wurden, mit kurzen Halmen, gut zu dreschen und vor allem ohne Spelzen, bot sich die Lösung an. Durch die Kreuzung mit dem Dinkel war zunächst das passende Getreide für die Schwäbische Alb gefunden. Diese Dickkopfweizen-Dinkel-Kreuzung prägte ab 1880 bis in die 1950er Jahre mit goldgelben Feldern das Landschaftsbild, bis sie durch die ergiebigeren Hochzuchtweizensorten verdrängt wurde.

Die Entwicklung neuer Sorten ging auch mit der Einführung von Kunstdünger, neuen Arbeitsmethoden und dem Einsatz von Landmaschinen einher. Ganz früher noch wurde das Getreide mit dem Dreschflegel bearbeitet. Nicht nur das Korn war gefragt, auch die langen Halme. Das Stroh wurde als Einstreu für das Vieh oder zum Decken der Dächer verwendet. Mit zunehmender Mechanisierung der Landwirtschaft ab 1900 wird vor allem Getreide angebaut, das gut mit den Maschinen zu ernten und zu dreschen ist. Nun werden kurze Halme favorisiert.

Seit 30 Jahren aber erlebt der Dinkel mit seinem kernigen Geschmack eine Renaissance. Und auch die naturnahe Landwirtschaft setzt auf ihn, denn gerade die festen Spelzen machen ihn weniger anfällig für Krankheiten und Insektenbefall.

Von der Unterversorgung zur Überproduktion

In den 1950er Jahren wandelten sich die Landwirtschaft und die Lebensmittelerzeugung radikal. Unter dem Eindruck der Hungerjahre des Zweiten Weltkriegs und um von Nahrungsmittelimporten unabhängig zu werden, wurde der „Grüne Plan“ als Förderprogramm für die Landwirtschaft aufgelegt. Die Flurbereinigung veränderte das Gesicht der Landschaft grundlegend: Äcker wurden zusammengelegt, Hecken verschwanden, um Platz und große Flächen für die Mähdrescher und andere raumgreifende Maschinen zu haben, asphaltierte Wirtschaftswege entstanden, Traktoren ersetzten die Zugpferde. Die Höfe wurden ausgesiedelt, die Tiere verschwanden aus dem Dorf und wurden nun in fabrikähnlichen Hallen gehalten.

Mit Gründung der EWG, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, im März 1957 wurden die Aufgaben der gemeinsamen Agrarpolitik definiert: Ziel war vor allem die Steigerung der Produktivität und die Stärkung des Handels, um die Menschen nach dem Krieg zu ernähren. Kühe mit hoher Milchleistung wurden gezüchtet und Schweine mit weniger Fett aber viel Fleisch, niederstämmige Obstplantagen entstanden. Der Staat garantierte Mindestpreise für Milch, Fleisch und Getreide und förderte die Produktion in großen Mengen. Die Unterversorgung der Nachkriegszeit schlug bald in eine Überproduktion mit Butterbergen, Milchseen und Fleischüberschüssen um. Die Weizenproduktion pro Hektar verdreifachte sich nahezu zwischen 1950 und 2018 von 2.580 Kilogramm auf 7.387 Kilogramm. Die Kartoffelernte steigerte sich im selben Zeitraum von 24.490 Kilogramm pro Hektar auf 42.197 Kilogramm und die Legeleistung einer Henne pro Jahr von 120 Eiern auf 298 Eier.

Viele kleine Bauern können mit den ständigen Erweiterungen und Neuinvestitionen nicht mithalten. Rund zwei Drittel der Höfe wurden mittlerweile aufgegeben, die verbliebenen Betriebe haben sich dafür enorm vergrößert. Erst 1992 beginnt die EU, die Stützpreise zurückzufahren und umgekehrt Flächenstilllegungen zu fördern. Die Aufgaben der Bauern erweitern sich. Zur Lebensmittelproduktion kommen die Pflege der Kulturlandschaft, die Erhaltung der Artenvielfalt und der Anbau nachwachsender Rohstoffe hinzu. Das Einkommen der Landwirte besteht heute zwischen 40 und 60 Prozent aus staatlichen Transferleistungen. Wie die Landwirtschaft unsere Lebensmittel produziert, wird mittlerweile kontrovers diskutiert. Die Grundkonflikte zwischen Landwirtschaft, Naturschutz und Tierwohl sind nach wie vor ungelöst.

Literatur

 

Zitierhinweis: Felicitas Wehnert, Vom Acker – wie Landwirtschaft die Landschaft prägt, in: Alltagskultur im Südwesten, URL: […], Stand: 08.08.2020