Fastnacht in Allensbach am Bodensee (1958)

Von Felix Teuchert

Fastnacht in Allensbach am Bodensee 1958 [Quelle: Landesfilmsammlung Baden-Württemberg]  

Im überwiegend katholischen Landkreis Konstanz spielt die Fastnacht bis heute eine große Rolle. Auch die Konstanzer Fastnacht folgt mittlerweile der schwäbisch-alemannischen Fastnachtstradition, wie sie beispielsweise in Villingen oder Rottweil zelebriert wird. Dies ist allerdings das Ergebnis einer Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Im Zuge der Wiederentdeckung der schwäbisch-alemannischen Fastnacht seit der Jahrhundertwende kam es zu einem Homogenisierungsprozess, wobei das Vorbild der Rottweiler Fastnacht stilbildend wirkte. Einige Regionen wie die Bodenseeregion wurden davon sogar erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfasst. Die holzgeschnitzten Gesichtsmasken beispielsweise, die typischerweise in Rottweil zu sehen sind, breiteten sich erst in den 1950er und 60er Jahren im Konstanzer Raum aus, als hier auch die Mehrheit der Narrenvereinigungen gegründet wurden. In diesem Filmausschnitt von 1958, der einen Umzug in Allensbach im Landkreis Konstanz zeigt, fehlt von den hölzernen Gesichtslarven noch jede Spur. Die beiden Fahnenträger, die den Zug anführen, erinnern mit ihren Halskrausen noch am ehesten an die schwäbisch-alemannischen Weißnarren. Daneben sind Clowns-Kostüme, Indianer- oder Chinesen-Kostüme zu sehen. Bei solchen „Exotica“ handelt es sich nicht um historisch tradierte Kostüme. Karneval und Fastnacht bieten auch die Gelegenheit, die Rolle des Fremden anzunehmen und aus gewohnten Rollen auszubrechen.

Typische Figuren des Bodenseeraums sind die Narrenmutter oder Narreneltern, die in der Regel repräsentative Kleidung aus dem 18. und 19. Jahrhundert wie Radhaube, Zylinder und Mantel tragen. Eine Maske tragen sie üblicherweise nicht. Dahinter steht die Vorstellung, dass Narreneltern oder Narrenmutter als Oberhäupter der „närrischen Familie“ die Schirmherrschaft über das Fastnachtsgeschehen übernehmen. An einigen Orten zelebrieren die Narreneltern, deren Funktion eher repräsentativer Art ist, eine symbolische Hochzeit. Ob dabei die Narrenmutter von einem Mann gespielt wird, wie es an einigen Orten üblich war und ist, ist auf dem Video allerdings nicht zu erkennen. Heutzutage besinnt man sich, zumindest in der Stadt Konstanz, wieder verstärkt auf historische Traditionen und Vorbilder, die überwiegend aus dem 19. Jahrhundert stammen dürfen. Am „Schmotzigen Donnerstag“ erstürmen die Narren das Rathaus und befreien die Schüler vom Unterricht; abends findet dann der „Hemdglonkerumzug“ statt, der von Schülerinnen und Schülern in weißen Nachthemden und mit weißen Zifpelmützen bestritten wird. Höhepunkt ist der große Fastnachtsumzug am Fastnachtssonntag. Besonders die für den Bodenseeraum charakteristischen Hänsele und Blätzlebuben stechen mit ihren Stoffmasken, den über tausend bunten, schuppenähnlich angelegten Filzwipfeln sowie ihren Hahnenkämmen ins Auge. Die Fastnacht in Allensbach dürfte sich der Konstanzer Fastnacht angepasst haben.

Literatur

  • Berner, Herbert: Sitte und Brauchtum, in: Staatliche Archivverwaltung Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Landkreis Konstanz (Hg.): Der Landkreis Konstanz Bd. II., Sigmaringen 1969, S. 37-90.
  • Mezger, Werner: Schwäbisch-Alemannische Fastnacht. Kulturerbe und lebendige Tradition, Darmstadt 2015.

 

Zitierhinweis: Felix Teuchert, Fastnacht in Allensbach, in: Alltagskultur im Südwesten, URL: […], Stand: 09.11.2020