(Stadt)Chroniken

Von Pia Eckhart

Beginn der Twinger-Chronik in einer Konstanzer Handschrift des frühen 15. Jahrhunderts
Beginn der Twinger-Chronik in einer Konstanzer Handschrift des frühen 15. Jahrhunderts. (Quelle: Universitätsbibliothek Freiburg, HS 471, fol. 13v Lizenz: Public Domain)

Definition der Quellengattung

Im Unterschied zu den meisten anderen Archivaliengattungen, die sich in den Archiven finden lassen, wurden Chroniken ganz bewusst angelegt, um der Nachwelt über die Geschehnisse der damaligen Gegenwart zu berichten. Chroniken wurden in ganz unterschiedlichen sozialen und institutionellen Umfeldern geschrieben, viele stammen aus Städten. Städte sind mit ihren spezifischen baulichen, sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie Kommunikations- und Informationsangeboten ein wichtiger Produktionsort für Geschichtsschreibung. Unter Stadtchroniken versteht man zeitlich geordnete historiographische Aufzeichnungen, die meist von der Gründung an ab urbe condita das alte Herkommen der Stadt bis in die jüngste Vergangenheit aufzeichnen. Stadtchronistik entsteht im Auftrag des Rats, aber auch im Umfeld anderer sozialer Gruppen. Inhaltlich ist einerseits häufig ein Interesse an den kommunal-politischen Gegebenheiten zu beobachten, andererseits wird auch die städtische Lebenswelt zum Thema gemacht. Daneben sind aber eine Vielzahl anderer Formen von städtischer Geschichtsschreibung wie Ratschroniken, Hausbücher und Familienchroniken, Stadtlob und Stadtbeschreibungen, Relationen, Memoiren, Annalen, tagebuchartige oder biographische Aufzeichnungen überliefert. Mit dieser Vielfalt sperrt sich städtische Geschichtsschreibung gegen feste Typologien. Stadtchroniken sind auch kein spezifisches Genre, ihre Formen und Überlieferungszusammenhänge überschneiden sich vielmehr mit Chroniken, die einen anderen thematischen Fokus aufweisen, wie Bistumschroniken, Regional- und Universalchronistik. Sie sind mehr als reine Faktenlieferanten und bieten Einblicke, wie bestimmte Gruppen historisches Wissen verarbeiteten, um sich in der Welt zu orientieren, Rechte oder Rechtsgewohnheiten zu legitimieren, ihre eigene Lebenszeit in eine historische Kontinuität zu stellen und Erfahrungswissen an die nächsten Generationen weiterzugeben. Sie sind zudem ein Indikator für den Wissens- und Informationsstand unterschiedlicher sozialer Gruppierungen und zeigen, für welche Themen sich die Menschen einer Zeit interessierten und was sie für erinnerungswürdig erachteten.

Der Artikel konzentriert sich auf Chroniken, die in den Reichsstädten auf dem Boden des heutigen Baden-Württembergs entstanden sind – von 51 Reichsstädten des Alten Reichs liegen 18 im heutigen Württemberg und 6 in Baden –, und berücksichtigt auch die Bistumsgeschichtsschreibung des einzigen Bischofssitzes Konstanz auf diesem Gebiet, die eng mit der städtischen Geschichtsschreibung verflochten ist, sowie am Rande Regional- und Universalchronistik. Der Fokus auf die Chronik ermöglicht es, die Überschneidungen zwischen diesen Formen im Folgenden darzustellen. Nicht berücksichtig werden dagegen die dynastische Geschichtsschreibung der verschiedenen weltlichen Herrscher (Württemberg, Habsburg, Pfalz, Zollern), Adelschroniken und die humanistisch geprägte Landesgeschichtsschreibung.[1]

Historische Entwicklung

Die städtische Geschichtsschreibung entwickelte sich im 12. Jahrhundert in Italien und ist seit dem 13. Jahrhundert auch nördlich der Alpen anzutreffen. In den Städten verarbeiteten die in zunehmend autonomen Kommunen lebenden Menschen städtisches Schriftgut wie Ratsherrenlisten, aber auch andere historiographische Formen wie gesta episcoporum oder Weltchronistik zu Geschichtsschreibung, die die Stadt thematisch ins Zentrum rückte. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhundert treten auch Reimchroniken hinzu, bis sich die deutsche Prosa durchsetzt. Keines der in der Forschung diskutierten Spitzenwerke dieser Frühzeit ist allerdings auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württembergs entstanden.[2] Wichtig im deutschen Südwesten ist jedoch die Rezeption einer der bedeutendsten Chroniken dieser frühen Zeit, der Straßburger Chronik des Jakob Twinger von Königshofen (1346-1425), zum Beispiel in Konstanz. Dort entstehen im 14. Jahrhundert nicht nur die heute verlorene Stadtchronik des Johannes Stetter, deren Berichtszeitraum bis ins 13. Jahrhundert zurückreichte, sondern auch die sogenannten Konstanzer Jahrgeschichten. Diese sind mehrfach im Anschluss an die Twinger-Chronik überliefert. Die weit verbreitete Straßburger Chronik bot also einen Anknüpfungspunkt für die lokale Berichterstattung anderer Städte.[3] Die Bischofsgeschichtsschreibung reicht in Konstanz zwar weiter zurück; der älteste überlieferte Katalog der Konstanzer Bischöfe ist im 12. Jahrhundert im Kloster Zwiefalten entstanden (heute Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek, Cod. bibl. fol. 58). Aber erst im 15. Jahrhundert entstanden weitere Bischofskataloge, auch im Kontext städtischer Geschichtsschreibung.[4]

Ein frühes Beispiel für das Zusammengehen von Universal-, Regionalchronistik und städtischem Geschichtsinteresse im 14. Jahrhundert ist die Gmünder Kaiserchronik, die vor 1376 vielleicht in der Reichsstadt Gmünd entstand, in jedem Fall aber vom Gmünder Rat in Auftrag gegeben und/oder diesem vom unbekannten Verfasser gewidmet wurde. Diese knappe Universalchronik legt einen regionalen Fokus auf die Herzöge von Schwaben bzw. die römisch-deutschen Kaiser aus der Familie der Staufer, die als Stadtgründer und rechtmäßige Stadtherren von hoher Bedeutung für Gmünd waren. Die Gmünder Kaiserchronik wurde im 15. Jahrhundert im ganzen süddeutschen Sprachbereich verbreitet und bearbeitet, zum Beispiel 1465 und 1467 in der Reichsstadt Aalen durch einen namentlich nicht bekannten Stadtschreiber. Hier ist eine Fokussierung der Darstellung auf die Reichsstadt Aalen und gleichzeitig deren Einordnung in die Heils- und Reichsgeschichte beobachtbar.[5]

Im 15. Jahrhundert nimmt die Zahl der Stadtchroniken dann stark zu. So in Konstanz, wo sowohl das Chronicon Constantiense (Konstanz, Stadtarchiv, A I 1) als auch die von Gebhard Dacher (ca. 1425-1471) verfasste Bistums- und Stadtchronik Bischofskataloge integrieren. Beide beruhen zudem auch auf der bereits erwähnten älteren Stetter-Chronik. Gebhard Dacher stellte in einer Art Schreibbüro eine ganze Reihe von Chronikhandschriften her, die neben seiner eigenen auch die Twinger-Chronik und Ulrich Richentals Chronik des Konstanzer Konzils enthalten.[6] Nach nur spärlichen spätmittelalterlichen Ansätzen in Ulm schrieb der weitgereiste Dominikaner Felix Fabri (um 1438/39-1501) am Ende des 15. Jahrhunderts eine detaillierte und umfangreiche Stadtbeschreibung, den „Tractatus de civitate Ulmensi“ (Ulm, Stadtbibliothek, HS 19555-3). Der Tractatus transportiert historisches Wissen über die Vergangenheit Ulms und wird zu einem der Ausgangspunkte der reichen frühneuzeitlichen Stadtchronistik in Ulm.[7]

Seit dem 16. Jahrhundert treten neben die klassische Chronistik immer mehr Formen der Geschichtsschreibung, zum Beispiel umfangreiche historiographische Sammlungen wie die 16-bändigen Kollektaneen des Überlinger Bürgermeister Jakob Reutlinger (1545-1611). Darin ist in Auszügen auch die ältere Chronik des Überlinger Schuhmachers und Bürgermeisters Lienhart Wintersulger (gest. nach 1480) mit einer Fortsetzung des Stadtschreibers Konrad Zetlers bis 1498 überliefert (Überlingen, Stadtarchiv, Reutlinger Kollektaneen).[8] Ebenso trug Christoph Schultheiss (1512-1584) in Konstanz seine Kollektaneen in acht Bänden zusammen und überlieferte dabei auch die Aufzeichnungen verschiedener Familienmitglieder (Konstanz, Stadtarchiv, A I 8; Karlsruhe, Generallandesarchiv, 65/1060). Schultheiss war ein Vielschreiber und verfasste auch eine Bistumschronik.[9] Andere Städte bekommen nun Chroniken, wie (Schwäbisch) Hall, wo der Pfarrer Johann Herolt (1490-1567) in den 1540er-Jahren eine Chronik der Stadt verfasste und nur zehn Jahre später die Chronik des Georg Widmann (ca. 1486-1560) entstand. Hall ist zudem ein Beispiel dafür, welchen Einfluss Reformation und Konfessionalisierung auf die Geschichtsschreibung nahmen; Herolt schrieb auch eine Geschichte des Bauernkriegs. Beide Haller Chroniken wurden im 17. Jahrhundert mehrfach und auch gemeinsam bearbeitet und abgeschrieben.[10] Auch in Gmünd enstanden im 16. Jahrhundert Chroniken und gegenwartsgeschichtliche Aufzeichnungen, die bis weit ins 17. Jahrhundert rezipiert wurden; die Chronik des Paul Goldsteiner (1505-1590) wertete zum Beispiel auch der „württembergische Historienbücher-Kompilator“ David Wolleb (um 1550-1597) aus.[11]

Zudem treten in der Frühen Neuzeit neben die Führungsschichten und Geistlichen in den Städten weitere Personenkreise, die Chroniken schreiben oder abschreiben. Der Esslinger Handwerksmeister Dionysios Dreytwein (um 1500-1576) schrieb bis 1563/64 über mehrere Jahre kontinuierlich an seinen gegenwartschronistischen Aufzeichnungen, die unter anderem die politischen Veränderungen in seiner Heimatstadt thematisierten. Die Handschrift enthält zudem familiengeschichtliche Aufzeichnungen und eine Liste der Gesellen, die Dreytwein in seinem Haus beherbergte und ausbildete (Stuttgart, Württembergischen Landesbibliothek, Cod. his. f. 679; Dreytweins Franziskaner-Reimchronik im Staatsarchiv Ludwigsburg, B 169 U 575).[12] Der Ulmer Handwerkermeisters Sebastian Fischer (1513-nach 1554) erarbeitete seit 1548 aus gedruckten Chroniken, Publizistik und tagebuchartigen Einträgen eine auch eigenhändig illustrierte Chronik, die mit der Schöpfung einsetzt und 1554 abbricht (von Ulm nach Bayern verbracht, heute München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 3091).[13] Chroniken, zumal in zahlreichen Kompilationen, Bearbeitungen und Abschriften, sind meistens anonym überliefert. Dass die wenigen namentlich bekannten Chronisten männlich sind, darf aber nicht dazu verleiten, anonyme Chroniken im Vorhinein Männern zuzuschreiben, da Frauen ihre Arbeiten seltener unterzeichneten. So wie die Chronistin Anna Schweikart in Ulm, die nur durch ein Lobschreiben des Ulmer Theologen Zacharias Herrmann als Verfasserin einer 1692 entstandenen Ulmer Chronik identifiziert werden kann (Ulm, Stadtarchiv, G 1 084).

Die Forschung zur städtischen Geschichtsschreibung hat sich traditionell auf das Mittelalter konzentriert, nimmt jetzt aber zunehmend auch die Kontinuitäten im 16. bis 18. Jahrhundert in den Blick. Chronistik insgesamt ist ein klassisches handschriftliches Feld bis weit in die Frühe Neuzeit hinein, ohne dass der Einfluss des Buchdrucks unterschätzt werden sollte. In der Inkunabelzeit liegt mit Ulm ein frühes Zentrum für deutschsprachige Literatur auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württembergs (später abgelöst von Augsburg). Dort druckte Konrad Dinckmuth eine Chronik bis ins Jahr 1462, die sowohl die „Schwäbische Chronik“ des sogenannten Thomas Lirer als auch eine Bearbeitung der Gmünder Kaiserchronik enthielt,[14] während bei Johann Zainer die „Tütsche Chronica“ des Ulmer Arztes und Literaten Heinrich Steinhöwel erschien.[15] Zwar kamen nur wenige Chroniken in den Druck, diese sind aber in den Städten rezipiert worden; so druckte Johann Blaubirer 1480 in Augsburg eine Chronik, die sowohl auf der gedruckten Twinger-Chronik und der Tütschen Chronik als auch auf die Stuttgarter Stiftschronik basierte.[16] Auch eine gelehrte lateinische Weltchronik, wie die des Tübinger Gelehrten Johannes Nauclerus, mit einer Fortsetzung von Nikolaus Baselius 1516 erschienen, wurde von Chronist*innen als Vorlage genutzt. Wichtige Informationsquellen sind aber vor allem Kleindrucke, die über städtisch-kommunale Ereignisse ebenso berichteten wie über Nachrichten aus der weiten Welt und vielfach in handschriftlichen Chroniken verarbeitet wurden. Auf der anderen Seite kam klassisches Material aus städtischen Chroniken unter anderen Labeln in den Druck, z. B. findet es sich in den großen chronographisch-topographischen Werken von Sebastian Münster und Johann Stumpf. Im 1538 gedruckten „Germaniae Chronicon“, eigentlich eine Geschichte der Deutschen seit der Antike, behandelte Sebastian Franck (1499-1542) in einem ans Ende gestellten Ortsverzeichnis die schwäbische Landschaft und die Geschichte vieler Städte des heutigen Baden-Württembergs mehr oder weniger ausführlich. Es wäre interessant zu klären, woher er seine Informationen im Einzelnen bezog. Für Ulm, wo Franck das Chronicon auch verfasste, übersetzte und bearbeitete er Fabris „Tractatus de civitate Ulmensi“ zu einer kurzen deutschen Ulmer Chronik, die dort vielfach abgeschrieben und fortgeführt wurde.[17] Druck und Handschrift stehen also in einem dynamischen Austauschverhältnis.

Ein Ende der Chronistik in den Städten und außerhalb lässt sich kaum feststellen, sie geht vielfach mit ähnlichen Inhalten in Tagebücher und Memoiren über. In Ulm verfasste der Ratsherr, Architekt, Ingenieur und Vielschreiber Joseph Furttenbach (1591-1667) mehrere Ulmer Chroniken, heute im dortigen Stadtarchiv.[18] In Biberach zeichneten der Stadtammann Johann Georg Lupin (1677-1752) seit 1685 und sein Schwiegersohn Johann Heinrich von Braunendal (1677-1752) seit 1707 die wichtigsten Ereignisse jedes Jahres mit Tagesdatum auf (Pfarrarchiv Sankt Martin, Biberach).[19] Im 17. und 18. Jahrhundert wurden auch in Rottenburg, Reutlingen, Ravensburg, Isny und Leutkirch Chroniken geschrieben.[20] Im Jahr 1738 versuchte der Ulmer Rat die „unnöthige Chronikschreiberei“ einzudämmen und forderte die Bevölkerung (scheinbar erfolglos) auf, Chroniken beim Bürgermeister abzugeben.[21] Noch am Beginn des 19. Jahrhunderts fertigte der Buchholzer Kaplan Joseph Felizian Geissinger (1740-1806) mehrere prächtig illustrierte Handschriften an, darunter eine Chronik der Stadt Freiburg (Freiburg, Universitätsbibliothek, Hs 497-1-3). Den Drang, die Geschichte ihrer Lebenswelt geordnet aufzuschreiben und ihre eigene Lebenszeit zu dokumentieren, legten die Menschen nicht ab, es wurden eher immer weitere Bevölkerungsgruppen davon erfasst.[22]

Aufbau und Inhalt

Chronistik im engeren Sinne meint die annalistische Anordnung einzelner Ereignisse, die mehr oder weniger ausführlich geschildert werden, und im weiten Sinne jede Form von chronologisch-strukturiertem Schreiben über die Vergangenheit.[23] Eine typische Form der Chronik zeichnet sich aus durch einen zeitlich fixierten Anfang (Schöpfung, Gründungsakt eines Bistums, einer Stadt oder eines Klosters, Spitzenahn einer Dynastie etc.) und erzählt dann das Herkommen, bis die Darstellung immer ausführlicher wird, je mehr sie sich der Entstehungszeit der Chronik nähert. Auch wenn Chroniken manchmal ein formales Ende gesetzt ist (z. B. Beilegung eines Konflikts, Tod eines Herrschers oder ähnliches), sind sie doch offene Formen bzw. unfeste Texte, die sich grundsätzlich für eine Fortführungen anbieten. Diese Eigenschaften teilen Stadtchroniken mit Chronistik über Völker, Herrscher, Klöster oder Bistümer, sie sind also kein spezifisches Genre. Sie zeichnen sich vielmehr dadurch aus, dass sie thematisch auf die städtische Lebenswelt und ihre Bewohner*innen und/oder auf die Herrschaft und Rechte der Kommune fokussiert sind. Sie wurden von städtischen Akteur*innen und/oder für städtische Gruppen produziert. Dabei integrieren Stadtchroniken auch regional- und reichsgeschichtliche oder universalchronistische Elemente. Der Aufbau folgt dabei idealtypisch dem folgenden Muster.

Zu Beginn steht die Schilderung der Anfänge oder Ursprünge, über die oftmals nur wenige Informationen verfügbar waren. Diese Ursprungserzählungen unterscheiden Chroniken von rein gegenwartschronistischen, kontinuierlichen Aufzeichnungen wichtiger Ereignisse, Naturphänomene, Preise etc. Dem Anfang der eigenen Geschichte kam besondere Bedeutung zu, da im Ursprung der gegenwärtige Status und Anspruch einer Institution oder Körperschaft als schon in der Vergangenheit angelegt präsentiert werden konnte. Ursprungsgeschichten fundierten und erklärten so die Vergangenheit und legitimierten den Status quo. Zudem war der Beleg der eigenen Anciennität wichtig, um sich in der Rangfolge der Städte zu positionieren. So schrieb der Ulmer Dominikaner Felix Fabri: „Eine Stadt ist nämlich vornehmer als die andere, sei es durch ihre Lage (…), sei es durch ihr Alter (…), sei es durch Heiligkeit (…).“[24]

Eine Brücke zwischen diesen oft konstruierten, aber als wahr akzeptierten Anfängen und der Gegenwart schlug das sogenannte Herkommen, das sowohl Quellen- als auch Forschungsbegriff ist. „Bei der Semantik von Herkommen wirken die Aspekte Migration, Genealogie, Sukzession, Rechtsgewohnheit und Tradition bzw. Geschichte zusammen.“[25] Um diese Verbindung herzustellen, orientierten sich Stadtchroniken an ganz unterschiedlichen Strukturierungselementen, gerade weil Bürgermeister- oder Ratslisten meist nicht weit genug zurückreichten. Im Anschluss an Universalchroniken wie die Twinger-Chronik konnten das Papst-Kaiser-Listen sein, ebenso wurden die dynastischen Genealogien der Stadtherren herangezogen. In der Bischofsstadt Konstanz nutzte man den Bischofskatalog, um Kontinuität darzustellen. Auch hieran wird deutlich, dass starre Genregrenzen bei der Erforschung von Chronistik eher hinderlich sind.

Der Schwerpunkt der Darstellung einer Chronik lag meist auf der unmittelbaren Vergangenheit bzw. den letzten beiden Generationen und damit auf der Gegenwartschronistik. Hierfür wurden von den Chronist*innen ganz unterschiedliche mündliche und schriftliche Informationen und Quellen ausgewertet, was sich auch in der Vielfalt der verhandelten Inhalte widerspiegelt. Dazu zählten herausragende Ereignisse wie Gründungsakte, die Verleihung von Stadtrechtsprivilegien, Herrschereinzüge, innere Konflikte, Kriege und Schlachtengedenken, Stadtbrände und andere Katastrophen, Wetterereignisse, Teuerungen und Ernten, Feste und Prozessionen. Meist diente die Zeit als Strukturierungselement, das aber durch längere Schilderungen bestimmter thematischer Zusammenhänge unterbrochen sein kann. Der Berichtshorizont der Chroniken überschritt regelmäßig die Stadtmauern, sie verbanden lokale mit überregionalen und Reichsereignissen (wie Königswahlen, die Bedrohung durch das Osmanische Reich, Wundergeschichten, Kirchenstreitigkeiten). Auch der räumliche Aspekt verdient Beachtung, indem Chroniken die Veränderung des Stadtraums, des Territoriums oder der umgebenden Herrschaften über die Zeit chronographisch festhielten und beschrieben.[26] In einigen Chroniken sind Dokumente inseriert wie städtische Urkunden und Listen, wenn Zugang zum arkanen Herrschaftsbereich des Rats bestand (Ratschronistik, amtliche Historie), oder auch offiziöse Kleindrucke, Flugblätter, Lieder und ähnliches. Bistumschroniken inserierten oftmals wichtige Urkunden zum Verhältnis von Stadt und Bistum. Städtische Hauschroniken und Familienbücher enthalten oft genealogisches, heraldisches oder biographisches Material. Es sei daran erinnert, dass neben den hier in den Blick genommenen Chroniken eine Vielzahl von Ausprägungen städtischer Geschichtsschreibung überliefert ist, deren Inhalte und Formen sich überschneiden.

Als „Dreh- und Angelpunkte städtischer Geschichtsschreibung“ erweisen sich konkrete städtische Werte, nämlich Einmütigkeit, gemeiner Nutzen und die städtische Ehre (honor).[27] Chroniken dienten sowohl der geistlichen wie auch der säkulären Memoria, also der Erinnerung an bedeutungsvolle Ereignisse und Personen. Ein manchmal auch explizit formuliertes Ziel war es dabei, historisches Wissen über die eigene Vergangenheit, Erfahrungswissen und Exempla für die nachfolgenden Generationen zu sichern. Aus den genannten Gründen wurde dafür der Anschluss an die legitimierenden Ursprünge und das eigene Herkommen immer wieder gesucht, das Rad aber nicht neu erfunden: Als Basis für Chroniken ab urbe condita dienten in der Regel ältere Chroniken, die dynamisch abgeschrieben, gegebenenfalls angepasst und dann fortgeführt wurden. Chroniken sollten daher als potentiell offene, unfeste Texte und nicht als geschlossene Werke aufgefasst werden; Überlieferungsgeschichte und Überlieferungszusammenhang sind bei ihrer Erforschung entscheidend und liefern oft mehr Informationen über die Vergangenheit als die Inhalte selbst (siehe unten die Abschnitte Überlieferungslage und Quellenkritik).

Überlieferungslage und ggf. vorarchivische/archivische Bearbeitungsschritte

Für Chroniken, die meist in Handschriften oder Sammelhandschriften überliefert sind, fallen Entstehungszusammenhänge und Aufbewahrungsinstitutionen oft auseinander. So liegen zum Beispiel von den derzeit bekannten 21 Handschriften der Gmünder Kaiserchronik nur zwei im heutigen Baden-Württemberg.[28] Auch wenn städtische Chroniken und andere Geschichtsschreibung oft im entsprechenden Stadtarchiv aufbewahrt werden, heißt das nicht, dass ähnliche Handschriften nicht auch in anderen Bibliotheken und Archiven zu finden sind.[29] Chroniken wurden schon im Mittelalter getauscht, ausgeliehen, abgeschrieben, verschleppt, gestohlen, gesammelt und wieder zerstreut. Dazu kommen die Umverteilungen durch Mediatisierung und Säkularisierung am Ende des Alten Reichs. So finden sich heute die meisten Handschriften zur Konstanzer Stadt- und Bistumsgeschichte neben dem Stadtarchiv Konstanz im Generallandesarchiv Karlsruhe, aber auch in der Zentralbibliothek Zürich. Die Konstanzer Jahrgeschichten zeigen dabei eine besonders weite Streuung.[30] Für Handschriften erleichtern Hilfsmittel die institutionsübergreifende Suche (siehe unten Abschnitt Benutzung).

Eine Besonderheit von Chroniken ist auch, dass sie mal Archiven, mal Bibliotheken zugewiesen wurden, je nachdem, ob man ihren literarischen oder ihren dokumentarischen Charakter stärker gewichtete. Allgemein ist zu beachten, dass die in Editionen und älterer Forschungsliteratur genannten (Alt-)Signaturen oft einer Aktualisierung bedürfen; hier helfen die aufbewahrenden Institutionen weiter. Sie sind auch insofern von Bedeutung, weil Archivar*innen und Bibliothekar*innen bei der Erschließung unterschiedlichen Konventionen folgen. Klassische Handschriftenkataloge sind üblicher in Bibliotheken (vor allem wissenschaftlichen Landes- und Universitätsbibliotheken) als in Archiven, deren (Online-)Findmittel aber Kurzbeschreibungen liefern. Kleineren Institutionen stehen zudem oft nicht die Ressourcen für wissenschaftliche Handschriftenkatalogisierung zu Verfügung.

Wo vorhanden, bieten Handschriftenbeschreibungen nach DFG-Richtlinien grundlegende Informationen über Lokalisierung und Datierung von Handschriften sowie Materialität, kodikologischen Aufbau, Inhalt und Textgemeinschaften, Provenienzgeschichte (Vorbesitz) etc. Solche aufwändigen Beschreibungen sind für mittelalterliche Handschriften üblich, liegen allerdings für einen Großteil der frühneuzeitlichen Überlieferung noch nicht vor.

Quellenkritik und Auswertungsmöglichkeiten

Die klassische Quellenkritik des 19. Jahrhunderts bewertete Chroniken als Traditionsquellen, weil sie mit einer Überlieferungsabsicht entstanden sind. Dementsprechend tendenziös, attestierte man ihnen nur einen geringen Quellenwert, der dem von Überresten wie Urkunden bei Weitem nachstehe. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts erkannte man Geschichtsschreibung dann als eigenen Untersuchungsgegenstand an. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt ihrer Inhalte wurden die Funktionen, Entstehungssituationen und Darstellungsabsichten von Chroniken untersucht und damit gerade ihrer „Tendenz“ ein Informationswert für das Handeln und Denken der Menschen ihrer Entstehungszeit zugesprochen. Unter dem Eindruck der neueren Kulturwissenschaft werden Chroniken unter den Schlagworten des kulturellen Gedächtnisses, aber auch für kommunikations- und wissensgeschichtliche Fragestellungen ausgewertet (siehe unten Abschnitt Forschungs- und Editionsgeschichte). Eine Hilfestellung für die Auswertung von Chroniken bietet das Handbuch „Geschichte schreiben“, das theoretische Einführungsartikel zu Orten, Prozessen und Erzählungen der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichtsschreibung mit praktischen Anwendungsbeispielen für die Interpretation ganz unterschiedlicher historiographischer Medien verbindet.[31] Ein hilfreiches Mittel für den regionalen Vergleich bietet der Sammelband „Chroniken als Quellen der landesgeschichtlichen Forschung“, dessen Einzelstudien verschiedene Chronikarten aus dem Gebiet des historischen Westfalen vorstellen und dabei immer Quellenarbeit und Auswertungsmöglichkeiten thematisieren.[32]

Chroniken sind intentional und enthalten, was Menschen für erinnerungswürdig hielten und was ihnen half, sich in der Welt und der Zeit zu verorten und für die Gegenwart Sinn zu stiften. Auch wenn sie daher als reine Faktenlieferanten unbefriedigend erscheinen mögen, ist doch ernst zu nehmen, dass Chronist*innen einen ausgeprägten Wahrheitsanspruch hatten. Selbst bis zu Adam oder den Amazonen zurückreichende Geschichtskonstruktionen und Ursprungsgeschichten forderten und erforderten soziale Akzeptanz und Glaubwürdigkeit, um weitertradiert zu werden. Wie und mit welchen Inhalten historisches Wissen generiert, geordnet und zu Geltung gebracht werden konnte, ist daher eines der Erkenntnisziele, die sich heute an Stadtchroniken richten.

Ein weiteres, klassisches Erkenntnisinteresse der Forschung richtet sich auf die Gedächtnisbildung und Memoria in der städtischen Gesellschaft und versteht Geschichtsschreibung dabei als ein spezifisch schriftliches Medium im Wechselspiel mit anderen Medien. Das städtische Geschichtsbewusstsein wird anhand von Denkmälern, Brunnen, Bildprogrammen und Inschriften, Prozessionen und Schlachtgedenken im Stadtraum untersucht, wobei die „Gemeine Rede“ bzw. Überreste oraler Vermittlung und Geschichtsschreibung oft fundierend oder erläuternd zu solchen Memorialorten in der Stadt in Beziehung stehen.[33]

Erforscht wird zudem die Bedeutung von Geschichtsbildern für die Legitimation von Rechts- und Statusansprüchen, für die eigene Verortung in der Welt und die Identitätsstiftung von Gruppen. Gruppen „entwerfen ein durch die Vergangenheit geformtes Selbstbild und halten als Zeitgenossen Erfahrungen fest, die einmal Vergangenheit sein werden.“[34] Ging die ältere Forschung noch von einem relativ monolithen „bürgerlichen Selbstverständnis“ aus, das sich in den Stadtchroniken ablesen ließe, richtet sich der Blick nun auf Erzählgemeinschaften bzw. Kommunikations- oder Textgemeinschaften, für die und von denen Handschriften produziert und rezipiert worden sind. Hier lassen sich durchaus auch Konkurrenzen um die Deutung der Vergangenheit und die Geschichtshoheit erkennen.[35]

Die handschriftlichen Geschichtswerke können also als Kommunikationsmedien begriffen werden und die Prozesse des Schreibens als Form der Gruppen- und Elitenbildung in der Stadt, die durch (postulierte) Wissensdifferenzen und den Austausch von bzw. die Zugriffsbeschränkung auf historiographische Handschriften funktioniert.[36] Als soziale und kulturelle Praxis wird Geschichte schreiben zudem als kontinuierliche Form der Informationsaufnahme und -verarbeitung (chronicling), aber auch als Mittel der persönlichen Profilierung und Selbstdarstellung untersucht.[37] In jüngster Zeit sind Stadtchroniken auch wieder stärker in die Stadtgeschichtsforschung miteinbezogen worden, konkret für die Weiterentwicklung der Frage, was die vormoderne Stadt jenseits von normativen rechts-, sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Definitionen als Stadt konstituierte.[38]

Chroniken sind bis weit in die Neuzeit hinein eng mit dem handschriftlichen Medium verbunden, auch wenn der Einfluss des Buchdrucks für Kommunikationsräume und Informationsbeschaffung nicht übersehen werden darf. In welcher Form Chroniken überliefert sind – als illuminierte Reinschriften, vielfach überarbeitete und annotierte Arbeitshandschriften, als Teil der Textgemeinschaft einer planvoll angelegten Multi-Text-Handschrift oder zusammengebunden mit anderen (Gebrauchs-)Texten einer Sammelhandschrift –, kann viel darüber aussagen, wie Chroniken entstanden sind, in welchen sozialen oder institutionellen Kontexten sie benutzt, rezipiert und über die Zeit aufbewahrt worden sind. Aus den hier knapp vorgetragenen Erkenntnisinteressen, die die Forschung an Stadtchroniken richtet, wird deutlich, dass diese inzwischen viel weiter gesteckt sind als der traditionelle Fokus auf auktoriale Werke oder „Ur-Texte“ und die causae scribendi, also die Schreibanlässe und Intentionen der Autor*innen, die noch den älteren Editionen zugrunde lagen.

Vielmehr kann potentiell jeder einzelne handschriftliche Überlieferungsträger einer Chronik Auskunft geben über Produktionsprozesse einerseits (z. B. Informationshorizonte, Kompilations- und Bearbeitungsschritte, Adressierung bestimmter Gruppen etc.) sowie andererseits Textrezeption und alle möglichen Formen des Gebrauchs, auch der Handschrift als Objekt. Die Materialität der Handschriften wird daher in die Untersuchung miteinbezogen, das heißt, Ausstattung, mise-en-page, Paratexte, ggf. Textgemeinschaften in Multi-Text-Handschriften und Sammelhandschriften und vieles mehr. Die jeweilige Bearbeitungsstufe, vom Autograph bis zur reproduzierenden Abschrift, sowie alle nachvollziehbaren Prozesse der Verschriftlichung, ggf. Besitz- und Gebrauchsspuren oder Annotationen nachfolgender Leser*innen können dafür ausgewertet werden. Gerade durch das kontinuierliche Abschreiben, Umschreiben, Kürzen und Fortsetzen, das mit Chroniken einherging, arbeitet die Forschung im Allgemeinen heute oft stark überlieferungsorientiert, d.h. nicht nur die Inhalte der Chroniken sind von Interesse, sondern für ihr Verständnis ist die Einbindung in text- und überlieferungsgeschichtliche Zusammenhänge grundlegend.[39]

Hinweise zur Benutzung

Chronikhandschriften sind soweit in öffentlicher Hand befindlich in der Regel uneingeschränkt nutzbar. Allerdings sind gerade neuzeitliche Handschriften oftmals noch nicht digitalisiert. Wegen der zersplitterten Aufbewahrung von Textzeugen ebenso wie den oft veralteten Editionen ist es ratsam, verschiedene Hilfsmittel heranzuziehen, um sich einen Überblick über die handschriftliche Überlieferung zu verschaffen. Schnelle, wenn auch nicht systematische Zugänge bieten Online-Hilfsmittel wie das Repertorium „Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters“ (das aber teilweise einen veralteten Stand abbildet);[40] auch existieren für viele Chroniken ausführliche und gut verlinkte Wikipedia-Artikel (menschengeneriert und noch frei von KI-Halluzinationen). Für mittelalterliche, deutschsprachige Handschriften (750-1520) liefert der Handschrifencensus wertvolle Informationen zur Mitüberlieferung und verlinkt auf Digitalisate und Handschriftenbeschreibungen (laufend aktualisiert, mit Literaturhinweisen).[41] Das noch im Aufbau befindliche Handschriftenportal soll alle in deutschen Institutionen befindlichen Buchhandschriften bis in die Neuzeit erfassen und institutionenübergreifend durchsuchbar machen; es integriert das ältere Angebot Manuscripta Mediaevalia (Retrodigitalisierung und übergreifende Suche in deutschen Handschriftenkatalogen).[42] Immer noch wertvoll sind ältere Handbücher wie das „Verfasserlexikon“, das die Überlieferung auf Handschriftenniveau dokumentiert. Einen ersten Zugang zur schieren Breite der Überlieferung und zur grundlegenden Forschungsliteratur bietet die „Encyclopedia of the Medieval Chronicle“ (Druckausgabe via Internet Archive oder lizenzpflichtige Datenbank) und ausführlicher zu den verschiedenen Arten von Chroniken das „Handbuch Chroniken des Mittelalters“.[43] Neben diesen ersten Zugriffen auf Überlieferung und Forschung ist die Durchsicht der archivischen Findmittel und Bibliothekskataloge bzw. Handschriftenbeschreibungen grundlegend (siehe oben Abschnitt Überlieferungslage).

Gedruckte Chroniken können über den Gesamtkatalog der Wiegendrucke und über die retrospektiven Nationalbibliographien VD16, VD17 und VD18 recherchiert werden, die kontinuierlich erweitert bzw. aktualisiert werden und auch verfügbare Digitalisate verlinken. Eine Metaplattform, die die Suche über nationale Bibliographien hinweg erleichtert und Exemplare weltweit verzeichnet (im Aufbau, nicht vollständig), ist der Universal Short Title Catalogue (1450-1650).[44]

Forschungs- und Editionsgeschichte

Der Begriff der Stadtchronik ist nicht zeitgenössisch, sondern aus den Quellenkunden den Editionsreihen des 19. Jahrhunderts heraus entstanden, die oftmals strukturierend in die Überlieferung eingriffen und monographische Chroniken erst formten. Während Bistumschroniken überhaupt nicht ediert worden sind,[45] muss für die städtische Geschichtsschreibung das Editionsunternehmen „Die Chroniken der deutschen Städte“ als maßgeblich gelten. Dort wurde seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter der Leitung von Karl Hegel die reiche mittelalterliche Überlieferung der großen Reichsstädte ediert. Den Quellenwert der Chroniken bewertete man positivistisch als eher gering und griff entsprechend in die Überlieferung ein: „redundante“, weil aus älteren Chroniken kompilierte Elemente der Handschriften wurden ausgelassen, sofern sie keine neuen Informationen enthielten; Textgemeinschaften in Handschriften wurden meist ignoriert. Frühneuzeitliche Handschriften interessierten nur dort, wo mittelalterliche Texte sich ausschließlich in jüngeren Handschriften fassen ließen. Die Editionen präsentieren Chroniken stattdessen als eigenständige monographe Werke und zielten auf auktoriale „Ur-Texte“, die oft erst philologisch rekonstruiert werden mussten. Anonym überlieferte Chroniken wurden wo immer möglich historisch fassbaren Personen zugeschrieben.

„Die Chroniken der deutschen Städte“ haben die Forschung zur städtischen Geschichtsschreibung lange Zeit bestimmt, sie sind aber Torso geblieben. So ist keine einzige Stadt des heutigen Baden-Württembergs dort repräsentiert. Die Lücken wurden durch Editionsreihen für einzelne Städte und die Arbeit von historischen Kommissionen und Vereinen gefüllt, zum Beispiel die Haller Chroniken in den „Württembergischen Geschichtsquellen“ oder die Chronik Sebastian Fischers in den „Mitteilungen des Vereins für Kunst und Alterthum in Ulm und Oberschwaben“.[46] Ein besonders eindrückliches Beispiel für eine Edition, die Chroniken als Werke konstruiert, die mit den tatsächlich überlieferten Handschriften nur noch wenige Gemeinsamkeiten haben, ist Philipp Rupperts „Die Chroniken der Stadt Konstanz“.[47] Weil die erkenntnisleitenden Editionsrichtlinien der „Chroniken der deutschen Städte“ und ähnlicher Editionen des 19. und 20. Jahrhunderts gut aufgearbeitet sind und sich zudem die Erkenntnisinteressen verschoben haben, dominiert in der Forschung ein überlieferungsorientierter Ansatz, der bei den Handschriften ansetzt (siehe oben Abschnitt Quellenkritik und Auswertungsmöglichkeiten). Für einzelne Chroniken liegen daneben aber auch neuere Transkriptionen oder Editionen vor.

Lange Zeit hat sich die Forschung aus verschiedenen Disziplinen heraus um eine terminologische Festlegung der „Chronik“ bemüht, Einigkeit über feste Gattungsgrenzen besteht aber bis heute nicht.[48] Auch können die wiederholten Versuche, Typologien aufzustellen und damit die reiche städtischen Überlieferung zu ordnen, keinen allgemeinen Konsens beanspruchen.[49] Der weitgesteckte Begriff der städtischen Geschichtsschreibung, welcher bewusst neben den Chroniken auch andere historiographische Formen einschließt, bezeichnet ein etabliertes Forschungsfeld, das sich traditionell auf die autonomen (Reichs-)Städte im heutigen Deutschland, der Schweiz und Italien konzentriert. So wie sich kein Konsens über Gattungsgrenzen und die Einteilung der Überlieferung in Typologien durchsetzen konnte, wird auch dieser geographische Fokus zunehmend aufgegeben – gerade wenn man sich vom angeblichen „Prototyp“ der Stadtchronik löst und die vielfältige Überlieferung in weiteren Städte untersucht.[50]

Die Forschungsgeschichte zur städtischen Geschichtsschreibung seit dem 19. Jahrhundert mit ihren weitreichenden Veränderungen in der zweiten Hälfte des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist wiederholt reflektiert worden, unter Nennung der einschlägigen Sammelbände und Einzelstudien.[51] Darauf aufbauend entstehen nicht nur weiter Einzelstudien zu bestimmten Städten oder Chroniken, sondern auch Beiträge und Sammelbände, die neue Perspektiven auf die vormoderne Geschichtsschreibung entwickeln wollen.[52]

Anmerkungen

[1] Vgl. mit Beispielen aus dem Südwesten Wolf, Hauschroniken. Zur Klostergeschichtsschreibung vgl. Schaeuble, Klosterchroniken.

[2] Vgl. Johanek, Anfänge. Vgl mit anderer Schwerpunktsetzung Dumolyn/Van Bruaene 2019, 10. Ein Vergleich von Oberdeutschland und den Hanseraum bei Rohmann, Reichweiten.

[3] Vgl. Serif, Geschichte.

[4] Zu Konstanzer Bischofskatalogen mit Hinweisen auf die ältere Literatur Eckhart, Ursprung, bes. S. 141-148. Grundlegend zum Verständnis von Bistumsgeschichtsschreibung Müller, Text, bes. 39-44.

[5] Vgl. Graf, Geschichten, zu Aalen S. 193-200. Johanek, Weltchronik.

[6] Vgl. Serif, Geschichte, 70-77, sie stellt die einschlägige Literatur zu Gebhard Dacher zusammen.

[7] Vgl. Reichert, Tractatus.

[8] Vgl. Boell, Sammelwerk.

[9] Vgl. Eckhart, Ursprung, S. 552-555.

[10] Vgl. Kolb, Geschichtsquellen, 2 Bde. Eine ganze Reihe Chronikhandschriften werden im Stadtarchiv Schwäbisch Hall aufbewahrt, darunter insbesondere in der Bibliothek des Historischen Vereins für Württembergische Franken.

[11] Vgl. Graf, Chroniken, hier S. 182.

[12] Vgl. Nikitsch, Dreytwein. Bruch, Materialität, S. 148-158.

[13] Vgl. Pfeifer, Geschichtsschreibung, S. 18-41. Bruch, Stimmen.

[14] Vgl. https://geschichtsquellen.de/werk/2027 (13.04.2026).

[15] Vgl. https://geschichtsquellen.de/werk/4426 (13.04.2026).

[16] Vgl. https://geschichtsquellen.de/werk/4809 (13.04.2026).

[17] Vgl. künftig Eckhart, Stadt.

[18] Vgl. Rößler, Verzeichnis.

[19] Edition und Einleitung bei Diemer, Chroniken.

[20] Vgl. Lang, Stadtchroniken. Zu Gmünd vgl. Graf, Geschichtsschreibung.

[21] Zitiert nach Pfeifer, Geschichtsschreibung, S. 13 u. Anm. 4.

[22] Vgl. Pollmann, Archiving. Waddel, Life Writing. Wolf, Einleitung, S. 33f., setzt dagegen das Ende der traditionellem mittelalterlichen Chronistik im christlichen Europa auf den Beginn des 17. Jahrhunderts, wobei Stadtchroniken besonders langlebig gewesen und bis weit in die Frühe Neuzeit fortgeführt worden seien.

[23] Entsprechend wurde dem ‚Handbuch Chroniken des Mittelalters‘ ein pragmatischer Zugriff zugrunde gelegt: „Als Chronik wird für dieses Handbuch ganz allgemein ein Text definiert, in dessen Mittelpunkt (real-)historische Ereignisse stehen, deren wichtigste Umstände (Raum, Zeit, Personen) genannt werden, der die Vergangenheit als fortlaufendes Kontinuum, also nach der Abfolge der Zeiten, darbietet und in dem die berichteten Ereignisse nicht als isolierte Daten verstanden, sondern in einen übergeordneten Zusammenhang gestellt und eher narrativ, in Versform oder einer rhetorisch elaborierten Prosa, als analytisch-systematisch aufbereitet werden.“ Wolf, Einleitung, S. 26.

[24] Reichert, Tractatus, S. 127.

[25] Immer noch grundlegend Graf, Ursprung, hier S. 2.

[26] Vgl. Rau, Geschichten, S. 459.

[27] Johanek, Gedächtnis, S. 339.

[28] Vgl. https://handschriftencensus.de/werke/2197 (13.04.2026). Graf, Geschichten, S. 158-192.

[29] Das Stadtarchiv Ulm verwahrt um die 200 frühneuzeitliche Chronikhandschriften im Bestand G1 Chroniken. Eine wachsende Liste von Ulmer Chroniken in anderen Institutionen bei Graf, Geschichtsschreibung.

[30] Vgl. zur Überlieferung Serif, Jahrgeschichten.

[31] Vgl. Studt/Rau, Geschichte.

[32] Vgl. Pätzold, Chroniken.

[33] Vgl. Johanek, Gedächtnis, S. 343-351 mit Hinweisen auf die ältere Literatur.

[34] Johanek, Gedächtnis, S. 343. Grundlegend zur Frage der städtischen Identität Meyer, Stadt.

[35] Vgl. Johanek, Erzählgemeinschaften. Eckhart, Ursprünge.

[36] Vgl. zusammenfassend Eckhart/Tomaszewski, Geschichtsschreibung, S. 31-33.

[37] Vgl. Pollmann, Archiving.

[38] Vgl. Kipf/Schwarz, Einleitung. Städtische Geschichtsschreibung wird hier als Teil der Literaturproduktion in der Stadt aufgefasst.

[39] Vgl. Serif, Geschichte. Rau, Schreiben. Die methodischen Konsequenzen reflektiert konzise Rohmann, Geschichtsschreibung.

[40] Vgl. https://geschichtsquellen.de/start.

[41] Vgl. https://handschriftencensus.de/.

[42] Vgl. https://handschriftenportal.de/.

[43] Vgl. Verfasserlexikon. Encyclopedia of the Medieval Chronicle. Handbuch Chroniken.

[44] Gesamtkatalog der Wiegendrucke: https://www.gesamtkatalogderwiegendrucke.de/. VD16: https://www.bsb-muenchen.de/sammlungen/historische-drucke/recherche/vd-16/. VD 17: http://www.vd17.de/. VD 18: https://vd18.gbv.de/viewer/index/. USTC: https://www.ustc.ac.uk/.

[45] Grundlegend zur Überlieferung Müller, Bistumsgeschichtsschreibung.

[46] Vgl. Württembergische Geschichtsquellen. Veesenmeyer, Chronik.

[47] Vgl. Ruppert, Chroniken. Eckhart, Ursprung, S. 518-520.

[48] Vgl. Dunphy, Chronicles. Wolf, Einleitung.

[49] Vgl. aber Johanek, Gedächtnis, S. 383-387.

[50] Vgl. exemplarisch Dumolyn/Van Bruaene, Introduction.

[51] Vgl. Serif, Geschichte, S. 6-12. Dumolyn/Van Bruaene, Introduction. Johanek, Gedächtnis, S. 372-379. Schwarz, Stadtgeschichtsschreibung, S. 297-302.

[52] Vgl. Eckhart/Tomaszewski, Geschichtsschreibung. Kipf/Schwarz, Stadtgeschichte(n). Angekündigt ist Clemens/Schäfer, Autor. Exemplarisch zur Verflechtung von Stadt- und Landeschronistik, die auch für den deutschen Südwesten sicher noch nicht erschöpfend aufgearbeitet ist, künftig Schneider/Studt/Zdichynec, Geschichtsschreibung.

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Zitierhinweis: Pia Eckhart, (Stadt)Chroniken, in: Südwestdeutsche Archivalienkunde, URL: […], Stand: 04.09.2026.

 

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